«Migranten helfen Migranten»
Hohe Mauern und ihre Löcher: Alima Diouf vermittelt Hilfe zur Selbsthilfe

Alima Diouf ist Geschäftsführerin des Vereins «Migranten helfen Migranten». Ihr neustes Projekt ist der Austausch mit der Polizei.

Benjamin von Wyl
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Fünf Tipps für problemlose Polizeikontrollen: Alima Diouf vermittelt.

Fünf Tipps für problemlose Polizeikontrollen: Alima Diouf vermittelt.

Nicole Nars-Zimmer

Die Landesgrenze ist für manche nicht nur während ein paar Corona-Wochen unüberwindbar. Das gilt unter anderem für Menschen im Asylverfahren (Ausweis N) oder dem Status «Vorläufig aufgenommen» (Ausweis F). Alima Diouf weiss das. Es ist Teil des Erfahrungsschatzes der Senegalesin, die seit 1994 in der Schweiz lebt. Fragen zum Aufenthaltsstatus sind aber auch in ihrem Alltag als Geschäftsführerin des Vereins «Migranten helfen Migranten» ein Dauerbrenner.

Dass es eigentlich unmöglich ist, mit einer Gruppe Kinder mit N- oder F-Ausweis im Laguna-Badeland in Weil am Rhein baden zu gehen oder den Vogelpark Steinen zu besuchen, ist Diouf also bewusst. Aber sie hatte sich das nun mal in den Kopf gesetzt: «Diese Kinder haben das doch verdient!» Nach ausdauernden Gesprächen und Mails mit den Zollbehörden in der Schweiz und in Deutschland durfte die Kindergruppe dann einreisen und konnte ohne Probleme wieder zurück. Diouf hat es möglich gemacht. «Alles ist möglich», sagt die 47-Jährige und fügt dann entschlossen an: «Man darf mir schon Nein sagen, aber wenn man mir Nein sagt, dann bohre ich».

Manchmal übernachtet Diouf im Büro

Diouf ist unter anderem Pflegeassistentin und Kauffrau, aber vor allem eine resolute Praktikerin. Sieben Tage die Woche arbeitet sie von den Vereinsräumen in der Zwischennutzung Klybeck auf dem ehemaligen BASF-Areal. Sie lacht, als sie sagt, dass ihre Woche acht Tage bräuchte, damit sie auch mal einen frei hat. Diouf lacht, als sie sagt, dass sie ab 2015 erst mal drei Jahre gratis für «Migranten helfen Migranten» gearbeitet hat und sich auch heute nur einen 60-Prozent-Lohn auszahlt. Als sie erzählt, dass alles in ihrem Büro gespendet worden sei: die Computer und auch die vielen Pokale auf dem Schrank. Das seien gute Preise, um die Gewinner bei den Fussballturnieren auszuzeichnen.

Als Migrantin und als Schwarzafrikanerin würden ihr jene, die mit Fragen und Anliegen zu «Migranten helfen Migranten» kommen, schneller vertrauen. «Die Schweizer Art, Dinge zu tun, ist auch nicht meine Art. Die Leute wissen, dass ich mir auch einmal beibringen musste, wie hier alles läuft. Sie sehen mich und wissen, dass ich weiss, was es heisst.» Gestern habe sie ein Kopftuch getragen. Die Tunesierin, die ein Anliegen hatte, habe erst schüchtern ins Büro gelinst. Als sie gesehen habe, wer da sitzt, sei sie sofort viel offener gewesen.

Egal wann, auch sonntagabends um 23 Uhr: Sie nehme sich immer für das Zeit, was gerade aktuell, was gerade akut ist. «Wenn jetzt jemand reinkäme, der Probleme mit einer Betreibung hat, dann würde das zu meinem Thema. Dann befasste ich mich, solange es eben dauert, mit Betreibungen.» Manchmal arbeite Diouf so lange, dass sie gleich im Büro übernachte.

Sie zieht keine zeitlichen oder thematischen Grenzen. Andere würden sich mit solcher Verfügbarkeit und Offenheit wohl selbst blockieren – nicht so Diouf: Die Leistungen des Vereins in den fünf Jahren seines Bestehens sind beachtlich. «Migranten helfen Migranten» verteilt Kleider- und Essensspenden, bietet Gratis-Deutschkurse, Weiterbildungen und Unterstützung in der Arbeitssuche, die weit über Kurse im Bewerbungen-Schreiben hinausgeht, an. Nächste Woche finden die vom Verein organisierten jährlichen Familienferien in Saas-Grund statt – wegen der einsetzenden zweiten Corona-Welle standen sie bis Freitag auf der Kippe.

