Gerücht
Die Mär vom Geistertest: Positiver Coronabefund ohne Abstrich?

Neues aus Coronistan: Die zweite Coronawelle befördert Skurriles an die Oberfläche. Jetzt ist eine speziell schräge Geschichte aufgetaucht. Sie wird gerne weitererzählt – und offenbar auch gerne geglaubt.

Benjamin Wieland
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Ohne Test corona-positiv? In Krisen schlägt die Stunde der Ammenmärchen.

Ohne Test corona-positiv? In Krisen schlägt die Stunde der Ammenmärchen.

Archiv / Kenneth Nars

Einmal ist es eine Coiffeuse aus Binningen, einmal ein Tramführer aus dem Hirzbrunnen, dann ein Siloarbeiter im Hafen. Es spielt keine Rolle, wer diese Personen genau sind, wo sie wohnen, was sie arbeiten. Aber was ihnen widerfahren sein soll, ist dreimal dasselbe. Vor allem aber ist es eines: nicht wahr.

Eine Version dieser immer gleichen Coronaerzählung, die derzeit kursiert, geht so: Eine Büroangestellte im Homeoffice hatte Kontakt zu einem Coronainfizierten. Deshalb entscheidet sie sich, in der Mittagspause zu einem Testzentrum zu gehen. Sie lässt sich registrieren, doch nach fast zwei Stunden frieren in der Warteschlange muss sie zurück zur Arbeit und geht, ohne den Test gemacht zu haben, wieder heim. Nach zwei Tagen erhält sie eine SMS: Corona positiv. Sie habe sich in Quarantäne zu begeben und 300 Franken für den Test hinzublättern.

Krisenstab Baselland: Story ist frei erfunden

Auch beim Krisenstab Baselland hat man schon von dieser Story gehört. «Grundsätzlich ist das gar nicht möglich», sagt Sprecher Rolf Wirz auf Anfrage. Das habe mit verschiedenen Faktoren zu tun. Da sei schon mal der Punkt mit dem Warten. Seit rund neun Wochen betrage die Wartezeit beim Baselbieter Abklärungszentrum, das sich im Muttenzer Feldrebenareal befindet, «im Peak maximal 30 Minuten.» Das sei schon am alten Standort der Station im Spenglerpark in Münchenstein so gewesen.

Entscheidend sei jedoch, sagt Wirz, dass man die Personalien der Wartenden gar nicht aufnehme. «Auch das ist erfunden», sagt Wirz. Erst am Ende der Warteschlange gebe es einen Registrationsdesk, danach gehe es gleich weiter zum Testen und wieder raus. Den Wartenden, die sich vor dem Testen wieder entfernen, könne man also «gar keinen Befund verschicken, weil wir ja den Patienten gar nicht im System haben, also seine Telefonnummer und Personalien und so weiter nicht kennen». Auch habe das EDV-System, das die Abklärungs- und Teststation verwende, keine Schnittstelle zu einer zentralen Datenbank des Kantons.

Laut Wirz hatte der ärztliche Leiter der Teststation erst eine Handvoll Fälle erlebt, bei denen ein Test nach der Registrierung nicht durchgeführt worden sei. Das habe in der Regel mit medizinischen Gründen zu tun gehabt, etwa, wenn jemand notfallmässig ins Spital transportiert werden musste.

Gefundenes Fressen für Coronaskeptiker

Anne Tschudin, Sprecherin des Gesundheitsdepartements Basel-Stadt, schreibt aufgrund der Schilderung eines angeblichen Vorfalls: «Die Beschreibung dünkt uns seltsam und uns fehlen zu viele Informationen, um sie adäquat beurteilen zu können. Bestanden etwa Symptome? Was genau ist im Testzentrum vorgefallen?» Auch in ihren Ohren klinge die Story so, dass sie sich zumindest in Basel nicht hätte ereignen können.

In Basel-Stadt ist das Testzentrum dem Universitätsspital angegliedert. Dessen Sprecher Thomas Pfluger teilt mit: «Unsere Fachleute vom Testzentrum sagen: Selbstverständlich wird niemandem ohne Testergebnis mitgeteilt, dass er positiv oder negativ sei.»

Bei der Erzählung handelt es sich offensichtlich um eine Urban Legend. Und wie bei all diesen modernen Sagen verbreitet sie sich wohl gerade deshalb so stark, weil sie zwar unglaublich klingt, aber halt doch wahr sein könnte. Und gerade Coronaskeptiker dürften sich bestätigt fühlen und die Story mit Eifer weitererzählen. Und anfügen: «Siehst Du? Deshalb sind so viele Leute positiv getestet. Es werden sogar Gesunde für krank erklärt.»

Blau machen dank Test-Trick

Eine Abwandlung geht in eine andere Richtung. Es heisst, man solle zum Testzentrum gehen, sich registrieren lassen und wieder verschwinden. Dann werde man automatisch für positiv erklärt – und könne zwei Wochen blau machen.

In Krisen schlägt die Stunde der Ammenmärchen. Man sollte sich an Giordano Bruno halten. Frei nach dem Bonmot des Philosophen: Diese Geschichte mag zwar gut erfunden sein, aber wahr ist sie trotzdem nicht.