Auf Oppositionskurs
Einsamer Wolf – er stellt sich immer wieder gegen seine Partei

Reto Wolf stellt sich immer wieder gegen seine Partei, die Baselbieter FDP. Der Therwiler Gemeindepräsident fühlt sich jedoch ganz wohl dabei.

Benjamin Wieland
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Auf Kreidefressen hat er keine Lust: Reto Wolf, Gemeindepräsident von Therwil und Freisinniger mit delikatem Verhältnis zur Kantonalpartei.

Auf Kreidefressen hat er keine Lust: Reto Wolf, Gemeindepräsident von Therwil und Freisinniger mit delikatem Verhältnis zur Kantonalpartei.

Juri Junkov

Der lauteste Kritiker der Baselbieter FDP kommt aus der Partei selbst. Es ist Reto Wolf, Gemeindepräsident von Therwil. Am vergangenen Abstimmungswochenende fuhr er einen Sieg und eine Niederlage ein – jeweils gegen seine Partei: Wolf war für die im Baselbiet angenommene Spitalfusion mit Basel, die FDP dagegen. Wolf lehnte jedoch die hauchdünn angenommene Mehrwertabgabe ab, die FDP befürwortete sie.

Er sieht das mit der Niederlage ein wenig anders: «Wenn man die viel geringeren Ressourcen vergleicht, die uns zur Verfügung standen, war eigentlich auch das ein halber Sieg – mindestens!»

Wegen Grundwerten bei der FDP

So rasch verstummt Kritiker Wolf nicht. Auf Kreidefressen hat er keine Lust. Schon 2014 stellte sich der 50-Jährige, der hauptberuflich die Stiftung Obesunne in Arlesheim leitet, prominent gegen eine Parteiparole. Er befürwortete die Fusion beider Basel, die FDP rief: «Baselland bleibt selbstständig!» Woher kommt beim Ökonom das Rebellische? Fühlt er sich noch wohl mit seinem Parteibüchlein?

Optisch würde man den gebürtigen Therwiler nicht zu einem Dissidenten zählen. Kurzhaarfrisur, Karohemd, schwarzer Kittel, am Revers steckt die Therwiler Fasnachtsplakette, in Gold. «Natürlich», sagt Wolf, «natürlich wäre ich nicht unglücklich darüber, mich innerhalb der Mehrheitsmeinung der FDP zu bewegen – das wäre gemütlicher.»

Doch darum gehe es nicht. Er sei vor über 20 Jahren der Ortssektion beigetreten, weil er die freisinnigen Grundwerte teile: «Die Hochhaltung der Eigenverantwortung. So viel Staat wie nötig, aber auch so wenig wie möglich.» Wolf geht nicht nur auf Oppositionskurs zur Partei, er kritisiert auch die Wirtschaftskammer (Wika) Baselland, wünscht sich von der FDP, sich klarer vom mächtigen KMU-Verband abzugrenzen. Wolf schreckt nicht zurück, Wika-Direktor Christoph Buser frontal anzugreifen – gleiches Parteibüchlein hin oder her.

Watsche für Wirtschaftskammer

Das war der Fall in einem Beitrag im Vorfeld zur Abstimmung über die Mehrwertabgabe. Auf dem Webblog «Arlesheim Reloaded» schrieb Wolf, der Wika-Direktor drohe in einem «Propagandabrief» mit höheren Kosten für Mieter, Hauseigentümer, Firmen und Private, falls sie das Gesetz über die Mehrwertabgabe ablehnten. «Die grobschlächtige Kostenkeule wirkt ja meist und muss im Nachhinein nicht bewiesen werden», zeterte Wolf. Dabei würden andere Kantone vormachen, dass eine Beteiligung der Gemeinden an der Mehrwertabgabe funktioniere. «Bringen wir es auf den Punkt: Immer wenn die Wirtschaftskammer von Fairness spricht, wissen die Baselbieterinnen und Baselbieter, dass das Gegenteil gemeint ist.»

Mehrwert-Abgabe

Gegenseitige Vorwürfe

War das Engagement von 68 Baselbieter Gemeinden gegen das Mehrwert-Abgabegesetz rechtens? Durften sie sich dezidiert in den Abstimmungskampf einbringen? Gerne hätten die Betroffenen eine klare Antwort erhalten. Doch zwei Beschwerden wurden zurückgezogen – kurz nachdem feststand, dass das Gesetz zur Abgeltung von Planungsmehrwerten beim Stimmvolk eine Mehrheit fand, wenn auch eine hauchdünne, mit 50,71 Prozent Ja-Anteil (siehe bz von gestern).

Reto Wolf sagt als Sprecher der Nein-Gemeinden: «Wir möchten Klarheit bei Abstimmungen.» Er kritisiert im gleichen Zug die Propaganda der Vorlagen-Befürworter. «Man darf offenbar auch viel Falsches behaupten», kommentiert er die Schreiben des Hauseigentümerverbands (HEV) an Mitglieder. Der HEV wiederum hält fest, es gehe «ordnungspolitisch nicht an», wenn Gemeinden mit Steuergeldern eine Kampagne gegen einen Landratsbeschluss finanzierten.

Wieder mehr Papi-Zeit

Im Landkanton ist die Wirtschaftskammer traditionell das Wahlkampfvehikel der Bürgerlichen – es sich mit ihr zu verscherzen, war zumindest früher als Freisinniger nur ohne Ambitionen auf höhere politische Weihen möglich. Doch die Wika hat an Schlagkraft eingebüsst.
Wolf kündigte im vergangenen Jahr an, das Therwiler Gemeindepräsidium per Juli 2020 niederzulegen, nach 18 Jahren im Gemeinderat, davon neun als Präsident. «Landrat wäre nichts für mich», sagt er, ohne lange nachzudenken. «Ich bin der Macher, zudem befände ich mich in der FDP-Fraktion wohl meist in der Minderheit.»

Ein anderer Job in Liestal scheint Wolf, der eine Banklehre absolvierte und an der Fachhochschule Wirtschaft studierte, attraktiv. «Regierungsrat würde mich theoretisch zwar reizen.» Trotzdem sei eine mögliche Kandidatur auf die kantonalen Wahlen am 31. März hin für ihn nicht infrage gekommen. «Ich habe einen anspruchsvollen Job und zwei Kinder im Alter von acht und neun Jahren. Die mussten immer wieder auf ihren Papi verzichten.» Beruflich hingegen ändere sich nichts. Wolf bleibt Geschäftsführer des Alters- und Pflegeheims Obesunne.

FDP: Die Reihen schliessen

«Freisinn: Bereits der Name impliziert unterschiedliche Meinungen innerhalb der Partei. Damit müssen wir umgehen können», sagt Saskia Schenker, Präsidentin der FDP Baselland. Sie wünsche sich hingegen, dass sich alle Mitglieder zuerst innerparteilich in Entscheidungsprozesse einbringen, bevor sie sich öffentlich gegenteilig äussern. Wolf entgegnet, es habe zur Mehrwertabgabe keinen Parteitag gegeben, der eine Parole hätte fassen können. Er habe bei der Vorlage auch als Vertreter der Gemeinden gesprochen, «die vom Kanton über den Tisch gezogen wurden».

Für seine Partei findet Wolf aber auch lobende Worte: «Es regen sich sicherlich viele über meine Positionen auf. Angefeindet worden bin ich hingegen noch nie.»

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