Baselland
Hunderte Seklehrer verlieren Ende Juli ihren Job

Für 350 Baselbieter Sek-Lehrer ist es ein bitterer Sommer. Ihre Arbeitsverträge liess der Kanton auslaufen, rund die Hälfte findet nun keinen neuen Job.

Hans-Martin Jermann
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Tausende Baselbieter Schüler sehnten das Schulende herbei. Für 350 Lehrer sind die Sommerferien aber mit dem Verlust ihres Jobs verbunden.

Tausende Baselbieter Schüler sehnten das Schulende herbei. Für 350 Lehrer sind die Sommerferien aber mit dem Verlust ihres Jobs verbunden.

Keystone

Es ist wohl der grösste Stellenabbau in der Geschichte der Baselbieter Schulen. 350 Sekundarlehrerinnen und -lehrer hatten am vergangenen Freitag ihren letzten Schultag. Sie verlieren Ende Juli ihren Job. Insgesamt gehen an den 18 Sekundarschulen im Kanton rund 220 Vollzeitstellen verloren. Grund für den Abbau: Auf das kommende Schuljahr 2015/2016 wird das sechste Primarschuljahr eingeführt; die Sekundarschule wird von vier auf drei Jahre verkürzt. Damit nimmt der Bedarf an Lehrkräften auf dieser Stufe um einen Viertel ab.

Abbau – aber keine Entlassungen

Stolz verkündet die Baselbieter Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion (BKSD): «Es gibt keine Entlassungen aufgrund der Harmos-Umstellung.» In weiser Voraussicht hatte die BKSD bereits ab 2011 nur noch in Ausnahmefällen unbefristete Anstellungen auf Sekundarstufe bewilligt. So konnte sie nun die befristeten Verträge auslaufen lassen, ohne formell eine einzige Kündigung auszusprechen. Für die 350 Betroffenen macht dies freilich keinen Unterschied. Sie verlieren Ende Monat ihren Job. Die bz hat sich im Umfeld der Schulen umgehört: Längst nicht alle haben bereits eine Anschlusslösung, viele werden ab dem 1. August stempeln müssen.

So zum Beispiel Daniel G.*. Der 53-Jährige hat bis zum vergangenen Freitag an einer Sekundarschule im Niveau A als Klassenlehrer unterrichtet. G. ist seit zehn Jahren Angestellter des Kantons, wechselte aber vor vier Jahren die Schule. Am neuen Ort erhielt er trotz stufengerechter Ausbildung 2011 nur einen befristeten Arbeitsvertrag. Dieser ist ihm prompt zum Verhängnis geworden. Es entbehrt nicht der bitteren Ironie: Noch im Mai gratulierte ihm Regierungsrat Urs Wüthrich in einem Schreiben herzlich zum 10-Jahre-Dienstjubiläum und gab seiner Hoffnung Ausdruck, auch künftig auf «die wertvollen Dienste» des Sekundarlehrers zählen zu dürfen.

G. kritisiert den Kanton. Dafür, dass dieser nicht berücksichtigt habe, wie lange er insgesamt als Lehrer im Baselbiet tätig sei. Dafür, dass nicht geprüft worden sei, ihn anderswo beim Kanton anzustellen. Ein «Härtefall» ist Daniel G. ebenfalls nicht; die entsprechende Regel greift erst ab dem 55. Altersjahr. Zusammenfassend findet er: «Der Kanton hat uns lausig behandelt. Selbst in der Privatwirtschaft werden Stellenreduktionen sozialer abgewickelt.» So gebe es etwa keinen Sozialplan. Derweil hält der Kanton fest, dass eine Aufnahme in den Sozialplan nur vorgesehen sei, wenn das Arbeitsverhältnis gekündigt werden müsse. Dies sei bei den befristeten Arbeitsverträgen eben nicht der Fall. Für G. ist das «Schlaumeierei».

Tränen im Lehrerzimmer

Auch kritisiert er, dass die BKSD die immerhin 350 Betroffenen auf ihrer Suche nach einer neuen Anstellung kaum unterstützt habe. Lehrerin Anna Z., auch sie verliert Ende Monat ihren Job, hat vor allem die psychologische Unterstützung vermisst: An ihrer Schule sei es im Lehrerzimmer in den vergangenen Monaten öfter zu unangenehmen Situationen gekommen, es gab böse Blicke und es flossen Tränen. Die Schulen seien mit dieser Situation überfordert gewesen, findet sie.

Daniel G. und Anna Z. verweisen auf eine wohl gut gemeinte, aber missglückte Info-Veranstaltung, die am 9. September 2014 vom BKSD mit fachlicher Unterstützung des Regionalen Arbeitsvermittlungszentrums (RAV) und des Kantonalen Amts für Industrie, Gewerbe und Arbeit (Kiga) in Liestal durchgeführt wurde. «Wir wurden da behandelt, als wären wir arbeitslose Jugendliche, die zum ersten Mal in ihrem Leben einen Job suchen», sagt G. Es kam zum Eklat: Viele Betroffene quittierten die Ausführungen mit Buh-Rufen, andere verliessen den Saal; zum Schluss hielt der RAV-Leiter den Lehrern eine Standpauke. «Es war peinlich. Auf beiden Seiten benahmen sich einige total daneben», sagt Lehrerin Z. Die BKSD lässt sich auf Anfrage so zitieren: «Die Kritik, dass die Informationsveranstaltung unzureichend hilfreich im Hinblick auf die weitere Stellensuche der befristet angestellten Lehrerinnen und Lehrer war, wurde über Rückmeldungen zur Kenntnis genommen.»

Wie Daniel G. kostet auch Anna Z. die befristete Anstellung den Job. Ansonsten sind die beiden Fälle anders gelagert: Z. hat die letzten neuneinhalb Jahre an einer Sekundarschule in einem Teilzeitpensum Bildnerisches Gestalten unterrichtet. Die Absolventin einer Kunsthochschule kam via Stellvertretung an die Schule, ohne pädagogisches Diplom. Dieses hätte sie gerne nachgeholt – wenn die Bedingungen akzeptabel gewesen wären. Das Weiterbildungsangebot des Kantons sei lausig. Eine berufsbegleitende Ausbildung habe es zunächst gar nicht gegeben, betont sie.

Keine Zukunft als Lehrerin

Erst später führte der Kanton eine Quereinsteiger-Ausbildung ein. Für Z. war dies zu jenem Zeitpunkt allerdings keine Option mehr: «Ich hätte trotz meiner profunden gestalterischen Ausbildung und der mehrjährigen Praxis von null mit der Seklehrerausbildung anfangen müssen – dies ohne Jobgarantie nach drei Jahren.» Die 37-Jährige zog die Konsequenzen und verliert nun ihren Job. An einer Schule wird die als fachlich ausgezeichnet beschriebene Lehrerin kaum mehr unterrichten: «Hier sehe ich für mich keine Zukunft», sagt sie.

Mit Auflösung der befristeten Anstellungsverträge geht viel Know-how und frischer Wind von jungen, unverbrauchten Lehrkräften verloren, betonen unbefristet angestellte Lehrer gegenüber der bz. Dass sie vom Stellenabbau verschont wurden, muss wohl als Erfolg gelten. So zumindest sieht es die BKSD: «Der Vorwurf, dass die Anliegen der Lehrer nicht ernst genommen wurden, lässt sich vom Standpunkt der Zielerreichung, nämlich dass es zu keinen Entlassungen kam, nicht nachvollziehen.»

*Namen der Redaktion bekannt