Theater

Theatralische Castingshow zeigt Leistungswahn für einmal bunt, lustig und reflektiert

«Under pressure» von Henrike Iglesias führt im Theater Roxy Birsfelden den Leistungswahn ad absurdum.

«Under pressure» ist eine Einschleim-Eskapade. In der Castingshow-Persiflage kämpfen die drei Performerinnen des Kollektivs Henrike Iglesias Laura Naumann, Marielle Schavan und Sophia Schroth um die meisten Publikumsstimmen. Wer ist motivierter? Wer versagt am besten? Das Publikum entscheidet per Smartphone – und bekommt die Bühnen-Ichs von Sophia, Marielle und Laura von ihrer anbiedernden Seite zu spüren.

So viele Komplimente und überhaupt Aufmerksamkeit erhält man kaum je fürs Zuschauen. Doch in «Under pressure» geht es nicht um Wellnesst, sondern um Leistungswahn und -druck. Die Logos auf den Kostümen – Trainingskleider irgendwo zwischen Tennis und Gymnastik – verweisen vom ersten Auftritt darauf: «Lassdas», «Fail» und «Keinbok».

Vom Technikpult an der Seitenlinie interviewt Anna Fries die Teilnehmerinnen zu Siegeswillen, Versagensangst und Versagen. «Es kann nur eine geben» ist das Credo dieses Abends, den Fries als Spagat zwischen römischem Kolosseum und «Deutschland sucht den Superstar» moderiert. Am Ende bittet sie die Verliererin, beim Gehen das Licht auszuschalten.

Schelte für die weinende, weisse Frau

Aber erzählen die Performerinnen überhaupt von realen Erfahrungen «im Turbokapitalismus»? Performances mit dieser Anlage spielen mit der Unschärfe zwischen Fiktion und Realität. In der Wettbewerbsrunde «Wer ist am authentischsten?» wird dem Rechenschaft geleistet.

Marielle schmollt echt, aber Laura hält sich – beeindruckend wirkungslos – Zwiebelhälften unter die Augen. Sophias Gesicht ist schnell komplett mit Tränen bedeckt. Sie hantiert dabei mit einer speziellen Sprühflasche.

Dafür, dass alle drei beim Authentizitäts-Contest ausgerechnet die weisse, weinende Frau spielen, gibt es Schelte von der Moderatorin. Das sei ein Stereotyp. Die Gesellschaft fordere das von ihnen, verteidigen sich die drei. Entlang dieses Gegensatzes zwischen gesellschaftlichem Druck, Individuum und allen seit dem Kindergarten aufgesogenen Normen hangeln sich Teilnehmerinnen durch das Casting.

Zuschauer vor Ort und in der ganzen Welt

Im Publikum sind die Prozesse andere: Stimmt man ehrlich ab oder gibt man derjenigen die Stimme, die noch nie eine Runde gewonnen hat? Die Willkür des Bewertens von Anderem spüren dabei alle. Dass sich viele Gedanken machen, sieht man den jeweils auf der Leinwand eingeblendeten Resultaten an.
Bei der Wettbewerbsrunde «Mit wem hättest du am liebsten ein Kind?» gehen mit Abstand am wenigsten Stimmen ein. Doch auch hier sind es noch 94.

«Auch sie zuhause können gerne klatschen», sagte Moderatorin Fries zu Vorstellungsbeginn. 50 Personen erleben «Under pressure» im Theater Roxy Birsfelden vor Ort. 92 weitere Tickets gingen fast in die ganze Welt: nach Kiel, nach Wien, gar nach New York.

Die Online-Version von «Under pressure» ist mehr als eine abgefilmte Theaterbühne. Die drei Performerinnen sprechen in Live-Kameras, sie inszenieren sich für die Kamera. Im Saal erlebt man die Machart, den Maschinenraum der Performance, mit – das Publikum vor den Bildschirmen dafür wohl die Castingshow in Reinformat.

«Under pressure» ist bunt, lustig und reflektiert. Längst nicht nur wegen der Pandemietauglichkeit ist es ein vielversprechender Beitrag im Wettkampf um Aufmerksamkeit in der freien Theaterszene. Die Plätze im Roxy sind am Donnerstag ausverkauft. Online gibt es aber noch Tickets.

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