Nach Mord in Lampenberg
Opfer und Täter kennen sich immer: Erkenntnisse zu den Tötungsdelikten im Baselbiet

Auf friedliche Festtage folgt am Montagabend ein Tötungsdelikt im Baselbiet – das erste im Kalenderjahr. Das Motiv dahinter ist noch unklar. Klar ist einzig, dass sich diese jüngste Tötung fast nahtlos in die zum Glück seltenen Kapitalverbrechen einreiht.

Bojan Stula und Sharleen Wüest
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Der Tatort in Lampenberg wurde von der Polizei grossräumig abgesperrt.

Der Tatort in Lampenberg wurde von der Polizei grossräumig abgesperrt.

Juri Junkov

Weniger als 24 Stunden nach der Festnahme des mutmasslichen Täters im Tötungsdelikt von Lampenberg bleibt die Frage nach dem Motiv unbeantwortet – und wird es auch für eine Weile bleiben. Denn für die Strafverfolgungsbehörden fängt die Arbeit erst an.

Thomas Lyssy, Sprecher der Staatsanwaltschaft, sagt auf Anfrage: «Es werden nun Einvernahmen durchgeführt. Mit dem Ziel, zuerst den Tathergang zu eruieren und die Motivlage abzuklären.» Zudem werde beim Zwangsmassnahmengericht eine Untersuchungshaft beantragt. Diese Verhandlung sowie erste Untersuchungen werden im neuen Jahr abgeschlossen, bestätigt Lyssy. Und dann? «Im Fernsehen sieht es immer so cool aus und innert kürzester Zeit ist das Verfahren abgeschlossen. Doch in der Realität dauert es meistens Monate, bis die Akten zur Überweisung an das Strafgericht bereit sind», erklärt Lyssy. Erst dann könne die Hauptverhandlung durchgeführt werden.

100-prozentige Aufklärungsquote

Die Gewalttat in Lampenberg kurz vor Jahresende setzt im Landkanton eine auf den ersten Blick seltsam anmutende Serie fort: Auch dieses zehnte Verbrechen mit Todesfolge seit 2010 spielte sich zwischen Menschen ab, die sich entweder gut gekannt hatten oder familiär verbunden gewesen waren (siehe Chronologie unten). Was die Polizei als eher zufälliges Phänomen taxiert, spricht gleichzeitig dafür, dass Baselland ein überaus sicherer Kanton ist und sich die breite Bevölkerung nicht vor tödlicher Gewalt von unbekannter Hand oder organisierter Kriminalität fürchten muss.

Entsprechend beantwortet sich die Frage nach dem Täter stets sehr rasch. Diesmal wurde der mutmassliche Täter sogar besonders schnell gefasst. Im Jahrzehnt davor war dies noch anders gewesen: Zwischen 1998 und 2009 kam in 14 Tötungsdelikten im Baselbiet jeder zweite Täter, teils unerkannt, davon; primär deshalb, weil sich die Gewalt zwischen Emigrantengruppen abspielte und sich die Schuldigen anschliessend ins Ausland absetzen konnten.

Nur ein einziges Mal war eine Frau die Täterin

Dies führt zu einer weiteren Auffälligkeit der aktuellen Abfolge: Seit 2010 sind nur noch in vier von zehn Fällen Ausländer die Täter gewesen; zweimal im Rahmen von Familiendramen, einmal als Folge eines Nachbarschaftsstreits und einmal bei einem Raub mit wohl unbeabsichtigter Todesfolge. Alle übrigen Delikte spielten sich zwischen Schweizern oder innerhalb Schweizer Familien ab. Nur ein einziges Mal war dabei eine Frau die Täterin.

Schliesslich noch dies: Zum dritten Mal innert vier Jahren wurde das Opfer erschossen. In den meisten übrigen Fällen waren Messer die Tatwaffen.

Chronologie: Tötungsdelikte im Baselbiet seit 2010

Juli 2010 In Münchenstein ersticht ein Türke im Streit einen Tamilen. 2014 wird der 46-Jährige wegen Mordes zu 16 Jahren Gefängnis verurteilt.

Dezember 2010 Ein gesundheitlich angeschlagener Oberwiler wird von einem 37-jährigen Slowaken betäubt und ausgeraubt, worauf er verstirbt. Das Urteil: Neun Jahre Gefängnis wegen mehrfachen Raubs und fahrlässiger Tötung.

September 2012 In Frenkendorf ermordet ein 53-Jähriger seine Lebenspartnerin. Zehn Tage später wird er in Polen, seinem Heimatland, verhaftet und gesteht die Tat.

November 2012 Eine Schweizerin stranguliert in Reinach ihre eigene Mutter wegen Spielschulden. Wegen vorsätzlicher Tötung wird sie zu acht Jahren Gefängnis verurteilt.

April 2014 Ein 55-jähriger Schweizer erwürgt in Aesch seine Schwester. Er wird im Juni 2016 zu 15 Jahren Freiheitsentzug wegen Mordes verurteilt.

November 2015 In Frenkendorf ersticht ein 63-Jähriger, der bereits wegen Doppelmord inhaftiert wurde, seine Ex-Freundin. Das Urteil: Freiheitsstrafe auf Lebenszeit.

August 2017 Infolge eines Streits um eine Hanfanlage in einem Steinbruch Laufen erschiesst ein 55-Jähriger seinen 34-jährigen Geschäftspartner. Im August 2020 wird der Schütze wegen vorsätzlicher Tötung zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.

Januar 2018 In Rünenberg erschiesst ein Schweizer den bekannten Rechtsanwalt Martin Wagner und richtet sich danach selbst.

Juni 2020 In Pratteln ersticht ein 56-jähriger Mann kosovarischer Abstammung seine 24-jährige Schwiegertochter, die ebenfalls kosovarischer Abstammung ist. Die Verhandlung und das Urteil sind noch ausstehend.

Zusammenstellung: bos