Musikförderung

IG Musik Basel fordert mehr Mittel, mehr Chancengleichheit

IG Musik

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In Basel herrscht ein Ungleichgewicht. Die IG Musik Basel konkretisiert ihre Forderungen auf dem Weg zur Volksinitiative für eine faire Musikförderung.

Sie waren die ersten, die das ­Ungleichgewicht in der Basler Musikförderung in dieser Deutlichkeit benannten. Dabei ­waren die Zahlen schon lange vor dem ersten Schreiben der IG Musik Basel bekannt: 97 Prozent des Musikbudgets gehen an die Klassik. Pop, Rock, Jazz, improvisierte Musik, Metal, Experimental, Hip-Hop und weitere Stile müssen sich die verbleibenden drei Prozent teilen.

Als sich die Interessensgemeinschaft im vergangenen November erstmals zu Wort meldete, horchte die Szene auf. Der Zuspruch war gross, zahl­reiche Musikschaffende unterzeichneten einen offenen Brief an die städtische Kulturabteilung. Beiträge zu diesem Thema wurden auf den Sozialen Medien rege geteilt und feurig kommentiert. Und im Februar folgten knapp zwei Hundertschaften dem Ruf der IG zu einem ersten Informations-Treffen in den Basler Club Humbug.

Ungleichgewicht in den bestehenden Strukturen

Seither ist es in der öffent­lichen Wahrnehmung um das Thema wieder ruhiger geworden. Das hat vor allem mit der Coronakrise zu tun, die den Fokus auch in der Kultur auf andere Probleme gelenkt hat. Dabei hatte die Problematik um die ungleiche Förderung kurz vor dem Lockdown nochmals Zunder bekommen: Der Grosse Rat erhöhte am 11. März mit 78 zu 1 Stimmen bei 7 Enthaltungen die Gelder für die Klassik um jährlich 372 000 Franken.

Zum Vergleich: Der RFV, die regionale Anlaufstelle für Popförderung, hatte zwei Monate zuvor eine Erhöhung seines Budgets um 25 000 Franken nur im zweiten Anlauf bewilligt bekommen – mit dem denkbar knappen Abstimmungsergebnis von 47 zu 46 Stimmen. Die beiden Abstimmungen im Grossen Rat zeigen, wie tief das Ungleichgewicht in den bestehenden Strukturen verankert ist. Strukturen, welche die IG mit einer Volks­initiative aufbrechen will.

«Wir haben die Zeit des Lockdowns genutzt und unsere Forderungen ausgearbeitet», sagt Fabian Gisler von der IG Musik Basel beim Kaffee. Vielen Menschen sei in den vergangenen Monaten ohne Konzerte der Wert von Kultur noch einmal besonders bewusst geworden. Aber: «Ihnen fehlt oft das Wissen um die Arbeitsbedingungen der freischaffenden Musikerinnen und Musiker.»

IG-Kollege Viktor Moser erzählt, dass man seit dem ersten offenen Brief zahlreiche Gespräche geführt habe – etwa mit ­Sonja Kuhn und Katrin Grögel von der Abteilung Kultur des Kantons Basel-Stadt, mit Vertretern des Sinfonieorchesters, mit dem RFV Basel, mit Fachpersonen aus anderen Kantonen und vor allem mit den Musikschaffenden der Region.

Zweites Ungleichgewicht erkannt und benannt

Das Ergebnis dieser Gespräche liegt seit gestern in schriftlicher Form vor. Das vierseitige Schreiben, das den Titel «Volks­initiative für eine zeitgemässe Musikförderung» trägt, bringt die Wünsche und Forderungen in präzise formulierten Sätzen auf den Punkt. «Es ist uns ein enormes Anliegen, dass man uns richtig versteht», sagt Gisler. Man habe innerhalb der IG – neben Moser und Gisler sind das Sevi Landolt und Kaspar von Grünigen – mit gewissen Formulierungen entsprechend lange gerungen.

