Musik
Der Basler Akrobat Florian Zumkehr wechselt ins Aufnahmestudio

Der in Berlin beheimatete Basler Artist Florian Zumkehr hat den Lockdown dazu genutzt, um an seiner Liedkunst zu feilen.

Michael Gasser
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Florian Zumkehr: «Auf Tour und abseits der Bühne dient mir die Gitarre als kreativer Ausgleich.»

Florian Zumkehr: «Auf Tour und abseits der Bühne dient mir die Gitarre als kreativer Ausgleich.»

Bild: Juri Junkov

Als Akrobat hat Florian Zumkehr mehr als 3'000 Auftritte weltweit absolviert – von Basel über Berlin bis hin zum Broadway. Doch dann rüttelte Covid sein Leben gehörig durch. «Statt wie üblich 200 Shows pro Jahr zu bestreiten, stand ich im vergangenen Jahr noch ganze elfmal auf der Bühne», erzählt der freiberufliche Artist.

Als der Lockdown in Kraft trat, sei er erstmals in seiner 14-jährigen Karriere richtig zur Ruhe gekommen. «Und mir wurde bewusst, dass ich meinen bisherigen Weg nicht nochmals so lange und auf dieselbe Art durchziehen kann.» Zwar habe ihn die Ungewissheit viele Nerven gekostet, ihn jedoch auch zur Einsicht gebracht, dass er in seinem Leben noch anderes als Akrobatik anstrebt – nicht zuletzt eigene Sounds.

Florian Zumkehr: «Up to You.»

Youtube

Zu seinen ersten Schritten in Richtung Rampenlicht setzte Zumkehr bereits mit sieben Jahren im Quartierzirkus Bruderholz an. «Eine Sandkastenkollegin hatte sich in diesem für die Artistenprüfung angemeldet und mich gefragt, ob ich auch mitkomme», erinnert er sich. Kaum hatte er seinen Fuss in das Zirkuszelt gesetzt, sei ihm bewusst geworden: «Das will ich machen – und nichts anderes.»

In der Folge überzeugte Zumkehr seine Eltern davon, ihn mit 15 Jahren ins Internat nach Berlin und dort an die Staatliche Artistenschule ziehen zu lassen. Von der Zirkuswelt sei er bis heute fasziniert, so der 32-Jährige. «In dieser lernt man nicht nur sehr spezielle Menschen kennen, sondern es auch zu lieben, stets weiterzuziehen, von Stadt zu Stadt und von Show zu Show.»

Auf Youtube lässt sich eine Nummer nachverfolgen, bei der Zumkehr einen Stuhl auf einen Bücherberg hievt, sich hochstemmt, herumturnt und in der Höhe sogar noch ein Lied auf seiner akustischen Gitarre anstimmt. Doch worauf zielt er mit seinen Kunststücken eigentlich ab? «Mir liegt es am Herzen, dass sich meine Akrobatiknummern nicht nur auf Tricks abstützen, sondern Teil eines erzählerischen Gesamtkunstwerks sind.»

Käsen im Simmental

Diese Ambition hat ihn zur Gründung seiner eigenen zeitgenössischen Zirkuskompanie «Analog» bewogen, die sich allerdings bis auf weiteres im Winterschlaf befindet: Covid brachte es mit sich, dass Zumkehr, statt mit seinem aktuellen Programm «Finale» auf Achse zu sein, plötzlich monatelang in Berlin festsass – ohne Einkünfte.

«Vorübergehend musste ich sogar Sozialhilfe in Anspruch nehmen», räumt Zumkehr ein. Um auf andere Gedanken zu kommen, meldete er sich auf ein Inserat und verbrachte letzten Sommer vier Wochen auf einer Alp im Simmental, wo er das Käsereihandwerk erlernte. «Das wollte ich schon immer ausprobieren. Aber ich dachte, dazu würde ich frühestens nach Abschluss meiner Akrobatikkarriere kommen.»

Als Künstler habe es ihm sehr gut getan, so nahe am Rhythmus und Kreislauf der Natur zu sein. «Es fühlte sich erfrischend an, mich in einem Umfeld zu beweisen, in dem jedes verspürte Problem tatsächlich auch eines ist. Geht die Wasserleitung kaputt, muss sie geflickt werden, ohne Wenn und Aber.» Zumkehr spielt bereits mit dem Gedanken, auch in diesen Sommermonaten wieder ins Berner Oberland zurückzukehren. «Nicht zuletzt, weil meine ersten Käse doch ziemlich gut geworden sind.»

Mit von der Partie wäre bestimmt auch wieder seine treue Begleiterin, die akustische Gitarre. «Auf Tour und abseits der Bühne dient mir das Instrument als kreativer Ausgleich», sagt Zumkehr. Über die Jahre hat er seine artistischen Nummern auch immer wieder mit Klavier, Gesang oder eben mit seiner Gitarre angereichert sowie andere Artisten begleitet.

Melancholisch, aber eingängig

«Dementsprechend ist Musik bei mir seit je extrem präsent.» Aufgrund der Pandemie hat Zumkehr allerdings begonnen, noch stärker auf diese zu fokussieren: Zusammen mit seinem Kompaniekollegen Lukas Thielecke hat er im Oktober seine erste EP «10 Steps» veröffentlicht, auf die er jetzt die Single «Up To You» folgen lässt.

Seine im folkigen Pop verankerten Songs bezeichnet er als «handgemacht». Auch, weil ihm jegliches Interesse an digitalen Sounds abgeht. Konkrete Vorbilder habe er keine, dafür gebe es zu viele grandiose Musiker, sagt er und wirft ein: «Aber mit den Beatles geht man ganz bestimmt nicht fehl.»

Seine Lieder werden von leiser Melancholie durchzogen, wirken locker und sind schampar eingängig – wie gemacht für verträumte Stunden in der Hängematte. Trotz erster Erfolge als Musiker will Zumkehr aber – zumindest vorerst – nicht ganz umsatteln. «Dafür liebe ich den Akrobatenberuf und diese Kunstform zu sehr.»