Es ist Frühling 1918, und Fritz Baumann will Gas geben. Ein absurdes Unterfangen, wenn man die Umstände betrachtet: Der Weltkrieg verbreitet seine letzten Schrecken in Europa, die Spanische Grippe tötet Zehntausende und steht kurz davor, auch in der Schweiz auszubrechen.

Das Volk ist unzufrieden, es herrscht Armut und kommt immer wieder zu Demonstrationen. In dieser Atmosphäre auf volle Kraft voraus zu setzen, scheint geradezu irrwitzig. Baumann lässt sich vom grassierenden Unmut nicht anstecken.

Der Basler Künstler weiss: In harten Zeiten gedeiht die Kunst. Im gesellschaftlichen Umbruch kann sie treibende Kraft sein, muss sie eingesessene Strukturen infrage stellen. Das lässt sich ganz gut in Zürich beobachten, wo Hugo Ball und die Dadaisten bereits seit zwei Jahren ihr anarchisches Unwesen treiben. In Basel hingegen geschieht noch nichts dergleichen.

Ein mutiges Bewusstsein gibt es nicht

Viele Künstlerinnen und Künstler sind zwar unterwegs in anderen Schweizer Künstlergruppen, eine Vereinigung von Basler Kunstschaffenden aber gibt es nicht. Und ein mutiges Bewusstsein davon, was Kunst eigentlich sein soll, auch nicht. «Dürfen wir uns nicht wieder einmal darauf besinnen, dass Museen und Ausstellungen bloss arme Notunterstände für die Kunst sind, die im Leben selbst keinen rechten Platz mehr findet?», schreibt Baumann als Reaktion darauf in sein Manifest. «Es ist nun eine Tragikomödie, zu sehen, wie sich die Kunst ins Leben und das Leben in die Kunst sehnt.»

Baumann nennt seine Schrift zweckmässig «Das neue Leben. Für die neue Bewegung in der Kunst.» Ein achtseitiges Plädoyer für eine Kunst, die nicht nur aus verstaubten Ölgemälden besteht: Für Baumann gelten auch Schmuck, Stickerei und Keramik als künstlerisch wertvoll.

Aber ein Manifest macht noch keine Gruppe. Im April gründet Baumann mit seinen Künstlerkollegen Otto Morach, Niklaus Stoecklin und Alexander Zschokke den Verein «Das neue Leben».

Nur wenige Tage vor dem Generalstreik werden die Werke gezeigt

Im selben Monat reichen sie beim Basler Kunstverein ein Gesuch ein: Die vier Künstler wollen in der Kunsthalle eine Ausstellung ausrichten, die sich an den Forderungen des Manifests orientiert. Sprich: Weniger Landschaftsbilder, mehr Kunsthandwerk.

Das Gesuch wird bewilligt, die Künstler holen sich Freundinnen und Freunde ins Boot: Hans Arp und seine zukünftige Frau Sophie Taeuber-Arp, Alice Bailly, Francis Picabia.

Am Ende haben sie 250 Werke von 22 Künstlern beisammen, die sie am 7. November 1918 in der Kunsthalle zeigen – nur wenige Tage vor dem Generalstreik. Stickerei hängt neben Malerei, Schmuck liegt neben Skulpturen.

Baumann hatte Wort gehalten

Umbruchsgesten, die verstören, aber Anklang finden. Die «National-Zeitung» schreibt: «Es ist ein schönes Zusammentreffen, das von der umwälzenden Bewegung in der Kunst in der derselben Zeit der Öffentlichkeit Stunde wird, in der auch das politische Leben grundsätzliche Umgestaltungen durchzumachen im Begriff ist.»

Entschwurbelt heisst das: Basel steht ein neues Leben bevor, und diese Künstlergruppe ist dessen Ausdruck und Antrieb zugleich. Auch wenn sich der Verein knapp zwei Jahre später wieder auflöst: Für jene turbulente Zeit in Basel war «Das neue Leben» bezeichnend. Die Kunst ins Leben und das Leben in die Kunst bringen – Baumann hatte Wort gehalten.

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«Wir glauben an eine Kunst» Galerie Mueller, 10.11 bis 23.12.; Vernissage: 9.11, ab 18 Uhr. Rebgasse 46, 4058 Basel.