Bärenfelserstrasse
Vom Hippie-Dorf zur Kommune: Hier wird die Strasse zum erweiterten Wohnzimmer

Die «Bäwohner» galten vor 40 Jahren als Pioniere der ersten Schweizer Wohnstrasse. Obwohl sich der Hippie–Geist von damals verflüchtigt hat, bedeutet das Wohnmodell für die Anwohner immer noch pure Lebensqualität.

Martina Rutschmann
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Anwohnerin Lea Forestier möchte, dass ihre Kinder (im Bild Sohn Siro) aufwachsen wie sie damals: in einer Strasse, die gleichzeitig Wohnzimmer für alle ist – inzwischen bereits seit 40 Jahren.

Anwohnerin Lea Forestier möchte, dass ihre Kinder (im Bild Sohn Siro) aufwachsen wie sie damals: in einer Strasse, die gleichzeitig Wohnzimmer für alle ist – inzwischen bereits seit 40 Jahren.

Nicole Nars-Zimmer niz

Strassen, Strassen, Strassen – und dann das! Die Bärenfelserstrasse ist, wie der Name sagt, ebenfalls eine Strasse. Aber nicht im klassischen Sinne. Wer hier wohnt, lebt auch auf der Strasse. Sie ist das erweiterte Wohnzimmer der Bewohner. Manchmal essen diese zusammen, oft höckeln sie gemütlich herum, fast immer spielen Kinder dort, wo es auf anderen Strassen gefährlich ist: mitten auf der Fahrbahn.

Als die Kleinbasler Quartierstrasse zwischen Johanniter- und Dreirosenbrücke vor 40 Jahren zur ersten Wohnstrasse des Landes ernannt wurde, war Lea Forestier (37) noch nicht geboren. Ihre Eltern lebten im Genossenschaftshaus, in dem die Mutter heute noch wohnt – und Lea selber auch wieder: im Nummer 37. Nachdem sie als 20-Jährige ausgezogen war, kam sie vor gut einem Jahr mit ihren Kindern zurück an die Bärenfelserstrasse. Sie möchte, dass die Kinder aufwachsen wie sie.

Geborgenheit wegen Stimmen aus Küche

«Wenn schlechte Stimmung herrschte zwischen meinen Eltern, ging ich zur Nachbarin und ihren Buben», erzählt Lea Forestier. Mit den Erwachsenen im Haus habe sie enge Beziehungen gehabt, Vertrauensverhältnisse eben. Und die Kinder der Bärenfelserstrasse waren sowieso befreundet. Einmal im Monat gab es ein Hausessen, einer kochte und alle kamen. «Bei uns sassen immer Leute am Küchentisch, ich fühlte mich geborgen, wenn ich beim Einschlafen ihre Stimmen hörte.»

Das Hausessen gibt es bis heute. Lea Forestiers Kinder fühlen sich wie sie damals, wenn 13 Leute dicht beieinander in der Küche sitzen. Viel Raum bleibt sonst nicht. Die Zweizimmer-Wohnung wird langsam eng für die dreiköpfige Familie. Es ist eine Frage der Zeit, bis die 11-jährige Amelia das Zimmer nicht mehr mit dem fünfjährigen Bruder Siro teilen möchte.

Würde die Familie in einem gewöhnlichen Haus an einer gewöhnlichen Strasse leben, müsste sie wohl zügeln, hier aber wird sich eine Lösung mit der Mutter und Grossmutter finden. Sie wohnt einen Stock weiter oben in einer grösseren Wohnung und hat angeboten, Amelia ein Zimmer zur Verfügung zu stellen.

Privatsphäre bleibt oft auf der Strecke

Noch ist es aber nicht soweit. Und sowieso: Selbst wenn man an der Bärenfelserstrasse 37 und generell in der Strasse ein eigenes Zimmer hat – die Privatsphäre bleibt oft auf der Strecke. «Jeder bekommt mit, wer ein- und ausgeht. Und wenn mal ein fremdes Velo im Gang steht, wissen gleich alle, dass ein Gast da ist.» Lea Forestier empfindet diese Nähe nicht als Problem, sie sagt: «Man muss sich abgrenzen können, dann geht es.»

Der Weg von der Durchgangsstrasse mit Suchverkehr zur Tempo-20-Wohnstrasse war steinig für die «Bäwohner», wie sie sich nennen. Die Regierung war nicht grundsätzlich gegen Wohnstrassen, im Gegenteil, sie wollte an der benachbarten Oetlingerstrasse eine solche errichten. Die dortigen Anwohner hielten dies für keine gute Idee. Ganz im Gegensatz zu den Bewohnern der Bärenfelserstrasse. Für eine Pauschale von 5000 Franken für Farben boten sie der Regierung an, ihre Strasse selber in eine Wohnstrasse umzugestalten.

Das war zu viel Kreativität für das Tiefbauamt. Um den Bewohnern zuvorzukommen, machte das Amt die Strasse selber wohnlich – mit Betonelementen. Das sorgten für Empörung bei den Anwohnern. Sie griffen zu Pinsel und Farbe, malten die grauen Blöcke an und stellten sie um. Am Ende waren es doch die Anwohner, die ihre Strasse gestalteten. Was 1977 als Provisorium begann, ist bis heute geblieben. Und die «wilde Strasse» wurde zum Vorzeigeprojekt für die Schweiz.

Hier sind wir – und hier bleiben wir

Lea Forestier kennt im Haus praktisch alle Nachbarn von früher. «Als ich zurückkam, wusste ich: Hier bin ich willkommen, das ist meine Oase.» Sie hat immer in der Nähe gewohnt und war oft bei der Mutter. Aber jetzt ist es, als wäre sie daheim, sagt sie, wirklich daheim. «Dieses Wohnmodell bedeutet für mich Lebensqualität.»

Die Kinder seien bei Freunden in der Strasse gut aufgehoben, wenn sie in der Klinik Sonnehalde arbeitet oder ausgeht. Und wenn keine Milch mehr da ist, hilft ein Nachbar aus. Die Wohnungstüren sind nie geschlossen.

Im Treppenhaus begegnet man Nachbarn, die im Badezimmer auf dem Zwischenstock bei offener Tür ihre Haare föhnen. Die Velohelme liegen geordnet nebeneinander auf der Ablage im Flur und wenn es klingelt ist es vielleicht jemand aus einem Nachbarhaus, der keine Windeln mehr hat für das Baby.

Die Anfangsgeneration war Teil der 68er-Bewegung, der Hippie-Geist von damals aber, der ist kaum mehr zu spüren. «Es ist ein gemeinschaftliches Wohnen, ein offenes Wohnen – und ja, es hat was von einer Kommune, als Hippie-Dorf sehe ich die heutige Bärenfelserstrasse aber nicht», sagt Lea Forestier.

Trotzdem: Wenn einer der Jugendlichen seinen ersten Joint raucht, erzählt er das den Erwachsenen, ohne eins hinter die Löffel zu bekommen. «Hier wird nicht versteckt und gelogen.» Genau das ist es, was Lea Forestier ihren Kindern vermitteln will: Offenheit. Schon nach einem Jahr an der Bärenfelserstrasse ist auch für ihre Kleinen klar: Hier sind wir – und hier bleiben wir.

Bärenfelserstrassenfest: Samstag, 9. September, 14 Uhr bis 23 Uhr. Speis und Trank aus aller Welt, Angebote für Kinder, Lesungen, Vorträge, Musik