Die meistdiskutierte Frage, die «Disabled Theater» auslöst, ist: Darf man geistig behinderte Schauspieler als sich selber auf der Bühne exponieren? Wie in einer «Freak Show», wie es die Mutter eines Spielers sagt. Was ist dazu Ihre Haltung als Regisseur?

Jérôme Bel: Ich wusste von Anfang an, dass ich dafür attackiert werden würde. Aber Theater (Kunst im Allgemeinen) ist für mich Exhibition, Voyeurismus. Das Ziel von Theater und Kunst ist, Dinge zu zeigen, die normalerweise nicht gezeigt werden – die in einer Gesellschaft verboten oder versteckt sind. Wenn Theater etwas repräsentiert, das ich schon kenne, dann langweilt mich das. Ich möchte nicht ins Theater, um etwas zu sehen, das ich ohnehin schon weiss, sondern um etwas zu sehen, das ich noch nie zuvor gesehen habe.

Haben Sie darum mit behinderten Menschen zusammengearbeitet?

Behinderte Menschen sind in unserer Gesellschaft marginal repräsentiert. Darum dachte ich, dass es interessant ist, ein Stück mit ihnen zu inszenieren. Mangelhafte Repräsentation ist stets auch ein politisches Problem. Ich wusste, dass es schwierig sein wird, ich wusste, dass ich attackiert werden würde. Das war mir egal. Ich wusste, dass es am Ende des Tages konstruktiv für alle sein wird.

Das Stück ist ans Berliner Theatertreffen eingeladen worden. Dort wurde sogar ein Symposium organisiert, um darüber zu diskutieren. Hätten Sie gedacht, dass Ihr Stück einen derart sensiblen Nerv trifft?

Ich weiss nur eines: Das Stück provoziert sehr starke emotionale Reaktionen. An unserer Beziehung zu Behinderung ist etwas sehr «Unbedachtes». Wir wollen die Besten sein, dazu sind wir erzogen worden. Das ist ein Teil unserer darwinistischen Natur. Eine alte Geschichte! All das steht im Gegensatz zu Behinderung. Aber wir wissen alle, dass wir in verschiedenen Aspekten unseres Lebens behindert sind. Jedes Individuum erfährt täglich Behinderung im eigenen Leben. Plötzlich macht dieses Stück Behinderung publik. Und das Publikum muss damit umgehen können, anderthalb Stunden lang.

Was war Ihre ursprüngliche Absicht? Wollten sie dem Publikum vorführen, dass eine Mehrheit sogenannt geistig gesunder Menschen eine Minderheit völlig ausblendet – aus ihrem Blick und aus ihrem gesellschaftlichen Leben?

Ganz genau!!!

Sie haben mit diesem Stück eine neue Basis für Schauspieler mit Behinderungen geschaffen. Was kann, was sollte sich als Nächstes aus dieser Arbeit entwickeln? Welche Möglichkeiten für Kunst mit behinderten Menschen sehen Sie?

Nun, ich bin noch immer überwältigt von meiner Arbeit mit ihnen, in meinem erkenntnistheoretischen, künstlerischen Prozess ist dieses Stück ein Bruch. Was ich von den behinderten Schauspielern gelernt habe, ist ihre ständige Verbindung zu den eigenen Gefühlen. Die Gesellschaft zwingt einen, Gefühle zu unterdrücken. Nun respektiere ich meine Gefühle besser: Ich höre auf sie, tue, was ich fühle, nicht was andere von mir wollen oder was gesellschaftliche Regeln erfordern. Die behinderten Menschen haben mich gelehrt, mich selbst besser zu akzeptieren, mich zu emanzipieren von der Entfremdung durch die Gesellschaft. Ich finde das fantastisch. Ich erkenne, dass sie uns viel darüber lehren können, wie man leben kann – wie alle Menschen, die anders sind. Denn Differenzen zeigen uns neue Perspektiven und Möglichkeiten. Ich denke, dass behinderte Menschen viele Fähigkeiten haben, die eine Gesellschaft stärken können.

«Disabled Theater» des Zürcher Theaters Hora ist am 12. und am 13. September zu Gast im Theater Roxy Birsfelden.