Nicht allen Künstlern ist ihr Beruf anzumerken, Ludovic Balland schon. Der Genfer Grafikdesigner stimmt Farben perfekt aufeinander ab. Ton in Ton sitzt er in seinem Büro in Basel, wo er die «Schweiz am Wochenende» empfängt. Hölzerne Regale mit Kunst- und Architekturbüchern ragen bis zur Decke. Ob er eine Leiter habe, um an die Oberen zu gelangen? Balland nickt und lacht schallend.

Doch sobald es um seine Arbeit geht, ist der Designer wieder ernst. Dabei hätte er durchaus Grund zum Lachen. Vor zwei Wochen hat er einmal mehr einen Designpreis gewonnen. Dieses Mal den German Design Award seiner Kategorie, der in Frankfurt vom Rat für Formgebung überreicht wird. Üblicherweise geht der Preis an Alltagsgegenstände, Parfümflacons oder Lampen zum Beispiel. Ludovic Balland aber wurde für ein Buch ausgezeichnet. «Mein Projekt war ein Fremdkörper in diesem Wettbewerb», erklärt er.

Die schönen Bücher sind Ballands Markenzeichen; für sie wurde er vor vier Jahren vom Bundesamt für Kultur mit dem renommierten Jan Tschichold-Preis ausgezeichnet. Das neuste Gewinnerbuch, das 2018 erschienen ist, heisst «American Readers at Home». Balland arbeitete mit Fotografie und Journalismus, entstanden ist ein Medium «zwischen Design und Inhalt», wie er sagt.

Vier Monate lang reiste er vor den Präsidentschaftswahlen 2016 durch die USA, interviewte zahlreiche Personen zu ihrem Medienkonsum. Es sei ihm wichtig gewesen, möglichst viele verschiedene Berufsgruppen abzubilden. Doch der ewige Roadtrip war anstrengend. «Irgendwann fühlte ich mich einsam. Ich war immer in meinem Auto unterwegs; es war eine Art mobiles Gefängnis.» Als er zurück in der Schweiz war, war er zwölf Kilo leichter. «Und ich habe nicht besonders viel Reserve!» Er schmunzelt.

Trotz der intensiven Reise ist Ballands Faszination für die USA ungebrochen. Sie kam beim heute 45-Jährigen bereits in der Schulzeit in Genf auf. «Ich habe die Schule geschwänzt, um mir in der Stadtbibliothek Fotobücher anzusehen. Das war für mich der Zugang zu einer anderen Welt.» Durch die Bücher entdeckte er Amerika, aber auch die Fotografie. «Die Zeit in der Bibliothek war für mich prägend. Ich war richtig abhängig», sagt er heute.

Balland, der Schonungslose

Der Künstler liebt es, über seine Arbeit zu sprechen. Wird er auf sein Privatleben angesprochen, blockt er ab; sein Gesicht wird starr. «Dazu möchte ich nichts sagen.» Und so ist es Balland, der den Takt angibt. Auch die Fotografin der «Schweiz am Wochenende» kommt nicht wie geplant zum Einsatz. Balland möchte selbst bestimmen, welches Bild von ihm abgedruckt wird. Es gehe ihm darum, welche Botschaft ein Foto vermittle. «Das ist ein Schwachpunkt von mir», sagt er dann beinahe etwas beschämt. «Richten Sie der Fotografin aus, dass ich das nicht böse meine. Peace!»

Sowohl im Gespräch als auch bei der Arbeit bringt der Designer mit Nachdruck seine Überzeugungen zum Ausdruck. Das sagt auch Emanuel Christ vom Basler Architekturbüro Christ & Gantenbein, der mit dem Grafiker schon mehrmals zusammengearbeitet hat. 2012 hat Balland zum ersten Mal ein Buch für das Architekturbüro gestaltet. Seine Arbeitsweise hat den Basler Architekten beeindruckt. «Ludovic ist ein selbstbewusster Autor und Gestalter, der an sich und seine These glaubt», sagt er. Gleichzeitig arbeite er sorgfältig, fast schon «altmodisch präzise». «In der Sache ist er unerbittlich», so Christ.

Mittlerweile hat sich Balland ein grosses architektonisches Wissen angeeignet. In seinen Jugendjahren träumte er davon, Architekt zu werden. Nach einer «schrecklichen» Schnupperlehre entschied er sich dagegen. Das Interesse am Beruf ist geblieben - und bringt ihm von seinen Geschäftspartnern grossen Respekt ein. «Ich schätze seine unglaublich schnelle Auffassungsgabe und seine Fähigkeit, sich unvoreingenommen und schonungslos auf architektonische Inhalte einzulassen», erzählt Christ. Schonungslos deshalb, weil Balland mit seiner Kritik nicht zurückhalte. «Im Gespräch insistiert er und vertritt seine These mit Vehemenz. Das bedeutet natürlich immer auch Reibung, was anspruchsvoll und kräftezehrend sein kann», so Christ.

Die Heimat als Ort der Freiheit

Die intensive Zusammenarbeit tat der Kameradschaft keinen Abbruch. Im Gegenteil: Bis heute stehen die beiden in freundschaftlichem Austausch. Argumentiert Balland mit Härte, so ist dies wohl dem Feuer geschuldet, mit dem er sich der Grafik widmet. Er liebt es, mit anderen zu diskutieren. Darum lebe er auch so gerne in Basel: «Hier habe ich meine Freunde, mein intellektuelles Umfeld.»

Die Stadt ist für ihn kultureller Umschlagplatz und Verkehrsknotenpunkt in Einem. Mit 23 Jahren kam er nach Basel, um an der Schule für Gestaltung die Fachklasse Grafik zu absolvieren. Seither ist er hier zu Hause. Als Stadtbewohner fehlt ihm manchmal der Trubel, als Architekturfreund vermisst er die Wolkenkratzer New Yorks. Aber als Arbeitstier, und das ist Ludovic Balland in erster Linie, geniesst er die Ruhe der Stadt. Hier kann er sich konzentrieren. «Habe ich Lust auf Lärm und Grossstadt, dann fahre ich nach Paris oder fliege nach Berlin.» Heimat ist für ihn der Ort, an den er nicht gebunden ist.

Auch beruflich bewegt sich Balland in verschiedenen Welten. Vor fünf Jahren hat er der damaligen «TagesWoche» ein neues Design verpasst. Heute pendelt er alle zwei Wochen nach Leipzig, wo er an der Hochschule für Grafik und Buchkunst unterrichtet. Als Typografie-Professor lerne er von seinen Schülern. «Durch sie erfahre ich aus erster Hand, was heute aktuell ist.» Selbstverständlich hat er auch hier zahlreiche Reformationsideen. «Als erste Fremdsprache müssten Kinder die Java-Programmiersprache lernen», sagt er dann voller Eifer, oder «Die heutigen Kunsthochschulen müssen sich neu definieren.»

Was auf den ersten Blick grossspurig wirken mag, ist bei Ludovic Balland ernste Auseinandersetzung mit Themen, die ihn beschäftigen. Die Energie, mit der er über die Welt und ihre Probleme spricht, ist in ihrer Authentizität berauschend. Sie ist sein Schlüssel zum Erfolg.