Nachruf

Der Meister der Kurzform ist verstummt

Das Schreiben war für ihn kein Hobby, sondern Existenz: Heinrich Wiesner (1925–2019) Kenneth Nars

Das Schreiben war für ihn kein Hobby, sondern Existenz: Heinrich Wiesner (1925–2019) Kenneth Nars

Der Baselbieter Autor Heinrich Wiesner hinterlässt ein reiches literarisches Werk.

Es gibt für den Menschen verschiedene Heimaten. Orte und Landschaften können zu einer werden. Freunde und Freundinnen können einem Heimat bedeuten. Und dann gibt es diejenigen, die in der Musik, der Malerei oder im Schreiben eine Heimat finden. Der Baselbieter Schriftsteller Heinrich Wiesner wusste um die Mehrdeutigkeit des Begriffs. Er blieb seiner heimatlichen Landschaft zeitlebens treu. «Meine innerste Heimat ist jedoch die deutsche Sprache», sagte er in einem Interview anlässlich seines 90. Geburtstags. Nun ist der Autor der «Lakonischen Zeilen» in die letzte aller Heimaten eingegangen. Er verstarb am Mittwoch, 27. Februar, in seinem Wohnort Reinach.

Chronist einer Jugend im Krieg

Heinrich Wiesner wurde am 1. Juli 1925 in Zeglingen, Baselland, geboren. Die Eltern betrieben einen kleinen Bauernhof. Der Vater verdiente zusätzlich im Steinbruch der Gemeinde. Dieser ländlichen Welt sollte Wiesner später einige seiner bedeutenden Werke widmen. In «Der Riese am Tisch» (1979) und «Die würdige Greisin» (1992) setzte er – selbst bereits ein älterer Zeitgenosse – seinem Vater und seiner Mutter ein Denkmal in Worten.

Mit dem Buch «Schauplätze» schrieb er 1969 eine bedeutende Chronik, die das Leben und die Welt eines Bauernjungen während des Zweiten Weltkriegs in Worte fasst. Bedeutend ist dieses damals im Diogenes Verlag erschienene Buch deshalb, weil es sich um eine frühe, kritische Auseinandersetzung mit der bis dahin verklärten Geschichte des Schweizer Reduits handelt. Bereits als 20-Jähriger schrieb er: «Ich habe gehört davon. Ich habe gelesen davon. Aber eigentlich habe ich nichts gewusst. Ich habe nicht gewusst, dass es die humanitäre Schweiz und die amtliche Schweiz gegeben hat. Ich habe von Flüchtlingslagern in der Schweiz gewusst. Ich habe gewusst, dass die Zustände in den Konzentrationslagern unmenschlich waren. Doch habe ich nicht gewusst, dass auch die Zustände in manchen Flüchtlingslagern unmenschlich waren.»

Bei Kriegsende hatte Wiesner soeben seine Ausbildung im Lehrerseminar im bündnerischen Schiers abgeschlossen. Dem erlernten Beruf blieb er bis 1981 treu, um sich dann nur noch dem Schreiben zu widmen.

Die lakonischen Zeilen

Die Heimat der Menschen hat Heinrich Wiesner intensiv gelebt. Als Lehrer war er unzähligen Schülern ein temporärer Begleiter und Mentor. Seine Treue und Liebe versprach er 1962 seiner Ehefrau Anna-Elisabeth, geborene Schweizer. 1967 kam die Tochter Sabine zur Welt.

Die Sechzigerjahre waren das Jahrzehnt, in welchem Wiesners literarische Stimme erstmals von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. 1965 veröffentlichte er beim angesehenen deutschen Verlag Piper das schmale Büchlein «Lakonische Zeilen». Darin fand der Autor bereits zu der von ihm zur Meisterschaft gebrachten Form: die auf ihre Essenz verknappte Kürzestgeschichte, den zugespitzten Aphorismus. Eine Form, die Wiesner in weiteren Bänden wie «Lapidare Geschichten», «Kürzestgeschichten», oder «Neue lakonische Zeilen» weiter pflegte. «Ich lebe in einem freien Land. Ich darf alles sagen. Und bewirke nichts», heisst es da beispielsweise. Oder «Am Anfang war das Wort. Dann muss es ihm die Sprache verschlagen haben.»

Mit Preisen geehrt

Im Interview zu seinem 90. Geburtstag betonte Wiesner, dass Schreiben für ihn nie ein Hobby, sondern Teil der Existenz und eine Passion sei. Eine Leidenschaft, die in über 25 gedruckten Titeln den Weg zur Leserschaft gefunden hat. Preise erhielt Wiesner bereits 1957 für seine frühen Lyrikarbeiten. 1968 folgte ein Förderpreis der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia. 1973 verlieh ihm die Schillerstiftung eine Auszeichnung für sein Gesamtwerk. 1980 ehrte ihn der Kanton Baselland mit dem Literaturpreis. Sechs Jahre später zog die Gemeinde Reinach mit dem Kulturpreis nach. Zu seinem 90. Geburtstag hat der Basler Lenos Verlag dem Autor ein Geschenk gemacht und alle «Lakonischen Zeilen» neu herausgebracht.

Wiesner selbst sagte damals, er könnte diese angesichts der Globalisierung ohne weiteres fortsetzen. Doch er ziehe es vor, sich nicht zu wiederholen, sondern neue Ziele anzusteuern. Neben seinem tiefgründigen Hauptwerk hat der Autor seit den 1980ern auch Bücher für Kinder veröffentlicht.

Das Wort blieb ihm bis zum Schluss Heimat. Sein langjähriger Freund und Lektor, der Lehrer, Autor und Journalist Valentin Herzog, schreibt in einem berührenden Nachruf: «Noch vor wenigen Tagen rezitierte er auf seinem Krankenbett Eichendorffs Mondnacht mit überraschend klarer Stimme: ‹Es war als hätt’ der Himmel / die Erde still geküsst …› Vor der letzten Strophe verstummte er. Als ich weiterhelfen wollte: ›Und meine Seele spannte …›, winkte er ab. Ich spürte: Das war der Moment, Abschied zu nehmen von diesem wunderbar ehrlichen, so vieles ahnenden Menschen.»

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