Baustellenunfall

Gerüstbauer stürzte 4.5 Meter in die Tiefe: Nach sechs Jahren sucht man vor dem Strafgericht den Schuldigen

Die Hochschule Luzern testet zusammen mit der SUVA, mit Dummies was passiert, wenn Bauarbeiter von Gerüsten fallen.

Symbolbild

Die Hochschule Luzern testet zusammen mit der SUVA, mit Dummies was passiert, wenn Bauarbeiter von Gerüsten fallen.

Im Mai 2014 stürzte ein Gerüstarbeiter über ein Glasdach und verletzte sich schwer. Nebst dem Vorarbeiter sitzen nun auch zwei Chefs auf der Anklagebank.

Der Sturz ist inzwischen sechs Jahre her: Im Mai 2014 waren in Muttenz an der Marschalkenstrasse zwei Gerüstbauer damit beschäftigt, ein Fassadengerüst abzubauen. Über ein leicht geneigtes Glasvordach führten mit Styropor unterlegte sogenannte Schaltafeln, die auf Verstrebungen auflagen. Seitliche Abschrankungen gab es nicht. Einer der Arbeiter trat vermutlich versehentlich neben das Bodenbrett, das Glas brach, er stürzte 4,5 Meter tief auf den Betonboden.

Der Mann erlitt nebst diversen kleineren Verletzungen hauptsächlich eine Beckenfraktur und lag fast zwei Monate im Spital. Er leidet heute noch an chronischen Schmerzen, hat psychische Probleme und befindet sich noch in Abklärung in Bezug auf eine Rente. Bislang hat er lediglich eine 30-prozentige Integritätsentschädigung von rund 38'000 Franken erhalten.

Er sieht sich selber als vollständig arbeitsunfähig. Der Unfall wurde der Versicherung und der Polizei erst Monate später gemeldet, an eine übliche Beweissicherung war nicht mehr zu denken. Weshalb nicht sofort die Polizei gerufen wurde ist nicht so recht klar. Unklar ist auch, ob der Unfall möglicherweise durch eine gebrochene Schaltafel verursacht worden ist.

Hatten die Chefs den Arbeiter geschult?

Diese Woche müssen sich nun drei Männer vor dem Baselbieter Strafgericht in Muttenz für den Unfall verantworten: Staatsanwältin Sandra Altherr hat den 46-jährigen Vorarbeiter des Verunfallten, den 67-jährigen Bauleiter sowie den 63-jährigen Chef der Gerüstbaufirma wegen fahrlässiger Körperverletzung angeklagt.

Kernpunkt des Vorwurfs: Ab drei Metern Arbeitshöhe sind Laufstege oder Auffangnetze vorgeschrieben, je nach Dauer der Arbeit auch Seilsicherungen. Bei den Chefs geht es hauptsächlich um ihre Verantwortung für die korrekte Schulung und das Sicherheitskonzept der Firma, beim 46-jährigen Vorarbeiter hingegen um die Sorgfaltspflichten an jenem Tag direkt auf dem Gerüst.

Der Vorarbeiter hatte bei mehreren Einvernahmen völlig widersprüchlich ausgesagt. Die Staatsanwaltschaft hat ihn im Verdacht, dass er bewusst gelogen habe und damit die Firmenchefs entlasten und die Schuld auf sich ziehen wollte. Deshalb hat man ihn zusätzlich wegen Begünstigung angeklagt. «Ich habe die Wahrheit gesagt», beteuerte er gestern vor Gericht. Einzelrichterin Irène Laeuchli kommentierte dazu, das Gericht werde in der Beweiswürdigung entscheiden müssen, ob er bei der ersten oder bei der zweiten Einvernahme nicht die Wahrheit gesagt habe. «Oder gar nie», rief der Verteidiger des Firmenchefs von hinten in die Runde.

Advokat Daniel Tschopp vertrat den Verunfallten. Er wies darauf hin, dass sein Mandant überhaupt nicht gesichert gewesen sei. Der Arbeitgeber sei offenbar der Meinung gewesen, eine zusätzliche Sicherung sei nicht notwendig. Auch habe niemand die angebliche Weiterbildung dokumentiert. Sein Mandant bestreitet, jemals an einer Weiterbildung teilgenommen zu haben.

Der 46-jährige Vorarbeiter hatte angedeutet, der Verunfallte sei wohl deswegen abgestürzt, weil er telefoniert habe. «Das ist absurd. Wie soll das gehen, gleichzeitig telefonieren und dabei noch Schaltafeln abtransportieren?», widersprach Daniel Tschopp. Der 67-jährige Bauleiter wiederum betonte, der Verunfallte sei auf jeden Fall ein erfahrener Gerüstbauer gewesen.

Staatsanwältin Sandra Altherr forderte für alle drei Angeklagten eine bedingte Geldstrafe von 120 Tagessätzen, sie alle hätten ihre Sorgfaltspflichten als Vorgesetzte verletzt. Das Gericht fällt das Urteil am Freitag.

Meistgesehen

Artboard 1