Projektänderung
Einsprecher gegen den neuen Liestaler Bahnhof sind der Meinung, die SBB hätten das Stimmvolk düpiert

Die Pläne der Bahnhofsgebäude, die die SBB im Baubewilligungsverfahren eingegeben haben, entsprechen nicht mehr den Bildern, die im Abstimmungskampf verwendet wurden.

Andreas Hirsbrunner
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So sieht die aktuelle SBB-Visualisierung des neuen Liestaler Bahnhof-Ensembles aus.

So sieht die aktuelle SBB-Visualisierung des neuen Liestaler Bahnhof-Ensembles aus.

Visualisierung: zVg SBB

Ende Januar berichtete die bz, dass es eine Einsprache gegen den neuen Bahnhof in Liestal gibt. Jetzt ist bekannt, wer der Einsprecher ist - der Verein «liestal.orientiert». Dieser hiess früher «Starkes Liestal» und wehrte sich im Abstimmungskampf um den Quartierplan Bahnhofcorso (QP) gegen die neue Zentrumsbildung am Bahnhof und das geplante Hochhaus. Das Resultat dieser Abstimmung im Spätherbst 2017 liess bekanntlich nichts zu deuteln übrig: Das Liestaler Stimmvolk sagte mit einer satten Mehrheit von 70 Prozent Ja zum QP. Dass es das umstrittene Hochhaus so klar mitschluckte, dafür waren vor allem die beiden andern Gebäude verantwortlich: Sowohl der neue Bahnhof wie das Bürohaus samt raffiniertem Verbindungsbau kamen auf den Visualisierungen des Badener Architekturbüros Burkard Meyer, das den Architekturwettbewerb der SBB überlegen gewann, sehr filigran daher und bildeten einen wohltuenden Kontrast zu den gegenüberliegenden Bauten.

So sah das Siegerprojekt des Architekturwettbewerbs aus dem fast gleichen Blickwinkel einst aus: Fassadengliederung und Verbindungsbau liessen auf ein schweizweit einzigartiges Projekt hoffen.

So sah das Siegerprojekt des Architekturwettbewerbs aus dem fast gleichen Blickwinkel einst aus: Fassadengliederung und Verbindungsbau liessen auf ein schweizweit einzigartiges Projekt hoffen.



Visualisierung: zVg SBB

Heute ist einiges anders, womit wir bei der Einsprache sind. Raoul Rosenmund, Vizepräsident von «liestal.orientiert» und Architekt, sagt, dass der Verein mehrere Punkte an der SBB-Baueingabe moniere. Etwas steht für ihn aber klar im Vordergrund: «Die Vorstandsmitglieder haben schwere Bedenken gegenüber der neuen Fassadengestaltung. Die Feingliedrigkeit des Wettbewerb-Siegerprojekts ist verschwunden, stattdessen präsentieren die SBB in ihrer Baueingabe ein Renditeprojekt.»

Auch der Verbindungsbau, der als durchlaufendes Band die beiden Gebäude optisch zusammen gehalten habe und vom Jurypräsidenten als «urbane Klammer» gelobt worden sei, sei abgeändert worden. Rosenmund: «Heute kommt das Ensemble als zwei einzelne Gebäude mit einem Dach dazwischen daher.» Und Vereinspräsident Kurt Bitterli ergänzt: «Die beim Wettbewerbssieger feinfühlige Fassadengliederung fehlt. Die Fassade ist jetzt überall gleich, womit die Gebäude für die SBB flexibler nutzbar sind.» Gleichzeitig betont Bitterli: «Wir wollen einen neuen Bahnhof, aber einen mit Qualität und dem mehrfach zitierten <hohen Wiedererkennungswert>.»

Der Liestaler Stadtrat ist zufrieden mit dem Projekt

Der Zufall wollte es, dass «liestal.orientiert» just gestern den Entscheid des kantonalen Bauinspektorats erhielt: Dieses lehnt die Einsprache in allen Punkten ab. Der Vereinsvorstand müsse nun über einen Weiterzug der Einsprache an die Baurekurskommission entscheiden, sagt Rosenmund. Das Ganze habe aber grundsätzliche Bedeutung. Rosenmund erklärt: Bei einem QP würden Gebäudevolumen festgelegt und nicht Details wie die Fassadengestaltung. Hier aber hätten diese Details eine andere Bedeutung, weil im Abstimmungskampf nachweislich auch vom Stadtrat mit Bildern des neuen Bahnhofs gemäss Wettbewerb-Siegerprojekt geworben worden sei. Rosenmund:

«Wir wollen bei einem Weiterzug von den Rechtsinstanzen wissen, ob man eine Volksabstimmung mit Bildern prägen und danach einfach sagen kann, das geht uns nichts mehr an.»

