Der graubärtige alte Mann in feinem Tuch sitzt zurückgesunken im Sessel, den Kopf leicht erhoben und den Blick müde in die Ferne gerichtet. Seine Rechte ruht entspannt auf der Armlehne. So hat Ferdinand Hodler den bekannten Schriftsteller Carl Spitteler (geboren 1845 in Liestal, gestorben 1924 in Luzern) zu dessen 70. Geburtstag gemalt. Beide waren damals in der Schweiz öffentliche Personen, kannten einander jedoch kaum. Das Porträt, ein Geschenk, soll dem Dichter, der 1919 zum Nobelpreisträger für Literatur erkoren wurde, nicht gefallen haben.

Das Ölgemälde von 1915 hängt derzeit als Replik in der Kunsthalle Palazzo in Liestal, etwas versteckt, hinter Glas und mit Rahmen versehen. Eine Menge Kunstwerke und Dokumente zeigt hier die laufende Spitteler-Ausstellung, die sich als Beitrag zum Jubiläumsjahr aus Sicht der bildenden Kunst versteht.

Fernab von Goldschimmer

Während die antike Bilderwelt in seinen Werken immer präsent war, hielt es Spitteler wenig mit der Kunst. Seine eigenen Frauenakte in den – erstmals öffentlich ausgestellten – Skizzen und Zeichnungen zeugen eher von Männerfantasien als von grosser Meisterschaft.

Vieles von seiner Persönlichkeit hatte Spitteler schon in seinem autobiografischen Roman «Imago» von 1906 preisgegeben, dem die Ausstellung ihren Titel verdankt: Ein junger Dichter kehrt nach Jahren im Ausland in seine Heimatstadt zurück, wo er seine Jugendliebe als Ehefrau eines biederen Bürgers vorfindet. Da ist «nichts von Purpurschein und Goldschimmer», sondern eine gleich doppelte Enttäuschung: Die vorgestellte Geliebte ist zur «Verräterin» geworden, und auch das Städtchen erscheint dem Erzähler als eine «Hölle der Gemütlichkeit».

Furore machte der Roman vor allem durch das ausführlich beschriebene psychologische Fallbeispiel der Hauptfigur. Kein Zufall, dass die Vertreter der aufkommenden Psychoanalyse auf das Buch aufmerksam wurden: «Imago» nannten sie eine Zeitschrift, die Sigmund Freud ab 1912 herausgab. Und noch immer versteht die analytische Psychologie nach Carl Gustav Jung unter «Imago» ein prägendes inneres Vorstellungsbild einer bestimmten Person.

In der Ausstellung sind ausser Dokumenten zu Spittelers Umfeld in Kunst und Psychoanalyse in Glaskästen und an Stellwänden umfangreiche Materialien zur damaligen Zeitgeschichte eng nebeneinander versammelt: Fotos, Schriften, Postkarten, Bilder, Karikaturen, Plakate, Textzitate.

Künstlerische Reaktionen

Unter vielem anderem findet sich denn auch ein goldgerahmtes Bildnis der im «Imago»-Roman Angebeteten: Ellen Brodbeck, Spittelers Liestaler Cousine. Zu sehen ist auch ein Entwurf für das Spitteler-Denkmal «Prometheus und die Seele» (1931) in Liestal von August Suter – womit wiederum das Video «Capriccio» (Seele) von Sibylla Walpen von 2019 korrespondiert.

In der Ausstellung ist nämlich nicht nur Museales zusammengekommen. Einige Arbeiten wurden eigens dafür konzipiert: so unter anderem das «Kafka Haus» des Berner Künstlers Peter Wüthrich aus bemalten Büchern oder die Stuhl-Performance «Reala» von Irene Maag, in der die Baselbieterin den von Spitteler beschriebenen Frauenbildern – die von der Heiligen bis zur Hure reichen – Raum und Stimme zurückgibt. An der Vernissage gab es zudem eine Performance-Lesung der New Yorker Autorin Lara Konrad.

Die Kuratoren Massimiliano Madonna und Konrad Tobler haben lange in Sammlungen, Museen und Archiven gestöbert und ihr Ausstellungsgut in Fleissarbeit zusammengetragen: Originale und Reproduktionen von nicht weniger als 65 Künstlerinnen und Künstlern. Entstanden ist eine Art Essay, das Spittelers Werke und Wirkung kommentieren und spiegeln soll. Beispielhaft ist ein sehr grosser Teil dem – reichlich überholten – Frauenbild des Dichters gewidmet, das mit älteren und neueren Arbeiten von Künstlerinnen kontrastiert wird. Nicht immer werden allerdings die Zusammenhänge im Detail nachvollziehbar, sodass die Auswahl manchmal ins Beliebige abdriftet.

Spittelers Bücher werden heute kaum mehr gelesen, wohl auch nach den diesjährigen Jubiläumsfeiern zum Nobelpreis nicht. Wichtig sei ihnen, sagen die Ausstellungsmacher, dazu beizutragen, wie viel Heutiges sich in Spittelers Welt noch entdecken lässt. So gilt es, die heute bisweilen fremde Welt des Carl Spitteler zu entziffern, von der aber doch manches noch nachwirkt.


   

Carl Spitteler – Imago Geschichtsbilder, Frauenbilder, Spiegelbilder. Kunsthalle Palazzo, Liestal. Bis 13. Oktober 2019, Dienstag bis Freitag 14–18 Uhr, Samstag/Sonntag 13–17 Uhr. www.palazzo.ch