Schräger Fund
Im Baselbiet ist eine Flaschenpost aus vergangener Zeit aufgetaucht

In einem Waldstück in Arlesheim, unweit des Dorfbachs, haben Lisa Senn und Michael Koller eine einzigartige Entdeckung gemacht.

Fabia Maieroni 1 Kommentar
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Gut versteckt in einem Astloch fanden die beiden eine Flaschenpost mit Bildern aus den 40er-Jahren.

Gut versteckt in einem Astloch fanden die beiden eine Flaschenpost mit Bildern aus den 40er-Jahren.

Fabia Maieroni

«Es ist wie ein kleiner Schatz», sagt Lisa Senn mit leuchtenden Augen und zeigt auf eine grüne, leicht schmutzige Flasche. Vor wenigen Tagen hat sie in Arlesheim, etwas abseits des Waldweges, der von der Talstrasse hinauf in die General-Guisan-Strasse führt, zusammen mit ihrem Partner Michael Koller eine Flasche gefunden, die Erstaunliches beinhaltete.

«Als wir den kleinen Trampelpfad entlang spazierten, fielen uns die Unmengen an Abfall auf, die überall im Wald herumlagen, und wir begannen damit, den Boden zu säubern.» Zwischen losen Ästen und umgekippten Baumstämmen macht sie Halt und zeigt auf ein unscheinbares Loch in einem Baum. «Hier haben wir die Flasche gefunden.»

So wurde die Flaschenpost im Wald gefunden.

So wurde die Flaschenpost im Wald gefunden.

Fabia Maieroni

Tief ragte sie ins Innere des Baumes – fast so, als sollte sie nie entdeckt werden. «Zuerst habe ich mich geärgert, dass die Menschen einfach so ihren Glasmüll in der Natur entsorgen. Aber dann haben wir entdeckt, dass in der Flasche etwas drinsteckt. Da wussten wir, dass wir etwas Besonderes gefunden hatten.»

Alte Bierflasche der Basler Actienbrauerei

Zu Hause angekommen, versuchten Senn und Koller, den Bügelverschluss der Flasche behutsam zu öffnen. Der alte Gummidichtungsring zerfiel dabei sofort zu Staub. Doch noch waren die beiden nicht am Ziel, denn tief im Flaschenhals steckte zusätzlich ein alter Korken, der nur mit Mühe und Not herauszuziehen war.

Ein lautes Zischen verriet, dass die Flasche seit langer Zeit ungeöffnet geblieben war. Vorsichtig pfriemelten sie den Inhalt heraus, und hervor kamen 17 Fotografien, die wohl aus den 1940er-Jahren stammen – zumindest weist die Rückseite eines Fotos, auf der in schwarzen Lettern «Juli 1944» steht, darauf hin.

Fabia Maieroni

Einen Brief oder eine Nachricht, die dem Finder weitere Hinweise geben könnte, gibt es indes nicht. Auf den Aufnahmen sind ausschliesslich wohlgekleidete Frauen zu sehen, einige tauchen gleich auf mehreren Bildern auf. Wo die Fotografien genau entstanden sind, lässt sich nicht in jedem Fall beantworten. Dass es sich jedoch um eher wohlhabende junge Damen handeln muss, darauf geben die Motive Hinweise.

Eines der Bilder zeigt eine modisch gekleidete Frau auf Ski in den Bergen, auf anderen ist eine junge Dame in London zu sehen, die sich an der Seite eines Queen’s Guards ablichten liess. Auf drei weiteren Bildern präsentieren sich Frauen in Trachten. «Ich vermute, es handelt sich um eine Solothurner Tracht, möglicherweise sind es auch welche aus dem Birseck. Zumindest haben das meine Internetrecherchen ergeben», erklärt die 28-jährige Finderin.

Echtheit der Fotos überprüft

Die grüne Flasche stammt gemäss dem Schriftzug, der auf dem Glas zu erkennen ist, aus der «Actienbrauerei Basel», einer Bierbrauerei, die von circa 1883 bis 1973 in Basel und ab Mitte der 1960er-Jahre in Frenkendorf ansässig war. Auf dem Flaschenboden zeugt das Herstellungsdatum 1948 (hergestellt in einer Glaserei in Bülach) davon, dass die Flasche ungefähr im Zeitraum der Aufnahmen zu verorten ist.

