Kunsthalle Basel

Lesen Sie die Packungsbeilage

Nur ein Teil des Ganzen: Der Vogel in der Basler Kunsthalle fliegt nach Beethovens 9. Sinfonie.

Nur ein Teil des Ganzen: Der Vogel in der Basler Kunsthalle fliegt nach Beethovens 9. Sinfonie.

Kunstbetrachtung ohne Beipackzettel, geht das? Ein Experiment in der Ausstellung «I am Gong»» von Dora Budor in der Kunsthalle Basel.

Zeitgenössische Kunst gibt oft Rätsel auf. Das ist ihr Wesen, weil sie dem Kunstbetrachter die Rätselhaftigkeit der Welt immer neu vor Augen führen will. Ebenfalls zu ihrem Wesen gehört, dass sie ihre Mittel entlang der technologischen Entwicklung laufend erweitert. Sie experimentiert mit Sprachen und Formen, die in Zukunft allenfalls Allgemeingut werden. Für den Kunstbetrachter bedeutet dies, sich selbst immer wieder auf ein Experiment einzulassen.

Die Ausstellung «I am Gong» der in New York lebenden, kroatischen Künstlerin Dora Budor, inspiriert zu einem solchen Experiment: Was sagt die Ausstellung dem Betrachter, wenn er diese unvoreingenommen anschaut, ohne den Saalzettel der Kunsthalle vorgängig zu konsultieren? Und was nimmt der Betrachter wahr, nachdem er die Packungsbeilage zur Kunst gelesen hat?

Der Spaziergang ohne Saalzettel

Ein langer Raum mit abgewetzten Chaiselongues empfängt das Publikum. Zwei davon sind hochkant aufgestellt. Einige der Möbel sind mit grauem Staub bedeckt. Mannshohe oxidierte Metalltafeln stehen an den Wänden. Wolkige Patina, die an das Weltall erinnert. Dazu hallen Geräusche durch den Raum. Sie scheinen aus der Wand zu kommen. Ein Brummen, Klopfen und Rieseln, als ob sich das Innere eines Berges bewegt.

Im zweiten Raum liegt auf dem Parkett ein ausgeschnittenes Quadrat aus Parkett, aber mit fünf kleinen Fenstern durchbrochen.

Im dritten Zimmer geht der Betrachter über einen weichen, roten Teppich, der den ganzen Boden abdeckt. Er zeichnet den Raum neu und auch hier sind Geräusche zu hören, zu welchen das Wort sphärisch passt.

Im Raum Nummer vier stehen beleuchtete Vitrinen. In ihnen sind Sandlandschaften zu sehen. Vulkankrater, aus denen ab und zu eine Staubfontäne schiesst und die Glasbox mit Nebel füllt. Der Betrachter kann warten, bis sich die Wolke wieder gelegt hat.

Durch den letzten Saal zieht sich eine gelbe, gewölbte Kunststoffwand, die an ein Treibhaus erinnert. Im Innern flattert eine Vogelattrappe an einer Schnur. Trümmer eines abgebrochenen Hauses, alte Fenster, das Fragment eines Torbogens erinnern an einen verlassenen Theaterfundus. Dazu wieder die Sphärenmusik.

Ein seltsames Labor scheint diese Installation zu sein, befremdend und doch einnehmend, vor allem wegen der Klänge. Bedeutung ist hier schwer zu generieren, es sei denn, man konsultiert den Saalzettel.

Lesen, was bisher nicht sichtbar war

Die Gebrauchsanweisung zum Werk überrascht und frustriert zugleich. Sie führt dem Betrachter vor Augen, dass sein Sehen, und in diesem Falle auch sein Hören, bei weitem nicht zur Entschlüsselung reichen.

Der Saalzettel erklärt, dass der legendäre Basler Musiksaal, welcher der Kunsthalle gegenüber liegt, das Thema dieser Arbeit ist. Das 1876 erbaute Gebäude sei eine Art Geschwisterbau der Kunsthalle. Dort die Klänge, hier die Bilder. Die Klänge, die sich in der Kunsthalle ausbreiten, sind aus den Geräuschen der laufenden Bauarbeiten im Musiksaal generiert.

Der graue Staub auf den Chaiselongues ist Asche, die, von den Klängen aus der Musikhalle gesteuert, auf die Möbel rieselt und langsam eine Landschaft entstehen lässt. Die Messingplatten seien ein Abbild der Vergänglichkeit.

Der Parkettausschnitt in Raum drei ist ein Muster für den neuen Boden im Musiksaal. «Zukünftiger Boden trifft auf historischen», heisst es da.

Der Sound im Zimmer mit dem roten Teppich ist von J. G. Ballards Kurzgeschichte «The Sound-Sweep» inspiriert. Darin beschreibt der Autor eine Welt, in der hörbare Musik überflüssig geworden ist, die in festen Oberflächen abgelagerten Geräusche beim Menschen jedoch zu emotionalen Rückblenden führen würden.

Die Vitrinen im folgenden Labor, so lesen wir, stossen Pigmente und Farbe aus, die an Gemälde von William Turner erinnern sollen. Diese sind, wie die beiden Bauten, auch Ende des 19. Jahrhunderts entstanden. Die Luftströme, die Farbe aufwirbeln, reagieren in Echtzeit auf die Geräusche der Bauarbeiten im Musiksaal. So entstehe, lesen wir, eine «Psychogeografie von Schmutz und Abfall und dadurch ein bildhafter Ausdruck für die Zeitspanne von der industriellen Revolution bis heute».

Das Flugmuster des Vogels in der gelben Voliere entspreche Beethovens 9. Sinfonie, die 1876 im Musiksaal aufgeführt wurde. Auch die Trümmer haben einen Bezug, nämlich zu Philip K. Dicks Science-Fiction-Geschichte «The Preserving», die den Kampf zwischen Natur und Kultur thematisiere.

Fleissige Kunst braucht fleissige Betrachter

Das alles erfährt nur, wer liest, was nicht weiter überrascht. Die Erklärung der Kunst gehört zu ihr, wie der Rahmen zum Bild. Nicht umsonst ist Kunstvermittlung ein essenzieller Berufsstand im Ausstellungsbetrieb geworden.

Reine Betrachtung reicht meist nicht mehr zur Kunsterfahrung. Es braucht das Wechselspiel von Lesen und Schauen. Jede Ascheflocke und jedes Farbpigment haben hier Bedeutung. So wird der Kunsthalle-Besuch zu einem kleinen Arbeitsakt. Wer begreifen will, muss fleissig sein. Fleissig wie die Künstlerin. Das ist ein zwiespältiges Erlebnis. Vor allem, weil sich die Gebrauchsanweisung trotz aller Komplexität als banal entpuppt.

Die Künstlerin bestehe darauf, steht da, dass Geschichte nie vergangen sei, sondern «im Gewebe unserer Umgebung haust und immer wieder in die Gegenwart eindringt».

Ja, alte Gebäude haben eine umwerfende Aura, weil sie geschichtsträchtig sind. Das ist aber weder neu noch besonders originell.

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