Afternoon Tea

«Zita the Butler» tischt im Dreikönig Scones, Patisserie und Tee auf – aber auf schweizerisch

Zita Langenstein ist eine der wenigen Frauen, die den Butlerberuf ausüben.

Zita Langenstein ist eine der wenigen Frauen, die den Butlerberuf ausüben.

Die Queen von England ist ein Fan von ihr: Die Butler-Karriere von Zita Langenstein nahm in Basel ihren Anfang.

Neugierig kamen sie angerannt, die Hexen, Prinzessinnen, Indianer und Drachen mit ihren grell geschminkten Gesichtern. Buntes Treiben an der Stanser Fasnacht, vor ihnen ein Mädchen im schwarzen Frack. Zita, die Bauerstochter. «Als was hast denn Du Dich verkleidet?», fragen die Kinder argwöhnisch. «Als Butler», antwortet die Sechsjährige. Alle lachen laut, zeigen mit dem Finger auf sie; wie kommt man nur auf so eine blöde Idee. «Mir war der Spott egal», sagt Zita Langenstein. Sie strahlt eine wohlige Besonnenheit aus, wie sie so dasitzt in der Lobby des Hotel Les Trois Rois, an ihrem Kaffee nippt und erzählt, die Gotte habe ihr dieses Kostüm geschneidert. Das war vor 50 Jahren. Bereits damals wusste Zita, dass sie Butler werden wollte. So ist es auch geschehen. Wenn auch über Umwege. Und mit viel Geduld.

Es ist kein Zufall, dass wir Langenstein im «Les Trois Rois» treffen. In zwei Wochen tritt sie hier als «Zita the Butler» auf, zum ersten «Afternoon Tea Swiss Style» im Basler Fünfsternehotel. Dann werden in traditionell britischer Manier Sandwiches, Scones, Patisserie und Tee aufgetischt. Jedoch lässt Langenstein die Zutaten durch Schweizer Spezialitäten ersetzen. So wird nicht Clotted Cream zu den Scones serviert, sondern Greyerzer Doppelrahm. Statt Lachs gibt es Saibling, und der Toast wird durch Schweizer Brot ersetzt. Auch Schwarztee ist nicht, sondern Bergkräutertee. Das Konzept funktioniert, denn es begeistert eine ganz bestimmte Dame, die sich mit Afternoon Teas besonders gut auskennt.
Queen Elizabeth II ist ein Fan von Zita Langenstein. Seit 13 Jahren lässt sie sich zum Geburtstag von der Schweizerin den Tee «Swiss Style» servieren. Langenstein erinnert sich an das erste Treffen: «Ich war unglaublich nervös. Und schwer beeindruckt. Sie nahm sich zehn Minuten Zeit für ein Gespräch mit mir, war brillant vorbereitet. Wusste, dass ich aus dem Kanton Nidwalden stamme, und drückte ihr Bedauern aus, dass sie nie Schweizerdeutsch gelernt habe.»

Von der Mutter angesteckt

Ein besonderer Moment für eine Frau, die seit der Kindheit fasziniert ist von der Royal Family. Angesteckt von der Mutter, die alle Geschichten über den Adel in den Schlössern aufsog. Für das Bauernmädchen eine klare Sache: In so einem Königspalast wollte sie mal ein und aus gehen. Realistischerweise nicht als Prinzessin, aber wenigstens als Angestellte. Butler waren ihr aus etlichen Filmen vertraut, sie bewunderte die zurückhaltenden Herren im Frack: «Die haben scheinbar mühelos alle Probleme gelöst. Das wollte ich auch.» Eine Ausbildung zum Butler existierte in der Schweiz indes nicht. «Ich musste den Weg übers Gastgewerbe nehmen.»

Dieser Weg führte über Basel. Bei einer alteingesessenen Familie im Paulusquartier arbeitete sie ein Jahr lang als Haushaltshilfe. Der 16-Jährigen eröffnete sich eine völlig neue Welt: «Es war immer so schön warm in dem Haus, das kannte ich nicht. Auf dem Bauernhof hatten wir keine Heizung. Im Winter war es normal, zu Hause eine Strickjacke zu tragen – und trotzdem zu frieren.» Auch der raue Umgangston in ihrer Heimat existierte in Basel nicht. Sie beobachtete viel und fand sich so schnell zurecht in der fast schon königlichen Welt, einer Welt, in der mit Silberbesteck und Porzellangeschirr im «Zibelemuster» gespeist wurde, zu dem sie besonders Sorge tragen musste: «Jeden Teller habe ich angebetendst abgewaschen.»