Die Fotos wirken authentisch, das bestätigt auch Jeannette Rauschert, Staatsarchivarin des Kantons Basel-Landschaft. «An der Art der Aufnahmen und anhand der Kleidung ist zu erkennen, dass die Fotos aus den 1940er-, teilweise wohl auch aus den frühen 1950er-Jahren stammen könnten», sagt sie auf Anfrage. Der Fund sei etwas Besonderes, denn es sei selten, dass eine Flaschenpost über Jahrzehnte unbeschädigt bleibe. Meist ginge das Glas irgendwann kaputt oder der Inhalt werde durch eindringendes Wasser beschädigt.

Fabia Maieroni

Und so manche Flaschenpost werde meist gar nicht gefunden – schon gar nicht mehr aus der Zeit um, beziehungsweise nach dem Zweiten Weltkrieg, sagt Rauschert. Die Staatsarchivarin hält fest, dass Fotos, die nicht beschriftet sind und keinen Hinweis darauf geben, wer abgebildet ist, für das Staatsarchiv nur wenig Wert aufwiesen. «Fotografien sind wichtige Quellen. Wissen wir mehr über eine Aufnahme, so steigt auch deren Wert für das Archiv. Unsere Sammlungen zeigen Bilder meist in einem Kontext. Auch wenn dort einzelne Personen teilweise nicht mehr identifizierbar sind, so sind sie doch Zeugen eines historischen Ereignisses, das beispielsweise für den Kanton wichtig war.»

Die Bilder, die in Arlesheim gefunden wurden, würden im Staatsarchiv deshalb nicht in die Sammlung aufgenommen. Sie hätten jedoch einen grossen emotionalen Wert für Angehörige – sofern diese denn gefunden werden können. Die Flaschenpost als Ganzes sei ein bemerkenswertes Objekt.

Wer weiss etwas über die Bilder?

Bei Lisa Senn und Michael Koller laufen seit dem Fund die Gedanken auf Hochtouren: Wer sind die adrett gekleideten Damen auf den Bildern, und stehen sie in einer Verbindung zueinander? Und wer hat die Flaschenpost auf den Weg geschickt, wer hat sie versteckt?

Lisa Senn glaubt, dass es sich um eine ­Gruppe von Freundinnen handelt, die die Flasche gemeinsam befüllt haben. «Wahrscheinlich als Andenken an eine gemeinsame Zeit, vielleicht kurz bevor sie sich aus irgendeinem Grund trennen mussten», sagt die angehende Primarlehrerin.

Die Flaschenpostempfänger Michael Koller und Lisa Senn.

Die Flaschenpostempfänger Michael Koller und Lisa Senn.

Zvg

Um herauszufinden, wer auf den Fotos zu sehen sein könnte, wenden sie sich an die Öffentlichkeit. «Vielleicht kann sich jemand an die Frauen erinnern oder war sogar selbst dabei, als die Flasche mit den Erinnerungen auf ihren Weg geschickt wurde», sagt Senn freudig.

Staatsarchivarin Jeanne Rauschert bestätigt aus Erfahrung, dass über das sogenannte «Crowdsourcing» schon oft mehr über alte Bilder herausgefunden werden konnte. «Vielleicht lässt sich dann doch noch die Geschichte der Flaschenpost erzählen.»

Lisa Senn und Michael Koller werden die Fotos vorerst behalten und weiter recherchieren. Denn sie wollen unbedingt herausfinden, was es mit diesem kleinen Schatz auf sich hat.

1 Kommentar
Rudolf Zimmermann

Toller Fund! Wäre schon spannend, wenn jemand die Frauen auf den Fotos erkennen könnte. Allerdings müssten die Bilder besser einsehbar sein. Könnten die Fotos nicht einzeln und vergrössert – zumindest online oder auf privater Website – veröffentlicht werden?