Fotografie
Licht ins Dunkel: So feierte die Region Basel vor 70 Jahren Weihnachten

Der Baselbieter Fotograf Theodor Strübin (1908–1988) fängt den Weihnachtszauber von vor 70 Jahren ein.

Hannes Nüsseler
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Sehet den König! Die Basler Steinenvorstadt im Jahr 1952.
11 Bilder
Glänzende Karossen: Weihnachtsbeleuchtung in der Freien Strasse, 1951.
Altmeisterlich: Krippenspiel im Landheim Farnsburg im Jahr 1952.
Fröhlich: Noch ein Krippenspiel, diesmal im Liestaler Pfrund, 1952.
Stille Nacht… Weihnacht bei der Familie E. Schaub-Minder in Läufelfingen, 1952.
Lärmige Gesellen: Die «Nünichlingler» ziehen von Haus zu Haus und überbringen Weihnachts- und Neujahrswünsche. Lampenberg, 1949.
Oft werden die «Nünichlingler» von den «Wiehnechtschindli» begleitet, verschleierten Mädchen, die Weihnachtslieder singen. Lampenberg, 1949.
«Nünichlingler» und «Wiehnechtschindli» machen einen Hausbesuch in Läufelfingen, 1952.
Jürg und Vreneli Friedli beim Weihnachtsgutzli backen in Liestal, 1954.
Weihnachtsbaum beim Rössliplatz in Füllinsdorf, 1950.
Grablichter auf dem Ziefner Friedhof in der Christnacht 1951.

Sehet den König! Die Basler Steinenvorstadt im Jahr 1952.

Theodor Strübin / Archäologie und Museum Baselland

Wie kommt das Licht in die Welt? 1952 bringt der Baselbieter Fotograf Theodor Strübin wunderbar Widersprüchliches zusammen: Das Heilsversprechen eines Christbaums leuchtet einträchtig neben dem grellen Drama der «Pariser Halbwelt» (Filmplakat zu Jacques Beckers «Goldhelm») in der Basler Steinenvorstadt.

Wobei es mit dem Lichterbaum so eine Sache ist, wie der Volkskundler Eduard Strübin in seinem reichhaltigen Nachschlagewerk «Jahresbrauch im Zeitenlauf» erklärt. Tatsächlich hat die besondere Gattung des Weihnachtsbaumes die Region Basel erst im 18. Jahrhundert erobert, ausgehend von der Stadt. Hier bestaunten die Kinder wohlhabender Familien erstmals zu früher Morgenstunde den Glanz eines Weihnachtsbaumes. Aus Deutschland eingeführt, blieb der Brauch lange Zeit der Oberschicht vorbehalten: Als 1844 der erste Weihnachtsbaum in einem öffentlichen Lokal in der Gerbergasse zu sehen war, kam es zu einem Volksauflauf.

«Nünichlingler» in Arboldswil, 1959.

«Nünichlingler» in Arboldswil, 1959.

Theodor Strübin / Archäologie und Museum Baselland

Auf dem Land hatte der Lichterbaum einen noch schwereren Stand. Kerzen waren nicht nur kostspielig, die Bevölkerung kümmerte sich auch lieber um ihre Obstbäume als um Nadelhölzer. So schalt der Gelterkinder Pfarrer seine Schäfchen schon 1597 für die «Abgötterei», Bäume zur Weihnachtszeit mit Stroh zu umwickeln, um deren Ertrag magisch zu steigern. Und noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wurden am Heiligen Abend vereinzelt Kirschbäume geschüttelt, um eine reiche Ernte sicherzustellen.

Der volkstümliche Weihnachtsglauben sorgte auch dafür, dass Ochs und Esel sich in der Weihnachtsnacht miteinander unterhielten: «Me het gsäit, s Veh chönn schwätze», heisst es etwa aus Lupsingen. Um das liebe Vieh gesund zu halten, wurden die Tiere am Weihnachtsmorgen am Brunnen getränkt. Auf dem Wasser bildete sich in der heiligen Nacht angeblich ein geheimnisvolles Schäumchen, die sogenannte Eerliwoog. Junge Mädchen wurden losgeschickt, das segenspendende Wasser zu schöpfen; in Pratteln gab es um 1850 einen «Gutsch» davon in den Morgenkaffee.

«Lichtlein waren zu teuer»

Da die Bescherung sowohl in der Stadt wie auch auf dem Land traditionellerweise zu Neujahr stattfand, blieben Geschenke am 25. Dezember rar. Und wenn das «Wiehnechtschindli» im oberen Teil des Baselbietes doch kam, dann oft in furchteinflössender Begleitung: «Nünichlingler» mit schwarzen Gesichtern, Ketten und Glocken machten lärmige Hausbesuche und «bängleten Öpfel, Nuss und düür Züüg» (getrocknetes Obst) in die Stuben. Das änderte sich, als die durchweg städtisch besetzten Pfarrhäuser auf dem Land neue Standards setzten: die besinnliche Feier mit dem Weihnachtsbaum als Mittelpunkt.

Freilich behalf sich ein Grossteil der ärmeren Bevölkerung noch längere Zeit mit Stechpalmzweigen, die immerhin mit Äpfeln und Nüssen geschmückt wurden, «Lichtlein waren zu teuer». Auf einem Gabenteller lagen «Läbchueche» und Änisbröötli». Bekamen Kinder aus vermögenderen Posamenterfamilien doch einmal Strümpfe, eine Schürze oder – himmlisch! – ein «Ditti» oder Sackmesserchen, hiess es: «S Wiehnechtschindli het gstüürt.» Die erste eigentlich «bürgerliche» Weihnachtsfeier in der Mühle Lausen ist für die 1890er-Jahre belegt, mit Singen, «Väärsli», «Päckli». Und natürlich einem Baum.

Krippenspiel im Landheim Farnsburg, 1952.

Krippenspiel im Landheim Farnsburg, 1952.

Theodor Strübin / Archäologie und Museum Baselland

Dieser galt vielen reformierten Pfarrern noch bis in die 1950er-Jahre als «unchristlich», die katholische Kirche bevorzugte ohnehin die Krippe als Weihnachtssymbol. Dennoch propagierten vor allem Pfarrer aus dem Umkreis des Basler Theologen Karl Barth ab den 1920er-Jahren das Aufführen von Krippenspielen, die schon bald fester Bestandteil öffentlicher Weihnachtsfeiern wurden: Im selben Jahr, als Theodor Strübin die Basler Vergnügungsmeile fotografierte, besuchte er auch ein Krippenspiel im Landheim Farnsburg.

Zauberhaft, wie Strübin die Andacht im Stil der barocken Hell-Dunkel-Malerei festhält. Der Einsatz von Elektrizität hätte noch wenige Jahrzehnte zuvor als Hexerei gegolten, jetzt verbreitet sie weihevolle Stimmung, wenn sich die Hirten über die Krippe beugen. Und der Fotograf hat seinen Anteil am Weihnachtswunder. Ob das «Rex» in der Steinen oder der «König der Könige» im Stall: Das Licht der Welt geht durch Strübins Dunkelkammer.

Eduard Strübin: «Jahresbrauch im Zeitenlauf», Verlag des Kantons Basellandschaft, 1991. Mehr Fotografien von Theodor Strübin im Kulturgüterkatalog des Museumverbunds Baselland: www.kimweb.ch.

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