Behindertengleichstellung
Viele foutieren sich um Höranlagen - Wie hörbehindertengerecht sind öffentliche Räume im Baselbiet?

Von Gesetzes wegen müssten grössere Säle Anlagen für Schwerhörige aufweisen. Aber selbst die Stadt Liestal kneift.

Andreas Hirsbrunner
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Hörbehinderte

Hörbehinderte

Kenneth Nars

Es ist für viele ein Steigerungslauf ohne Happy-End: Das Gehör wird schwächer, man unterstützt es mit einem Hörgerät. Dieses wird periodisch nachgestellt oder ersetzt, weil das eigene Hörvermögen weiter abnimmt. Irgendwann kommt der Punkt, an dem sich viele trotz Hörgeräts aus dem öffentlichen Leben zurückziehen, weil sie zum Beispiel Vorträgen nicht mehr folgen können, da das Getuschel im Publikum, der Verkehr draussen oder sonstige Nebengeräusche den Referenten auch mit Lautsprecheranlage unverständlich machen.

Matthias Zimmermann (75) kennt das. Seit 16 Jahren trägt er Hörgeräte, trotzdem trat er vor fünf Jahren nicht zuletzt deshalb aus dem Liestaler Einwohnerrat zurück, weil die Akustik in Kommissionssitzungen im Stadtsaal für ihn schlecht war. Doch Zimmermann, von Beruf Ingenieur, weiss, dass es anders geht: Besucht er etwa Vorträge in der Aula der Uni Basel, so versteht er jedes Wort glasklar.

So wird Zuhören auch für Schwerhörige zum Genuss

Den Unterschied machen sogenannte Induktionsschlaufen aus. Das sind Drähte, die als Sendeantennen in einem Saal zum Beispiel unter der Sockelliste verlegt und mit Lautsprecheranlage und Mikrofon verbunden sind. Das ermöglicht Schwerhörigen, die innerhalb des verdrahteten Raums sitzen, den Ton mit ihrem Hörgerät direkt vom Mikrofon zu empfangen. Zimmermann lobt: «Das ist, wie wenn ich einen halben Meter vor dem Referenten sitzen würde und macht das Zuhören zu einem Vergnügen.»

Induktive Höranlage für Hörbehinderte Illustration

Induktive Höranlage für Hörbehinderte Illustration

Schwerhörigen-Verein Nordwestschweiz

Zimmermann gehört der vor einem Jahr vom Schwerhörigen-Verein Nordwestschweiz ins Leben gerufenen Arbeitsgruppe von Freiwilligen an, die grössere öffentliche Räume auf die Tauglichkeit für Schwerhörige prüfen und je nach Resultat intervenieren. Denn eigentlich müssten nach dem schon vor 16 Jahren in Kraft getretenen Behindertengleichstellungsgesetz alle öffentlich zugänglichen Säle, Auditorien, Mehrzweckräume und Ähnliches mit mehr als 80 Quadratmetern mit einer Höranlage ausgestattet und mit dem entsprechenden Signet gekennzeichnet sein.

Matthias Zimmermann

Matthias Zimmermann

bz

Zimmermann kann schon Erfolge vorweisen. Die Kantonsbibliothek habe eine Anlage angeschafft; das Kantonsmuseum habe die vorhandene Anlage, von der nur wenige wussten, in Betrieb genommen. Und mit der Stadt Liestal sei er im Gespräch, damit sie im Stadtsaal im Rathaus eine Induktionsschlaufe verlege. Zu seiner Motivation sagt er: «Ich will dranbleiben am öffentlichen Leben, seien es nun Vorträge oder politische Anlässe. Und ich denke, viele andere, die nicht mehr so gut hören, wollen das auch, hängen aber ab wegen mangelnder Akustik. Für diese engagiere ich mich.» Nebst dem Verlegen von Induktionsschlaufen, was für einen grösseren Saal inklusive Verstärker und Mikrofon laut einem Fachmann etwa 2'500 Franken kostet, gibt es auch die Alternative von induktiven Schlaufen, die man individuell um den Hals legt. Diese sind ebenfalls direkt mit dem Mikrofon des Redenden verbunden und kommen etwa auch während Museumsführungen zum Einsatz.

Akustiker beraten nicht optimal

Gabi Huschke, Geschäftsführerin des Schwerhörigen-Vereins Nordwestschweiz, hat keine Übersicht, wo es in der Region bei grossen öffentlichen Räumen noch Lücken gibt und will auch keine Beispiele nennen. Sie empfiehlt Schwerhörigen, vor dem Besuch eines Vortrags unter www.hoeranlagen.ch den entsprechenden Saal einzugeben. Ihr Verein sei aber nicht zuletzt mit der Freiwilligenarbeitsgruppe laufend daran, Saalbetreiber auf Lücken aufmerksam zu machen. Als aktuellstes Beispiel werde neu im Saal des Restaurant L’Esprit in Basel, wo unter anderem regelmässig Vereinsversammlungen stattfänden, eine Induktionsschlaufe verlegt.

Huschke macht aber noch auf eine zweite Problematik aufmerksam: «Es besteht eine grosse Lücke auf der Benutzerseite, weil viele Leute mit Hörgeräten deren Möglichkeiten nicht kennen.» Das habe mit der oft mangelnden Beratung der Akustiker zu tun. Denn um die Tonsignale einer Höranlage empfangen zu können, braucht es auf Seiten des Hörgeräts eine sogenannte T-Spule. Rund 60 Prozent aller verkauften Hörgeräte verfügten über eine solche Spule, doch längst nicht alle Besitzer wüssten davon. Dazu komme, so Huschke, dass man die T-Spule manuell einstellen müsse. Deshalb sei es wichtig, dass Kunden die Verkäufer von Hörgeräten auf die Thematik ansprächen.