Velodemo
Protestfahrt am Gempen: Velofahrer wollen gefahrlos den Berg hoch

Vergangenes Jahr gab es einen schweren Unfall auf der Gempenstrasse. Jetzt ist die Solothurner Regierung doch bereit, Tempo 60 zu prüfen.

Michel Ecklin
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Die Rennvelofahrer demonstrierten für mehr Schutz vor Rasern auf ihrer Lieblingsstrecke.
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150 Menschen versammelten sich für die Velodemo.

Die Rennvelofahrer demonstrierten für mehr Schutz vor Rasern auf ihrer Lieblingsstrecke.

Juri Junkov

Die Betroffenheit war riesig, nachdem im Juni 2019 auf der Gempenstrasse ein überholender Rennautofahrer einen korrekt herunterfahrenden Velofahrer schwer verletzt hatte. 300 Menschen demonstrierten für mehr Sicherheit auf dieser beliebten «Gümmeler»-Strecke. Auch über ein Jahr später ist der Unfall alles andere als vergessen. Am Mittwochabend versammelten sich wieder rund 150 Rennvelofahrer vor Ort. Zur Velodemo einberufen hatten Pro Velo beider Basel und der regionale Verband der Radsportler, Swiss Cycling beider Basel.

Die Forderungen der Velofahrer sind die gleichen wie vor Jahresfrist: Mehr durchgezogene Sicherheitslinien und Tempo 60 auf der ganzen Strasse. «Wir hören immer wieder von Velofahrern, dass es auf der Strecke zu brenzligen Situationen kommt», sagte Pro-Velo-Geschäftsführer Roland Chrétien.

Der Verunfallte fährt wieder Rennvelo

Für die Organisatoren überraschend tauchte an der Velodemo am Mittwoch das Unfallopfer auf. Der junge Mann sass auf dem Rennvelo. Lange habe er nur auf dem Ergometer trainieren können, sagte er der bz. Seit zwei Monaten dürfe er wieder Velo fahren. «Aber ich bin natürlich noch nicht fit.» Der Gempen sei immer sein Hausberg gewesen. Nach dem Unfall ist er zwei Mal an der Unglücksstelle vorbei geradelt, beide Male bergwärts. «Mir ging durch den Kopf, dass ich froh sein kann, wieder auf einem Velo fahren zu können.» Aber er habe auch Angst gespürt, «die Autos sind so schnell und die Motorräder immer so laut». Am Mittwoch fuhr er erstmals talwärts an der Stelle vorbei, so wie damals beim Unfall. Das war ihm wichtig, denn: «Ich möchte nicht, dass mich die Angst länger im Griff hat.»

Grüner Kantonsrat blieb hartnäckig

Dabei hatte der Dornacher Kantonsrat Daniel Urech unmittelbar nach dem Unfall einen Vorstoss verfasst und die beiden Forderungen der Radler an die Solothurner Regierung gerichtet. «Der Unfall war ein Ausrufezeichen dafür, dass endlich etwas geschehen muss», sagt der Grüne. Doch die Antwort der Regierung war für die Velofreunde ernüchternd. Zum Gempen hoch könne man sowieso nirgends 80 Stundenkilometer fahren, man müsse das Tempo den Bedingungen anpassen, und deshalb sei Tempo 60 unnötig, schrieb die Regierung vor einem Jahr; und durchgezogene Mittellinien könnten vom Postauto nicht respektiert werden. «Mumpitz» nennt Chrétien diese Stellungnahme. «Viele Autofahrer haben bei dem erlaubten Tempo 80 das Gefühl, sie müssten auch tatsächlich so schnell fahren, um den Verkehr nicht aufzuhalten.»

Inzwischen hat Urech bei der Regierung nachgehakt. Und es zeigt sich: Die Kantonsbehörden sind nun doch nicht untätig geblieben. Man habe auf der Gempenstrasse eine «Road-Safety-Inspection» durchgeführt, schreibt Baudirektor Roland Fürst (CVP) in einer Mail an Urech, die der bz vorliegt. Auf dieser Grundlage seien zusätzliche Randleitpfosten und Kurvenleitpfeile erstellt worden. Die Strassenmarkierung habe man «punktuell erneuert und ergänzt». In den kommenden Wochen werde die Beratungsstelle für Unfallverhütung ein Gutachten zur Gempenstrasse herausgeben.

Wenn auch noch der offizielle Bericht der Solothurner Kantonspolizei zum Unfall des letzten Jahres vorliegt, will sich die Regierung «erneut mit einer ergebnisoffenen Neubeurteilung zu Tempo 60 auseinandersetzen». Die Staatskanzlei bestätigt diesen Sachverhalt auf Anfrage der bz. Urech hofft, dass sich daraus auch wirklich Verbesserungen für Velofahrer ergeben. «Ich bin froh, dass die Regierung die Sache nun doch nicht ad acta gelegt hat», sagt er.

Strecke war für zwei Stunden für Autos gesperrt

Er bleibt überzeugt, dass es durchgehend eine Beschränkung auf 60 Kilometer pro Stunde brauche. Zudem solle man zumindest streckenweise ein Überholverbot einrichten. Seine Überlegung dabei: «Die Polizei sollte auch dann büssen können, wenn zwar nichts passiert, aber gefährlich überholt wird.» Auch Andreas Wild, Präsident von Swiss Cycling beider Basel, gibt sich kämpferisch: «Wir akzeptieren nicht, dass die Lage ausgesessen wird, bis wieder ein Unfall passiert.»

Laut Kantonspolizei hat es seit Juni 2019 auf der Gempenstrasse keine Vorfälle mit Velobeteiligung gegeben. Die Geschwindigkeit werde von den meisten Motorfahrzeuglenkern «deutlich eingehalten». In aller Sicherheit durften die Rennradsportler an der Demo vom Mittwoch ihren Lieblingsberg erklimmen. Die Strasse war nämlich zwei Stunden lang für den Autoverkehr gesperrt.

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