Der kleine Hans will Fussballer werden. Er hat kein Problem. Es gibt genügend Klubs, um zu trainieren. Susanne will Musikerin werden. Ihr stehen zahllose Angebote offen. Max schreibt, nicht bloss Aufsätze in der Schule. Der 11-Jährige schreibt Tagebuch und Songs. Ihn treibt die Idee zu einem Roman um. Wohin soll er sich wenden?

Das fiktive Beispiel zeigt: Jugendliche, die ihre Autoren-Ader entdecken, haben im Vergleich zu anderen wenige Unterstützungsangebote. Ein Projekt der Christoph Merian Stiftung (CMS) will dem nun Abhilfe schaffen. Autoren und Literaturvermittler haben die Basler Institution auf die Leerstelle in der Jugendförderung hingewiesen. «Wir haben daraufhin eine Projektstudie in Auftrag gegeben», sagt Christoph Meneghetti, Projektleiter Kultur bei der CMS.

Die Autorin und Literaturvermittlerin Daniela Dill, der Lehrer Hannes Veraguth und der Autor Guy Krneta nahmen Anfang 2018 die Herausforderung an. Ein halbes Jahr später war das Projekt «Wortstellwerk – Junges Schreibhaus Basel» startklar. Am Freitag, 8. Februar, wird es eröffnet. «Es ist ein befristetes Kunstprojekt, auf fünf Jahre hin ausgelegt», sagt Meneghetti. Die CMS übernimmt in dieser Zeit die Miete der Liegenschaft im Dreispitz und finanziert den laufenden Betrieb mit 182 000 Franken pro Jahr.

Ein Ort für Schreibtalente

Hannes Veraguth steht auf einer Leiter und befestigt einen Scheinwerfer an der Holzdecke. Daniela Dill legt gerade einen Pinsel zur Seite. Noch ist das Wortstellwerk an der Venedig-Strasse 22 eine Baustelle, aber es bleibt ja noch gut eine Woche, bis hier Jugendliche mit einem Poetry-Slam den kleinen Bühnenraum einweihen. Nebenan liegt das «Weisse Zimmer», als «Pendant zum weissen Blatt», erklärt Veraguth. «Und als Kontrast dazu nebenan das Alchimie-Zimmer, eine Kammer, die der eines archaischen Zauberers gleichen wird.»

Weiter oben in der verwinkelten ehemaligen Werkstatt wird der Gemeinschaftsraum mit Küche eingerichtet. Transport-Palette mit Kissen, ein grosser Tisch, Hängematten. «Wir wollen hier junge Schreiber und Schreiberinnen im Alter zwischen 11 und 25 Jahren zusammenbringen, fördern und vernetzen», sagt Daniela Dill. Die Spoken-Word-Autorin bringt Erfahrung aus Schreibkursen an Schulen und als Veranstalterin der U20-Slams mit. «Wir wollen Junge, die schreiben, über längere Zeit begleiten», sagt sie.

Schreiben lernen – und zwar richtig

«Im Schulunterricht fehlt dieser Teil der Betreuung», sagt Veraguth. Die Bewältigung des Pflichtstoffs lasse leider wenig Platz für kreatives Schreiben. «Creative Writing» ist denn auch das Stichwort. Was im angelsächsischen Raum bereits seit Jahrzehnten gang und gäbe ist, greift hierzulande erst langsam. Vorbild für das Wortstellwerk ist etwa das 2015 in Zürich gegründete Junge Literaturlabor, das aus dem landesweit bekannten Projekt «Schulhausroman» des Autoren Richard Reich hervorgegangen ist.

Wie in Zürich ist in Basel das Ziel, Jugendliche jenseits von Grammatik und Klassikerkanon an das Schreiben heranzuführen. Dafür werden im Wortstellwerk gestandene Autorinnen und Autoren mit den Nachwuchstalenten arbeiten. «Es sind oft Profis ohne didaktische Ausbildung», sagt Veraguth. Er, der Lehrer, betont, dass es eben kein pädagogisches Angebot, sondern ein «Kunstprojekt im ausserschulischen Kontext» sei. Die Autoren sollen den Jugendlichen auf Augenhöhe begegnen. «Wir geben nicht Nachhilfeunterricht für die Deutschstunde, es geht um Schreiben als Kunst.» Dill und Veraguth teilen sich dafür eine 60-Prozent-Stelle. Guy Krneta, Richard Reich und weitere Personen aus der Literaturszene sorgen im Vorstand des Trägervereins für die nötige Vernetzung in der Szene.

Der Weichenwärter hilft

Das Wortstellwerk startet mit einem ambitionierten Programm. Den Jugendlichen stehen drei Workshops zur Auswahl: Der renommierte Slammer Dominik Muheim teilt sein Wissen im Bereich Spoken Word. Was bedeutet es, Texte zu schreiben und zu performen?

Die Autorin Julia Weber nimmt ihre Kursteilnehmer mit auf Streifzüge durch die Stadt, in der Tasche das Notizbuch oder der Laptop. Sehen, Entdecken, spontan schreiben, Sprachbilder erfinden: Das steht hier auf dem Programm. Der Theater- und Hörspielautor Lukas Holliger entwickelt mit den Jugendlichen «Filme für die Ohren», also Hörstücke, die nicht bloss aus Sprache, sondern auch aus Geräuschen und Musik bestehen.

Eine weitere Spezialität im neuen Jungen Schreibhaus Basel ist der «Weichenwärter». Sein Name ist doppeldeutig. Einerseits befindet sich das Wortstellwerk zwischen den Geleisen am Dreispitz. Andererseits stellt der Autor Andreas Neeser in dieser Funktion die Weichen für das Weiterkommen im Schreiben. Jeden Mittwoch zwischen 18 und 21 Uhr steht er zur Verfügung. Jugendliche können ohne Anmeldung vorbeikommen. Der Weichenwärter coacht, berät beim Schreiben, zeigt Tricks, gibt Tipps oder einfach ein Echo auf die Texte.

Als weiteres Angebot vermitteln Dill und Veraguth Autoren und Autorinnen und Schreibkursformate an Schulen in Baselland und Basel-Stadt. Dieser Bereich sei bereits gut angelaufen, erzählt Dill. Und kürzlich habe sich eine Mutter gemeldet: Ihre Tochter schreibe unheimlich gerne Geschichten. «Nun würden wir ihr gerne helfen, diese Passion weiterzuentwickeln.» Da ist sie beim Wortstellwerk wahrscheinlich in guten Händen.