Ganz anders sieht das der zuständige Liestaler Stadtrat Daniel Muri. Er verweist in seiner schriftlichen Antwort darauf, dass das Bauinspektorat mit der Abweisung der Einsprache entschieden habe, dass das SBB-Bauvorhaben rechtskonform sei und «die Fassadengestaltung, auch wenn sie nicht eins zu eins der Visualisierung aus dem Wettbewerb entspricht, den qualitativ hohen Anforderungen der Stadt entspricht». Damit seien die Vorwürfe von «liestal.orientiert» haltlos. Zur Position des Stadtrats selbst schreibt er nur: «Der Stadtrat unterstützt die Anstrengungen der SBB, den neuen Bahnhof zu bauen. Die Aufwertung des Bahnhofs als Ankunftsort in der Kantonshauptstadt stellt einen grossen Gewinn für Liestal dar.»

Nichts wissen will Muri davon, dass letztlich das filigrane Bahnhofsmodell in der Abstimmung dafür gesorgt hat, dass das Volk das umstrittene Hochhaus mitschluckte. Damals sei nicht die Detailgestaltung des Bahnhofs im Vordergrund gestanden, sondern dass sich mit dem SBB-Projekt «die einmalige Chance» eines neuen Bahnhofs biete.

Das Büro- und Wohnhaus am Emma-Herwegh-Platz (links), wie es die Wettbewerbssieger einst vorsahen. Mit der neuen Fassade à la Bahnhofsgebäude hat es klar an Ausstrahlung verloren.

Das Büro- und Wohnhaus am Emma-Herwegh-Platz (links), wie es die Wettbewerbssieger einst vorsahen. Mit der neuen Fassade à la Bahnhofsgebäude hat es klar an Ausstrahlung verloren.



Visualisierung: zVg SBB

Die SBB lassen wissen, dass es bei Weiterentwicklungen von Projekten immer wieder zu Änderungen komme. Beim Bahnhofsensemble in Liestal habe eine Rolle gespielt, dass Wohnungen und Dienstleistungsflächen innerhalb der beiden Gebäude abgetauscht worden seien. Betreffend dem Verbindungsbau hält SBB-Sprecher Martin Meier fest: «Die Architekten des Siegerprojektes haben sich in Absprache mit der Stadt und der Bauherrschaft bewusst dazu entschieden, die Fassaden neu zu gestalten und die umlaufenden Bänder als neues gestalterisches Thema aufzunehmen, um so die Wirkung des Ensembles zu stärken.» Und zur Rolle der Bilder des neuen Bahnhofs in der Volksabstimmung meint er: «Das Wettbewerbsprojekt war nicht Gegenstand der Abstimmung, sondern bot eine unverbindliche Grundlage für die Entwicklung des Quartierplans.»

Das Konfliktfeld Schwieri-Übergang

Nur wenige Meter östlich des Liestaler Bahnhofs in Richtung Lausen haben die SBB ein weiteres Konfliktfeld: Dort wird der bisherige Bahnübergang für Fussgänger und Velofahrer im Zuge des Vierspurausbaus aufgehoben. Dagegen machten Anwohner 2017 Einsprache und forderten einen adäquaten, behindertengerechten Ersatz. Bei der Genehmigung des SBB-Vierspurausbaus klammerte das Bundesamt für Verkehr (BAV) diesen kleinen, aber hochumstrittenen Teil vom übrigen Projekt aus und forderte die SBB auf, Lösungsvarianten zu erarbeiten. Im Moment steht eine neue Passerelle mit einer weniger steilen Rampe als ursprünglich geplant im Vordergrund. Dies aber nur auf der Stedtli- und nicht auf der Oristalseite. 

Anwohnervertreter Markus Häring sagt dazu: «Ausser eines Konzepts liegt nichts Konkretes vor. Wir warten jetzt auf die Projekteingabe der SBB». Deren Mediensprecher Martin Meier kündet an, dass die SBB bis spätestens kommenden Sommer ein entsprechendes Dossier beim BAV einreichten. Im Herbst würden dann die Pläne in Liestal aufliegen. (hi)