Geschlechtergeschichte
Ein neues Buch erzählt von Basler Frauenschicksalen und Herrenmenschen

Der Verein Frauenstadtrundgang Basel legt eine anschauliche Publikation zu den vorherrschenden Geschlechternormen im 19. und frühen 20. Jahrhundert vor.

Anna Wegelin
Merken
Drucken
Teilen
Schlecht bezahlt und schlecht gestellt: Basler Wäscherinnen im frühen 20. Jahrhundert.

Schlecht bezahlt und schlecht gestellt: Basler Wäscherinnen im frühen 20. Jahrhundert.

Staatsarchiv Basel-Stadt

Sie waren Mägde und Knechte, arbeiteten als Wäscherinnen und in der Küche oder als Kutscher oder Gärtner. Basel vor über hundert Jahren war ein «Magnet für Migration». Die Arbeitsuchenden kamen aus dem Badischen, aus Württemberg, dem Elsass und der übrigen Schweiz. Oft waren es junge ledige Frauen zwischen 20 und 30 Jahren. Dienstbotinnen und -boten arbeiteten sowohl bei den Herrschaften im Bürgertum, als auch in Arbeiterfamilien. Sie waren schlecht bezahlt und schlecht gestellt.

Im ersten von drei thematischen Kapiteln zu Arbeit, Krankheit und Hygiene beschreiben Co-Autorinnen Eleonora Heim und Lena Heizmann in «Auf Abwegen» die Folgen der «Deutungsmacht der Männer» auf die bezahlte und unbezahlte Arbeit der Frauen aus der Unter- und Oberschicht. Die 13. Publikation des Vereins Frauenstadtrundgang Basel untersucht die Auswirkungen von Geschlechternormen auf Frauen und die Gesellschaft in Basel zur Zeit der sogenannten Moderne im 19. und frühen 20. Jahrhundert.

Im Vorwort beschreibt Co-Autorin Aline Vogt, wie das bürgerliche Familienmodell zum Kern der vorherrschenden Gesellschaftsordnung wird. Während der Mann das Oberhaupt der Kleinfamilie ist und sie gegen aussen repräsentiert, wird die bürgerliche Frau gemäss ihrem «Naturell» in den häuslichen Raum verbannt, wo sie jenseits der Öffentlichkeit ihren «typisch weiblichen» Tugenden frönt – Kindererziehung und Fürsorge, Sittsamkeit und Reinlichkeit, Mässigung und Ordnung.

Sterilisation und Hygiene

Im zweiten Kapitel von «Auf Abwegen» leuchtet Maja Adler eine besonders düstere Entwicklung aus. Sie beschreibt die Folgen der «wissenschaftlich verbürgten» Vererbungsforschung und Eugenik, die das Idealbild vom reinrassigen Herrenmenschen schufen. Alleinstehende Frauen, aber auch Armengenössige und Menschen mit einer Beeinträchtigung wurden unmenschlichen Korrekturen wie Sterilisation und forcierter Abtreibung unterzogen.

Was sich in der Zwischenkriegszeit als Massnahmen gegen die Gefahr einer «Entartung der Gesellschaft» etwa in den Räumen der «Irrenanstalt» Friedmatt – Vorgängerin der heutigen Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK) – oder im alten Frauenspital abspielte, zerstörte Gesundheit und Leben vieler Menschen. Vertreten und gesteuert wurde diese verheerende Praxis, die auf dem Primat von Sozialdarwinismus und Rassismus basierte, durch Männer wie den Basler Psychiater und Eugeniker Carl Brugger (1903–1944).

Sterilisationen und forcierte Abtreibungen: Das alte Frauenspital Basel-Stadt im Jahr 1929.

Sterilisationen und forcierte Abtreibungen: Das alte Frauenspital Basel-Stadt im Jahr 1929.

Alfred Labhardt

Parallel dazu wurde für Frauen im Nachgang zur «Hygienerevolution» des 19. Jahrhunderts die Reinlichkeit zum Bestandteil eines umfassenden Tugendkatalogs erklärt. Peter Roth zeigt im dritten Buchkapitel, was dies für weiterführende Mädchenschulen in Basel bedeutete, und wie die Basler Gesundheitspolitik eine neue «Volksgesundheit» umsetzte.

Mit «Auf Abwegen» legt das Team des Frauenstadtrundgangs wiederum ein erkenntnisreiches Kapitel Basler Stadtgeschichte frei. Co-Autorin Sophie Bürgi beendet das Buch mit einem Zitat der schwarzen US-amerikanischen Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin Audre Lorde (1934–1992), das im Wesentlichen besagt: Stelle dich deinen inneren Feindbildern, denn das macht dich gütig und menschlich. Geschlechtergeschichte versteht sich immer auch als Beitrag zur heutigen Gesellschaft.

Verein Frauenstadtrundgang Basel (Hg.): «Auf Abwegen ‒ Frauen im Brennpunkt bürgerlicher Moral.» Christoph Merian Verlag, Basel 2021. 128 S.