Kürzlich lancierte der Verein gemeinsam mit der Kantonspolizei Basel-Stadt eine Checkliste, wie man sich in einer Polizeikontrolle verhält, damit sie konfliktfrei verläuft. Die «5 Tipps für problemlose Personenkontrollen» gibt es in 20 Sprachen, als Poster, als Flyer, aber auch als Sticker für die Smartphone-Rückseite: «1. ruhig bleiben», «2. zuhören», «3. Ausweis zeigen». Die Tipps informieren aber auch in klarer Sprache über Rechte. «Du musst nicht antworten, aber das kann für die Polizei verdächtig wirken» heisst es bei Punkt vier, und unter Punkt fünf wird in einfacher und klarer Sprache vermittelt, dass die Polizei den Grund für eine Personenkontrolle nennen muss und man sie nach Namen oder Dienstnummer fragen darf. Die fünf Tipps sind Teil eines grossen Programms, das mit Unterstützung der Stiftung 3FO im März gestartet hat.

Am Samstag vergangener Woche brachte Diouf in einem Workshop Polizisten und Migranten zusammen: Die Beamten stellten sich den Fragen von Menschen, die Rassismus im Zusammenhang mit polizeilichen Handlungen selbst erlebt haben. Laut der «Basler Zeitung», die vor Ort war, war der Anlass von Verständnis und Offenheit geprägt. «Dass nicht nur die Migranten, sondern auch die Polizisten offen waren und Spass hatten, hat manche schockiert – vor allem Schweizer.»

Immer wieder Begegnungen

Eines der vielen Ziele, die Diouf nennt und unermüdlich verfolgt, sind Begegnungen. So will sie Gewalt abbauen, bevor sie da ist. Zum Thema plant sie nun Workshops in Schulklassen, Strassenaktionen, vielleicht in Polizeikorps anderer Kantone. Nichts enge Diouf mehr ein als Businesspläne, unnötige Administration und starre Strukturen. Aber trotz – oder wegen? – des unbürokratischen Gemüts spricht sie immer sehr strukturiert, ob über Religion («Man muss das Verbindende betonen. Alle Wege führen nach Rom.»), Rassismus («Der erste Schritt zum Umgang mit Rassismus ist es, anzuerkennen, dass wir alle Rassisten sind.») oder den Sozialstaat. Während ihrer Ausführungen skizziert sie mit geübter Hand Diagramme. «Nicht selten fragen mich Leute, wie es sein kann, dass sie nur ein paar hundert Franken ausbezahlt bekommen, obwohl sie den ganzen Monat arbeiten.» In schnellen Strichen zeichnet Diouf kleine Häuser, beschriftet sie mit «Bund», «Gemeinde», «Kanton», «Arbeitgeber» usw. Viele Pfeile verbinden diese: die Sozialhilfe, einfach erklärt. «Wer nicht hier aufgewachsen ist, weiss nicht automatisch, dass von den 300 Franken etwa bereits die Krankenkasse abgezogen ist. Die Person durchblickt vielleicht nicht mal, dass sie von der Sozialhilfe ergänzend unterstützt wird – sie arbeitet ja.» Es gehe ihr immer darum, Zusammenhänge verständlich zu machen, und zeigen, dass man Teil dieser Zusammenhänge ist.

«Es geht darum, alle zusammenzubringen»

Wer wegen einer Betreibung kommt, soll nicht nur von der Last dieser konkreten Betreibung befreit werden, sondern hinterher verstanden haben, wie das Betreibungssystem funktioniert. Denn nur wer Zusammenhänge durchblickt, kann Teil dieser Gesellschaft sein. «Aber ich kann tausend Tage mit einer Hand klatschen, und es gibt keinen Ton. Es braucht zwei Hände. Für Integration braucht es immer beide Seiten.» Auch jene, die schon länger in der Schweiz sind, sollen sich Zusammenhängen stellen: Polizisten, Arbeitgeber, Politiker, Behörden, Schweizer.

In einer anderen Kugelschreiberskizze zeigt Diouf den Kreislauf, in dem all jene gefangen sind, die mit Ausweis F oder N einen Job suchen: Sie bewerben sich bei einem Unternehmen. Dort weist man sie ab und sagt ihnen, sie bräuchten eine Bewilligung der Behörden. Sie gehen zu den Behörden, und dort verlangt man als Bedingung für die Bewilligung einen Arbeitsvertrag. «Arbeitgeber und Behörden müssen verstehen, was es heisst, in diesem Kreis festzuhängen.»

Als sie die simpelste Visualisierung dieses Nachmittags aufzeichnet, lacht Diouf laut heraus. Es ist eine Mauer mit einem grossen dunklen Loch. «Migrantinnen erleben viele Stolpersteine. Ich baue mir aus diesen Steinen eine Mauer und bohre dann so lange, bis ein Loch darin ist.»

Von weiteren Mauern, an denen sich Alima Diouf abarbeiten möchte, zeugt in ihrem Büro momentan erst ein laminierter Grundriss der Messe. Diouf verfolgt die Idee eines interkulturellen Festivals in der Messehalle. «Welten von Basel, wo die Kulturen, die hier leben, abgebildet sind. Aber auch die Polizei und andere Institutionen sollen einen Stand haben. Es geht darum, alle zusammenzubringen.»

Verständnis schaffen und alle zusammenbringen – es ist der Grundgedanke hinter dem gesamten Wirken von Diouf. Man wünscht ihr einfach, dass sich dieses Wirken irgendwann auf mehr Schultern verteilt. Oder wenigstens, dass ihre Woche tatsächlich acht Tage bekommt.

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