Neben dem angeprangerten Gefälle zwischen Klassik und sämtlichen anderen Musikgenres hat die IG ein zweites ­Ungleichgewicht in der Musikförderung erkannt und benannt – jenes zwischen Institutionen und Freischaffenden: Von den 15 Millionen Franken jährlich, mit denen die Kulturabteilung Basel-Stadt die Musik fördert, gehen nur knapp 400000 Franken an Freischaffende. Obwohl diese klar den grösseren Teil ausmachten.

Lösungsansätze und klare Forderungen

Anders als in ihrem ersten Brief an die Öffentlichkeit fokussiert die IG nun aber nicht auf die Missstände, sondern auf eine mögliche Lösung. Im Wesent­lichen werden sechs Punkte benannt (im ungekürzten Wortlaut findet sich das Schreiben auf der Homepage der IG Musik Basel):

• Die Kantonsregierung und ihre Kulturabteilung sollen sich zur öffentlichen Relevanz aller ­Musikstile bekennen und entsprechende finanzielle Mittel bereitstellen.

• Ein Departement Musik soll geschaffen werden.

• Ein von diesem Departement geleiteter Fachausschuss Musik soll über die Vergabe von Bei­trägen in allen Musik­stilen entscheiden.

• Die Projektförderung soll allen Musikgenres zugänglich sein.

• Eine Spielstättenförderung soll Auftrittsmöglichkeiten ermöglichen, in der unterschiedliche Musikgenres gleichwertig berücksichtigt werden.

• Jugendkultur und professionelles Musikschaffen sollen in der öffentlichen Musikförderung klar getrennt werden.

Mit diesen Forderungen zielt die IG auf eine Verschlankung des Vergabeapparats. Aktuell gibt es in Basel den Fachausschuss Musik, der ausschliesslich mit sogenannter zeitgenössischer Musik beschäftigt, sowie den RFV, der Rock, Pop und Hip-Hop unterstützt. Beim RFV vermischen sich zudem Jugendkultur- und Profi-Förderung.

Für Moser und Gisler ist es unerlässlich, dass es fortan eine einzige Instanz als Anlaufstelle für alle professionellen Musikschaffenden gibt. Der Musikausschuss solle deshalb aufgelöst und in den neu zu schaffenden Fachausschuss Musik überführt werden, heisst es im Schreiben. Gleiches gelte für die Mittel für professionelles Musikschaffen seitens des RFV (explizit genannt werden die Gelder, die über den Regio­soundcredit ausgeschüttet werden).

Der Initiativtext folgt im Herbst

Viele der aktuellen Strukturen seien historisch gewachsen, sagt Moser. Und Gisler ergänzt: «Wir sind uns bewusst, dass sich einige da ihr Gärtchen geschaffen haben.» Doch sei die Bündelung der vorhandenen Gefässe nötig, um eine einheitliche und effiziente Projektförderung zu ermöglichen. Des Weiteren, so das Schreiben der IG, seien zusätzliche Mittel bereitzustellen: «Das Budget des neuen Fachausschuss Musik muss über fünf Jahre wachsen können, sofern die Entwicklung eine weitere Erhöhung verlangt.»

Für die IG Musik Basel breche nun ein entscheidender Zeitraum an, ist Gisler überzeugt. Nun gelte es, eine möglichst breite Bevölkerungsschicht zu erreichen und für das Anliegen zu sensibilisieren: «Es betrifft ja nicht bloss Musikschaffende, sondern eben auch Musikfans.» Auch diese würden durch die Ungleichgewichtung der Stile benachteiligt. Ein Initiativtext, der die Hauptforderungen aufnimmt, ist in Arbeit und wird diesen Herbst vorgestellt.

Wie das Amt für Kultur, kulturelles.ch und der RFV auf die Forderungen der IG Musik Basel reagieren, lesen Sie hier.

Weitere Artikel zur Musikförderung und der IG finden Sie in unserem Dossier Musikförderung.

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