Baselbiet
Bizarrer Streit um altägyptisches Geheimwissen vor Baselbieter Gericht

Die Baselbieter Justiz streitet über die Originalität von altägyptischem Geheimwissen. Ein Gutachten soll klären.

Christian Mensch
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Bänziger sagt: «Um in unserer Justiz zum Recht zu gelangen braucht es ein tausend Jahre währendes Leben.» (Archivbild)

Bänziger sagt: «Um in unserer Justiz zum Recht zu gelangen braucht es ein tausend Jahre währendes Leben.» (Archivbild)

Bruno Kissling

Max Bänziger (79) ist ein rüstiger Rentner. Dazu selbst ernannter Professor für angewandte Menschenkenntnis an der von ihm begründeten Privatuniversität Osiris. Der gebürtige Basler ist vom ewigen Leben und der Wiedergeburt überzeugt. Eines seiner Leben verbrachte er im alten Ägypten und von dort hat er altägyptisches Geheimwissen mitgebracht.

Bänziger glaubt zu beherrschen, was er die kosmische Sprache nennt. Aus Farben und dreistelligen Zahlenkombinationen entwirft er auch telefonisch ein Charakterbild seines Gesprächspartners. Es klingt wie Tarot für Fortgeschrittene. Bänziger kommt nicht umhin, sich selbst zu loben: Er verfüge über ein geniales System.

Allerdings offenbart sein System der Menschenkenntnis Schwächen. Absolventen seiner Kurse halten nach seinen Methoden des Gesicht- und Handlesens nicht nur selbst Kurse ab, was durchaus in seinem Sinn ist. Sie verbreiten und verkaufen dabei aber auch Unterlagen, die für ihn Plagiate seiner eigenen sind. Er habe vertraut und sieht sich betrogen.

Der lange Vorspann im Hinterthurgau

Acht Jahre lang prozessierte Bänziger bereits im Hinterthurgau gegen einen Epigonen. Dieser hat immer wieder seine TV-Auftritte, bei denen er sich als Gesichterleser präsentiert. Nach einer Tournee durch alle Gerichtsinstanzen und einem Gutachten stand 2018 das Urteil des Bezirksgericht Münchwilen rechtskräftig fest: Der Mann hatte bei seinem Meister abgekupfert und wurde wegen gewerbsmässiger Urheberrechtsverletzung verurteilt.

Kursteilnehmerin beim Hinterthurgauer war auch eine gebürtige Deutsche, die in Sissach Lebensberatung inklusive Gesichtserkennung anbietet. Sie durfte ihre Weisheit auch schon bei Telebasel zum Besten geben. Ihre Kursunterlagen basieren auf jenen ihres Thurgauer Mentors, die wiederum bei Bänziger abgeschrieben sind.

Vor drei Jahren zeigte Bänziger auch die Sissacherin wegen Urheberrechtsverletzungen an. Zwei Jahre später stellte die Baselbieter Staatsanwaltschaft das Verfahren ein; der Anfangsverdacht habe nicht erhärtet werden können. Bänziger hatte ein Déjà-vu-Erlebnis und legte Beschwerde gegen die Verfügung ein. Das Kantonsgericht bildete sich als nächste Instanz nun ebenfalls in altägyptischem Geheimwissen weiter. Es kam zum Schluss, die Staatsanwaltschaft argumentiere widersprüchlich, die Sache sei nicht so klar, ein Gutachter soll dem Dilettieren ein Ende setzen.

Es handle sich um ein Lebenswerk

Gegen die erneute Aufnahme des Verfahrens wehrte sich die Lebensberaterin mit einer Beschwerde vor Bundesgericht. Doch dieses belehrte sie, dass ein Verfahrensentscheid nur anfechtbar sei, wenn schwerwiegende Gründe vorlägen. Da sie schon gar nicht versucht habe, diese Voraussetzungen zu begründen, trete das Bundesgericht auch nicht auf ihre Beschwerde ein.

Nun klärt ein Gutachter für die Baselbieter Justiz, ob die Kursunterlagen als Plagiate aus zweiter Hand anzusehen seien. Bänziger sagt: «Um in unserer Justiz zum Recht zu gelangen, braucht es ein tausend Jahre währendes Leben.» Er könnte grosszügig darüber hinwegsehen und sich auf sein nächstes Leben freuen. Doch dazu ist er zu irdisch. Schliesslich handle es sich um sein Lebenswerk und verdienen müsse er auch etwas.