Earth Hour
Die Umweltaktion knipst Basler Denkmälern das Licht aus

Am heutigen Samstag verfinstert der Kanton um 20.30 Uhr unter anderem das Rathaus, das Münster und drei Rheinbrücken.

Hannes Nüsseler
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Für die Johanniterbrücke, hier kurz nach ihrem Neubau 1968, heisst es an der diesjährigen Earth Hour Lichterlöschen.

Für die Johanniterbrücke, hier kurz nach ihrem Neubau 1968, heisst es an der diesjährigen Earth Hour Lichterlöschen.

ETH Bibliothek Zürich / Brühwiler

Auch Dunkelheit strahlt aus: Seit 2007 hat sich die jährliche Earth Hour zur grössten internatio­nalen Umweltaktion entwickelt. Weltweit werden in über 190 Ländern die Lichter an Wahr­zeichen und Sehenswürdigkeiten für eine Stunde gelöscht.

Basel-Stadt beteiligt sich am heutigen Samstag ebenfalls und verfinstert um 20.30 Uhr unter anderem das Rathaus, das Münster und drei Rheinbrücken. «Dass es im Kleinbasel nicht mehr Orte sind, ist dem Umstand geschuldet, dass der Kanton dort über keine eigenen Gebäude verfügt, welche über die gleiche Strahlkraft verfügen wie jene auf Grossbasler Seite», erklärt Regierungspräsident Beat Jans auf Anfrage.

Wie viel Energie während der Aktion eingespart wird, lasse sich nicht beziffern, zumal sich viele Menschen zu Hause beteiligten. «Aber darum geht es bei der Earth Hour auch gar nicht», so Jans. «Vielmehr soll diese Aktion die Menschen motivieren, ihr eigenes Verhalten mit Blick auf den Umgang mit den natürlichen Ressourcen kritisch zu hinter­fragen und allenfalls anzupassen.»

Angesichts des Klimawandels und des Ukrainekrieges seien Alter­nativen zu fossilen Rohstoffen dringlicher denn je. «Es ist entscheidend, dass die Schweiz und auch der Kanton Basel-Stadt den Umstieg auf eine einheimische und erneuerbare Energiever­sorgung beschleunigt», sagt Jans. «Damit können wir nicht nur einen Beitrag zum Klimaschutz, sondern auch zur Friedenssicherung leisten.»

Vom Nachtwächter zur Strassenlaterne

Der 19-jährige Klimastreikende Benjamin Rytz sieht das ähnlich: «Die Weise, wie wir unsere Energie und Wärme gewinnen, heizt nicht nur unser Klima an, sondern finanziert im schlimmsten Fall autoritäre Regimes.»

Bei aller Sympathie für die Earth Hour drängt Rytz darauf, dass sym­bolische Aktionen nicht auf Kosten griffiger Klimamassnahmen geschehen. «Diese Dinge gehen wir am besten nicht alle einzeln mit unseren Lichtschaltern an, sondern mit wirkungsvollen ­Gesetzen – von Parlament und Regierung.» Nicht nach dem Prinzip Eigenverantwortung also, wie es ein Minimalstaat ­fordert, für den die Laterne des Nachtwächters ausreicht.

Dass es überhaupt eine öffentliche Beleuchtung gibt, ist keine Selbstverständlichkeit. Noch im Mittelalter ist Licht eine Privatsache. Es liegt an den Bewohnerinnen und Bewohnern, vor ihren Häusern Laternen brennen zu lassen. Wer nachts ohne Licht von den Nachtwächtern aufgegriffen wird, muss mit einer Strafe rechnen. Gefeiert wird am hellen Tag, Talglichter und Kerzen sind zu teuer.

Erst der französische Sonnenkönig erhebt im 17. Jahrhundert mit der Gründung einer Stadtpolizei auch gleich eine Laternensteuer für Paris: Fortan sind seine Untertanen dazu angehalten, Kerzen und später auch Öllaternen zu entzünden – die Strassenlampe ist geboren. Im ausgehenden Ancien Régime gelangt die Laternensteuer als Bestandteil einer «guten Polizey» auch in die Schweiz. Dabei stossen die Lichtquellen nicht nur auf Gegenliebe: Aus Winterthur ist um 1819 ein eigentlicher Lampenstreit überliefert, weil konservative Kräfte die göttliche Ordnung verletzt sehen.

Auf die Öllaternen folgen Gaslampen, das dafür benötigte Stadtgas entsteht durch die industrielle Verbrennung von Steinkohle. In den Fabriken wird die Nachtarbeit eingeführt, in den Städten das Nachtleben: Der Beginn von Theatervorstellungen verschiebt sich immer weiter in den Abend. In Basel steht die erste Gasfabrik an der Binningerstrasse, bevor sie 1860 ins St. Johann ­zügelt. Ihre Abfallprodukte (Teer und Öl) begünstigen die Entstehung der chemischen Industrie, auch die Elektrifizierung der Stadt erfolgte noch mit Hilfe von Gas- und Petroleummotoren.

Liestal präsentiert 1882 erstmals eine elektrische Strassenbeleuchtung, in Basel hält sie um 1900 Einzug und wird mit der Motorisierung des Strassenverkehrs immer wichtiger. Bleibt noch eine offene Frage: Hängen bessere Sichtbarkeit und Sicherheit zusammen? Verschiedene Studien kommen zum Schluss: nein. Das Dimmen oder gar Abschalten schlägt sich nicht auf die Unfall- oder Krimina­litätsstatistik nieder. Dennoch betont Jans, dass man aus Rücksicht auf das individuelle Sicherheitsempfinden während der Earth Hour keine Strassen­beleuchtungen ausschalte.

Auch Dunkelheit ist eine Ressource

Trotzdem wird es seit zehn ­Jahren in der Stadt Basel wieder dämmriger: Die Industriellen Werke Basel rüsten auf dimmbare und stromsparende LED-Licht­körper um, zu Zeiten mit wenig Strassenverkehr wird die öffentliche Beleuchtung auf die Hälfte der Lichtleistung reduziert. Und im Zusammenhang mit der Lichtverschmutzung setzt sich allmählich die Erkenntnis durch, dass auch die Finsternis eine Ressource ist, von dem das Wohlbefinden einer Stadt abhängt. Zudem: Wo liesse sich eine andere Welt besser erträumen als im Dunkeln.

Earth Hour, verschiedene Basler Standorte, Sa., 26. 3., 20.30 Uhr. www.wwf.ch