Als Angestellte war Langenstein angehalten, jeweils den Hintereingang zu benutzen, «ganz klassisch». Die Familie sei aber sehr gut zu ihr gewesen, «wahnsinnig liebe Menschen, die mir Basel und seine Kultur näher brachten». Besonders die Fasnacht beeindruckte sie. Die Klänge, die Larven, die Ernsthaftigkeit auch: «Wenn man hier ankommen will, muss man sich mit der Fasnacht auseinandersetzen, sie mögen.» Langenstein kam an, blieb in Basel und absolvierte im Hotel International die Lehre.

Die Peinlichkeit ihres Lebens

Es folgte «die Peinlichkeit meines Lebens», wie es Langenstein ausdrückt. 1981 bewarb sie sich an der Butler School in London. Und wurde ohne Angabe von Gründen abgewiesen. Sie wollte sich aber nicht ihren Traum kaputt machen lassen, bewarb sich erneut. So ging das 18 Jahre lang, «ich begann, an mir zu zweifeln». Bis sie im Jahr 2000 angenommen wurde. Im Nachhinein erfuhr Langenstein, dass Frauen bis zu diesem Zeitpunkt nicht zugelassen waren. «Es fühlte sich wie eine Erlösung an.» Ihre Diplomarbeit – der «Afternoon Tea Swiss Style» – erreichte Platz eins unter den Absolventen. Zum Preis gehörte, der Queen zum 80. Geburtstag den Tee zu servieren.

Langenstein hatte ihn gefunden, den Weg in den Königspalast. Sie, die daheim in Adlikon in der Nähe des Zürcher Flughafens drei Meter Bücher über die Royals im Regal stehen hat. «Information ist im Butlerberuf alles, so muss sich der Kunde nicht erklären. Und ich kann die Leistung proaktiv erbringen.» Dass die Queen so angetan war von Langenstein, öffnete ihr nicht nur die Tür zum Buckingham Palace, etwa der Hochzeit von Kate und William. In den vergangenen Jahren betreute sie viele Superpromis, unter anderen George Clooney, Tina Turner oder Angela Merkel, eine laut Langenstein unkomplizierte, sympathische Frau: «Es ist meistens so, dass die ganz Bekannten höfliche, unkomplizierte Menschen sind. Zickereien finden praktisch nicht statt.»

Sie lässt sich nicht aus der Ruhe bringen

Schwieriger gestaltet es sich oftmals mit der Entourage, die sich im Glanz der Promis sonnt, erzählt Langenstein. Irritieren lasse sie sich aber nie, weder von Extrawünschen noch schikanösem Auftreten. Nur einmal brach Langenstein einen Auftrag ab: Das Ehepaar, das sie ein Wochenende lang bedienen sollte, stritt sich pausenlos, «das war dann auch mir zu viel». Aus der Ruhe bringen lässt sie sich indes nicht, vor allem nicht, wenn etwas schiefläuft: «Über Dinge hinwegzusehen, ist eine Kunst, die man als Butler lernt.»

Langenstein ist als Frau noch heute eine Exotin unter den Butlern. Eine Exotin unter Exoten. In den 1980er-Jahren gab es noch wenige hundert Butler auf dieser Welt. Mit dem neuen Wohlstand besonders in asiatischen Ländern kam der Dienst wieder in Mode. «Der Bedarf ist riesig und kann nicht durch die aktiven Butler gedeckt werden.» Entsprechend kann sich Langenstein nicht über fehlende Aufträge beklagen. Sie entwirft Haushaltskonzepte für gut situierte Familien, veranstaltet Events wie jenen im «Les Trois Rois», begleitet eine Dame an Termine oder Geschäftsleute auf Reisen. Packt Koffer, arrangiert Treffen und Dinners samt Pianist – privat hört sie am liebsten David Bowie –, putzt und kocht. «Eine devote Haltung wünschen dabei die wenigsten.» Vielmehr, dass alles wie am Schnürchen klappt und Langenstein so gut wie unsichtbar bleibt. Privat habe sie trotzdem nicht das Bedürfnis, im Mittelpunkt zu stehen, diese Unsichtbarkeit zu kompensieren: «Aber ich erzähle meinem Mann natürlich gerne von meinen Erlebnissen.» Zudem stehe sie als Referentin bei Gastrosuisse immer wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit – «das reicht vollkommen».

Auch für kleinere Aufträge ist sie sich nicht zu schade. So kann man Langenstein fürs Schuhe- oder Autoputzen buchen, «solche Gutscheine sind beliebt. Und ich verspreche: Sowohl Schuhe als auch Auto werden glänzen und so gut riechen wie noch nie.» Sehr gerne hat sie Aufträge, bei denen sie ihren Frack tragen kann, «das kommt leider viel zu selten vor. Dabei liebe ich es.» Und plötzlich tanzt eine Begeisterung in ihren Augen – wie wohl damals bei der kleinen Zita an der Stanser Fasnacht.
Hinweis

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1