Die Veranstaltung im «Scala» war vollständig ausgebucht. Der Paracelsus-Zweig, eine Gruppierung der anthroposophischen Bewegung, hatte auf den 3. März zur Tagung «Terror, Lüge und Wahrheit» mit Daniele Ganser, Ken Jebsen und Elias Davidsson gleich drei bekennende Verbreiter von Verschwörungstheorien als Redner geladen.

Die Gefolgschaft der Zuhörer in die Welt der dunklen Mächte war ihnen sicher, wie verschiedene Medien im Nachgang berichteten. Ihre Ablehnung gegenüber einer kritischen Vorschau der bz im Vorfeld der Tagung war ebenso einhellig; im Grossformat wurden die Zeitungsseiten anprangernd an die Wand geklebt.

Vor der Veranstaltung wagte kein Vertreter der anthroposophischen Bewegung, sich kritisch zum Auftritt der umstrittenen Redner zu äussern. Vorbehalte wurden nur im vertraulichen Gespräch geäussert. Georg Häfner, Leiter der Sektion Sozialwissenschaften der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, sagte ausweichend: «Anthroposophie setzt sich für ein freies Geistes- und Kulturleben ein.» Dazu gehörten die Denk- und Redefreiheit sowie auch das Recht, Veranstaltungen durchzuführen.

Eine internationale Initiative

Mit einer gewissen Verspätung hat sich nun eine Initiative verschiedener Vertreter der anthroposophischen Szene gebildet, die erstmals offen Kritik üben. In einer Erklärung, die bisher nur innerhalb der Steiner-Bewegung kursiert, wollen sie deutlich machen, «dass Verschwörungstheorien in der anthroposophischen Bewegung nicht unwidersprochen bleiben». Sie kritisieren, dass solche Theorien in der Bewegung «zunehmend Widerhall» fänden. Dagegen wollten sie mit dem Schreiben ihr Engagement «für eine offene und aufgeklärte Anthroposophie zum Ausdruck bringen».

Kritik aus dem Goetheanum

Zu den acht Unterzeichnern der Erklärung gehören auch zwei leitende Mitarbeiter aus Dornach. Wolfgang Held, Beauftragter für Kommunikation und Öffentlichkeit am Goetheanum, spricht in seinem persönlichen Statement von einem «verführerischen Halt» und kritisiert eine «empörende Grundstimmung», die sich etwa gegen Medien und internationale Organisationen richte.

David Marc Hoffmann, Leiter des Rudolf Steiner Archiv, schreibt: «Im anthroposophischen Umfeld begegne ich immer wieder Vertretern der krudesten Ideologien: Holocaustleugnung, Theorien der Verschwörung durch Juden, Jesuiten, Bilderbergern oder Freimaurern.» Für die Vertreter solchen Denkens schäme er sich vor der Welt: «Mit diesen ‹terribles simplificateurs› will ich nicht zu tun haben.»

Weitere Unterzeichner sind führende Mitarbeiter der Alanus Hochschule oder der anthroposophischen Zeitschrift «Info3». Henning Kullak-Ublick, Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen, spricht von einem «apokalyptischen Grundgruseln», das die Verschwörungstheorien hervorruften, um die Komplexität der Welt auf die Machenschaften verborgener Mächte zu reduzieren. Dabei seien solide Kenntnisse über unsere moderne Gesellschaft gefragt.

Die Anthroposophische Gesellschaft in der Schweiz, die sich kritisch zur bz-Berichterstattung geäussert hatte, wurde um eine Stellungnahme gebeten. Dazu sah sie sich zeitlich allerdings nicht in der Lage.

Der Paracelsus-Zweig, der die Basler Tagung organisierte, dürfte die Initiative geahnt haben. Nach der Basler Veranstaltung habe diese «interne Gegnerschaft» eines freien Geisteslebens wieder an Oberhand gewonnen: Eine geplante und schon angekündigte Folge-Veranstaltung nach der vollbesetzten Basler Tagung an der Waldorfschule Schopfheim sei auf Weisung wieder abgesagt worden.