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Der Baselbieter Kurde Ali Iscan musste Schlepper anheuern, um zu entkommen

Angekommen: Der 61-jährige Ali Iscan ist nach fast sechs Monaten wieder zurück in der Schweiz. Hier lebt er seit 36 Jahren.

Angekommen: Der 61-jährige Ali Iscan ist nach fast sechs Monaten wieder zurück in der Schweiz. Hier lebt er seit 36 Jahren.

Ali Iscan wurde in der Türkei verhaftet, nun ist er zurück in Frenkendorf. Und erzählt, wie die Schlepper ihr Wort brachen; und weshalb die Flucht nicht der schlimmste Teil seiner Reise zurück in die Schweiz war.

Es war ein langer Weg zurück in die Schweiz. Kurz nachdem der Vater von Ali Iscan gestorben war, verhaftete die türkische Polizei den Baselbieter Kurden. Es folgten Wochen im Gefängnis, eine Flucht aus dem Heimatland. Doch auch in Griechenland besserte sich seine Situation nicht: Vier Wochen lang hielten ihn die Behörden in einem Auffanglager für Flüchtlinge fest. Erst als das Schweizer Konsulat intervenierte, kam er frei. Die bz hat mehrfach über ihn berichtet; sie stand mit seinen Angehörigen in Kontakt. Erstmals spricht nun Ali Iscan. Er ist am vergangenen Freitag in seinem Zuhause in Frenkendorf angekommen.

Herr Iscan, Sie sind nach einem halben Jahr Haft, Flucht und Ausharren zurück in der Schweiz. Wie geht es Ihnen?

Ali Iscan: Die vergangenen sechs Monate waren belastend. Ich litt an Schlafstörungen und an Durchfall; verlor 15 Kilogramm Gewicht. Wie es um meine Gesundheit steht, ist nun in Abklärung. Ich fühle mich nach wie vor erschöpft, bin aber sehr froh, hier zu sein.

Sie sind in die Türkei gereist, da Ihr Vater im Sterben lag. War Ihnen bewusst, dass die Reise risikoreich ist?

Nein, überhaupt nicht. Ich besuchte regelmässig meine Eltern in der Türkei. Sie sind über 80 Jahre alt und brauchen meine Hilfe. Kurz nach der Beerdigung meines Vaters – das Flugticket in die Schweiz hatte ich bereits gekauft – tauchten Polizisten der Spezialeinheit bei uns zu Hause auf. Bevor sie mich mitnahmen, durchsuchten sie die ganze Wohnung und das Auto.

Ihnen wurde vorgeworfen, terroristische Gruppierungen unterstützt zu haben.

Ja, wegen meines alten Facebook-Accounts. Der wurde 2015 gehackt. Ich wusste, dass über mein Profil PKK-Propaganda verbreitet wurde, konnte mich aber selber nicht mehr einloggen. Das lässt sich sogar belegen. Das Gericht anerkannte das Dokument jedoch nicht.

Sie selber haben keiner dieser Posts veröffentlicht?

Nein. Aus den Jahren 2013 und 2014 stammen Bilder von mir, die ich an pro-kurdischen Demonstrationen oder an HDP-Sitzungen aufgenommen habe. Auch das wurde mir zur Last gelegt, obwohl es keine illegalen Aktivitäten waren.

Sie verbrachten 80 Tage im Gefängnis. Wie wurden sie behandelt?

Geschlagen oder gefoltert wurde ich nicht. Die Zelle musste ich mit acht bis zehn anderen teilen. Alles politisch Verfolgte. Wir hatten deutlich schlechtere Haftbedingungen als die anderen Gefangenen, was die Besuchsrechte und Telefonate betraf. Ich durfte beispielsweise nur jede zweite Woche jemanden anrufen; ein Verbrecher hingegen jede Woche.

Sie heuerten einen Schlepper an, um der Haftstrafe zu entgehen. Wie haben Sie ihn gefunden?

Viele politisch Verfolgte verlassen momentan auf diesem Weg die Türkei. Von ihnen erhielt ich die Information, an wen ich mich in Istanbul wenden muss. Es war eine türkische Bande. Neben der Barzahlung war die einzige Bedingung, dass ich schwimmen kann.

Wieso?

Wir überquerten den Fluss Mariza. Entlang dessen gibt es viele Grenzkontrollen. Als wir übersetzten, fuhren denn auch Autos vorbei. Da hiess uns der Schlepper an, ins Wasser zu springen. Wir mussten uns hinter und unter dem Schlauchboot verstecken.

Wie viel haben Sie bezahlt?

Insgesamt 6000 Euro. Das war der Preis für die Überfahrt und den Weg nach Athen. Als uns der Schlepper am griechischen Ufer absetzte, liess er uns aber im Stich. Es war Nacht, wir hatten kein Licht und irrten nass durch den Wald. Erst am Morgen fanden wir ein Dorf. Dort nahm uns sogleich die Polizei mit. Das war Routine für sie: Als ich im Asyl-Auffanglager war, kamen täglich 50 bis 60 geflüchtete Türkinnen und Türken, die aufgegriffen wurden.

War die Flucht der schlimmste Teil Ihrer langen Reise in die Schweiz?

Nein, das waren die Wochen in Griechenland. Ich hatte grosse Angst, dass die Behörden mich in die Türkei zurückschicken würden. Ich erhielt keine Informationen, wusste nicht, wie lange ich noch warten muss. Meine Schweizer C-Bewilligung interessierte niemanden. Die ersten sechs Tage wurde ich zudem in einem Raum mit bis zu 50 anderen Personen festgehalten. Das war in einem Gefängnis, danach verlegten sie mich in ein Auffanglager.

Wie waren die Umstände dort?

Ein bisschen besser. Pro Zimmer waren zehn Personen untergebracht. Wir konnten uns in einer Art Innenhof aufhalten und mit unseren Angehörigen telefonieren. Das Essen blieb schlecht: Am Morgen gab es einen kleinen Apfelsaft, am Mittag und Abend jeweils eine Suppe und ein Stück Brot. Die Nahrung war auf das Minimum reduziert.

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