Arlesheim

Naturschützer gegen Implenia: Was hinter dem Streit um Schwinbach Süd steckt

Das Bauvorhaben in der Nähe des Goetheanums spaltet die Gemeinde Arlesheim. Während die Naturschützer Sturm laufen, rechtfertigt sich die Baufirma.

An einem sonnigen Februarnachmittag, der trotz der Jahreszeit nach Frühling riecht, lädt das Bauunternehmen Implenia die Medien auf einen Spaziergang ein, um sein Projekt unterhalb des Goetheanums zu erklären. Implenias Hauptbotschaft lautet: Sämtliche Auflagen und amtlichen Forderungen zur Naturerhaltung sind eingehalten.

Die Bauprofile überragen einige der Baumkronen. Vögel zwitschern, erste Blumen gedeihen auf der Wiese. Beim Rundgang erklärt Architekt Bruno Trinkler seine Vision für das Schwinbach-Süd-Areal: Die geplanten Bauten sind aus Holz, die Dächer werden begrünt; eine unterirdische Garage ermöglicht eine geringe Versiegelungsfläche. Die Häuser würden sich, kompakt gebaut, in die Natur und Umgebung einfügen und entsprächen dem Minergie-P-Standard. Auf dem Areal wird Implenia 23 zusätzliche Bäume pflanzen – und für die Bauphase bloss etwa 14 roden müssen. Es ist eine naturnahe Umgebungsgestaltung geplant.

Überrascht von der heftigen Reaktion

Die heftige Reaktion der Bevölkerung habe ihn angesichts der nachhaltigen Ansprüche des Projekts erstaunt, sagt der Basler Architekt. Tatsächlich sind 186 Einsprachen gegen das Projekt eingegangen, das sich auf Arlesheimer Boden unmittelbar an der Kantons- und Gemeindegrenze zu Solothurn und Dornach befindet. «Wir nehmen die Anliegen der Naturschützer ernst», erklärt Pressesprecherin Céline Freivogel vor dem Schwinbächli. Auf der anderen Seite des Gewässers sind die Bauten der Anthroposophen zu sehen. Bruno Trinkler weist mit der Hand auf die grüne Fläche: «Wo wir bauen wollen, sind grösstenteils bereits jetzt schon Gebäude gestanden.»

Lorenz Textor von der Implenia bekräftigt: «Für uns ist es ein vorbildliches Projekt.» Die Initiative Natur- und Kulturraum Dornach-Arlesheim entgegnet, dass in der Planung schützenswerte Objekte nicht berücksichtigt wurden. In einer Petition hat sie bereits mehr als 7400 Unterschriften gesammelt – die Online-Petition läuft noch zwei Wochen. Die Fondation Franz Weber beantragte zudem bei der Regierung, den betroffenen Quartierplan für nichtig zu erklären. Umstritten ist auch ein zweites Bauprojekt in unmittelbarer Nähe, La Colline/Uf der Höchi, wofür ein gültiges Baugesuch bereits vorliegt.

Der Protest kommt jedoch spät in der Planungsphase. Hier gibt es auffällige Parallelen zum öffentlichen Widerstand gegen die Verlegung der Hauptstrasse in Salina Raurica. Wie in Pratteln wurden beim Areal Schwinbach Süd keinerlei Einsprachen gegen den Quartierplan erhoben, und dieser wurde an der Gemeindeversammlung im Frühling 2016 breit abgestützt. Balz Stückelberger, FDP-Landrat und Präsident der Arlesheimer Gemeindekommission, die das Geschäft für die Versammlung vorbereitet hat, erklärt: «Ein Quartierplanverfahren ist relativ aufwendig. Im Laufe dieses Prozesses gibt es viele Gelegenheiten, sich einzubringen. Dies ist aber nie erfolgt.»

Im Rahmen der Zonenplanrevision verlangte der Kanton im September 2015 von der Gemeinde, ein fehlendes Naturinventar nachzuliefern, wie dem kantonalen Vorprüfungsbericht zu entnehmen ist. Der Gemeinderat Arlesheim lieferte daraufhin ein Naturinventar mit 31 Naturobjekten nach.
Die Naturschützer klagen, dass nur rund zehn Prozent des Areals mittels eines unwissenschaftlichen Naturinventars erfasst wurden. Der WWF Region Basel spricht hierbei von etlichen bedrohten Tier- und Pflanzenarten, von Feuersalamandern, Ringelnattern, Eidechsen und Erdkröten sowie 47 Vogelarten. Dass diese nicht ins Naturinventar aufgenommen worden sind, ist für Ueli Steiger von der Initiative Natur- und Kulturraum Dornach-Arlesheim unverständlich. Er kann nicht nachvollziehen, wie das Areal Schwinbach Süd übersehen werden konnte. «Die Gemeinde wusste schon, dass sie dort bauen wollte, und wäre daher gesetzlich verpflichtet gewesen, ein Naturinventar des Areals zu erheben.»

Kanton und Gemeinde stellen sich hinters Projekt

Der Kanton sieht aber keinen Grund, das Naturinventar der Gemeinde anzuzweifeln. Den Antrag der Fondation Franz Weber hat er abgelehnt, und dies nicht nur aus formellen Gründen: Die Stiftung sei gar nicht dazu befugt, eine solche Einsprache einzulegen, da sie keine am Projekt beteiligte Partei sei. Aber selbst ungeachtet dessen wäre die rechtliche Grundlage für eine Wiedererwägung des Quartierplans aus Sicht des Kantons nicht gegeben.

Die Gemeinde weist ihrerseits Vorwürfe zurück, wonach sie das Areal absichtlich nicht berücksichtigt habe. Sie erklärt, dass ein Naturinventar bloss «Flächen von überdurchschnittlicher Qualität» zu eruieren habe. Ein kommunales Naturinventar sei nicht abschliessend, und wenn Verdacht bestehe auf schützenswerte Objekte in Bauzonen, müssten Einsprachen gegen Baugesuche eingereicht werden.

Die nun eingegangenen 186 Einsprachen werden im Lauf der kommenden Woche vom Bauinspektorat geprüft. Dort wird sich das Schicksal der Feuersalamander und brütenden Nachtigallen in Schwinbach Süd entscheiden – oder allenfalls am Kantons- oder gar vor Bundesgericht: Denn die Fondation Franz Weber hat der bz bestätigt, gegen die Entscheidung des Kantons Rekurs einreichen zu wollen.

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