Basel
Umweltaktivist: «Eröffnung der Zollfreistrasse ist Schritt in falsche Richtung»

Der Umweltaktivist und Arzt Martin Vosseler kämpfte über 30 Jahren gegen die Eröffnung der Zollfreistrasse. Den Kampf hat er verloren, trotzdem möchte er die Erfahrungen nicht missen, die er gemacht hat.

Nicolas Drechsler
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Regierungsrätin Barbara Schneider (l.) und Martin Vosseler am 6. Februar 2006, als die Polizei das Areal räumen musste.

Regierungsrätin Barbara Schneider (l.) und Martin Vosseler am 6. Februar 2006, als die Polizei das Areal räumen musste.

Nicole Nars-Zimmer

Herr Vosseler, was bedeutet die Eröffnung der Zollfreistrasse?

Martin Vosseler: Einen Schritt in die falsche Richtung. Die Menschheit sollte den CO2-Ausstoss gegen null senken, um das Leid, das die Klimaveränderungen bringen werden, abzufedern. Vor diesem Hintergrund ist die Eröffnung einer Strasse, auf der Fahrzeuge mit Abgasen verkehren, und die einen kostbaren Lebensraum zerschneidet, ein Schritt in die falsche Richtung.

Haben Sie sich mit der Zollfreistrasse abgefunden?

Ja. Seit dem Moment, wo wir den Widerstand aufgegeben haben, wende ich mich wieder anderen Dingen zu. Auch viel Ermutigendes ist seit 2006 geschehen: Vor zwei Jahren hat die Schweizer Politik den Atomausstieg beschlossen. Basel wird bald eine Fussgänger-Zone haben, die diesen Namen verdient. Ein Papst ist aufgetaucht, der auch für die Kirche wieder hoffen lässt. Millionen von Männern, Frauen und Jugendlichen – mehr als je in der Geschichte – setzen sich für eine erdverträgliche Menschheit ein und wagen nötige Schritte.

Wenn Sie zurückkönnten, was würden Sie anders machen?

Lange dachte ich, wir hätten falsche Prioritäten gesetzt. Wir haben viel Energie und Mittel in Gutachten und Verfahren investiert. Hätten wir damit den besten Tierfilmer gebeten, einen Film zu drehen mit Nahaufnahmen der nistenden Pirole, der fischenden Eisvögel, der seltenen Spechte, die dort – 10 Minuten von der Tramlinie entfernt – hausten, vielleicht hätte dies das Wunderbare dieses Orts den Herzen näher gebracht, glaubte ich zeitweise. Und doch: Die Zollfreistrasse wurde möglich wegen eines unverrückbaren Staatsvertrags, wegen der Hartnäckigkeit der deutschen und der Schwäche und Zweideutigkeit der Schweizer Behörden. Daran hätte auch der beste Naturfilm nichts geändert.

Hat sich Ihr Einsatz gelohnt?

Ja. Ich habe wunderbare Menschen kennen gelernt. Freundschaften fürs Leben sind entstanden. Es war für mich eine sehr lehrreiche Lebensepisode – wir konnten viel lernen über Ökologie, Zoologie, internationales Recht, grenzüberschreitende Politik. Wir konnten gewaltfreie Kommunikation üben und haben zum Beispiel mit der Basler Polizei gute Erfahrungen gemacht.

Welche Erinnerungen bleiben Ihnen ganz persönlich?

Viele wunderbare Erinnerungen: Schwester Demas, die sich als Nonne im Ordenskleid an einen Baum anketten liess und mit der ich seither befreundet bin; Freunde, die sich im Camp kennen lernten, verliebten und einem Büblein das Leben schenkten; zwei junge Polizisten, die uns eines Morgens aufsuchten und uns anvertrauten, dass einige Mitglieder des Polizeikorps unseren Widerstand respektierten und innerlich unterstützten; ein verbindendes Gespräch mit Einwohnerinnen von Tüllingen, die uns einmal erschrecken wollten. Wir kamen uns näher und am Schluss habe sogar ich als Abstinent mit ihnen mit einem Gläslein Schlipfer angestossen.

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