Theater Basel
Die Götter tragen in Basel weisse Unterhosen

Am Theater Basel fehlt bei Claudio Monteverdis Oper «Il ritorno d'Ulisse in patria» die Figur des Odysseus. Acht Basler Männer mit Migrationsgeschichte sollen den antiken Helden ersetzen.

Georg Rudiger
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Die Götter sind sehr menschlich dargestellt. Odysseus fehlt gänzlich.

Die Götter sind sehr menschlich dargestellt. Odysseus fehlt gänzlich.

Zvg / Judith Schlosser

20 Jahre muss Penelope auf der Insel Ithaka warten, ehe ihr Gatte Odysseus vom Trojanischen Krieg zurückkehrt. Immer wieder wird sie durch Freier bedrängt. Schliesslich gibt sie nach und verspricht sich dem Mann, der Odysseus' Bogen spannen kann. Alle Freier scheitern, bis ein Greis die Aufgabe mühelos bewältigt und die Männer tötet. Es ist Odysseus selbst, der in seiner Verkleidung von Penelope aber nicht erkannt wird. Erst als der Fremde die gewebte Decke des Ehebetts beschreibt, fällt es ihr wie Schuppen von den Augen.

Es knirscht im Regiekonzept

Am Theater Basel ist bei Claudio Monteverdis Dramma per musica «Il ritorno d'Ulisse in patria» Odysseus gestrichen, weil er für Regisseur Krystian Lada nur eine Projektionsfläche darstellt. Acht Basler Männer mit Migrationsgeschichte sollen den antiken Helden ersetzen und von ihrem Leben in der Fremde erzählen. Ein etwas schiefer Ansatz, weil Odysseus in seine Heimat zurückkommt und letztlich Bestimmer ist, nicht Aussenseiter. Auch die fehlende Musik der Hauptfigur wird an diesem Abend vermisst. Die stattdessen eingespielten elektronischen Klänge und Geräusche von Nicolas Buzzi, welche die eingesprochenen Texte der acht Migranten unterlegen, können die musikalische Spannung nicht immer weitertragen.

Auch wenn das ambitionierte Regiekonzept im Detail knirscht, entfaltet der vom Publikum gefeierte Abend im Schauspielhaus grosse Theatralik. Das im Orchestergraben und auf einem Gerüst postierte La Cetra Barockorchester Basel (Leitung: Johannes Keller) sorgt für musikalischen Fluss, Farben und Stimmungen.

Der vom Publikum gefeierte Abend im Schauspielhaus entfaltet grosse Theatralik.

Der vom Publikum gefeierte Abend im Schauspielhaus entfaltet grosse Theatralik.

Zvg / bz

Die Götter tragen in Basel weisse Unterhosen (Kostüme: Bente Rolandsdotter). Und sind auch sonst allzu menschlich, wenn sie zu Beginn herumalbern oder sich wie Neptun (Alex Rosen mit mächtigem Bass) auch mal in die Schmollecke zurückziehen, weil Jupiter (mit Charme und Tenorglanz: Rolf Romei) es ihm nicht recht machen kann. Mit seinem betörenden Altus ist Théo Imart in gleich drei Rollen (Amor/Juno/Amphinomos) musikalisch ein echter Glücksbringer. Minerva (mit schlankem Sopran: Stefanie Knorr) stampft auch mal auf den Boden, um sich Gehör zu verschaffen.

Penelope steht ganz im Zentrum der Inszenierung. Sie ist gefangen in ihrer weissen Zelle (Bühne: Didzis Jaunzems). Hier erfährt Katarina Bradic im Prolog die menschliche Zerbrechlichkeit. Hier wird sie von den drei Freiern, die von den als Menschen verkleideten Göttern verkörpert werden, heftig bedrängt. Aber diese Penelope bleibt dank Bradics dunklem, tragfähigem Mezzosopran stark und widerstandsfähig, zeigt aber auch gegenüber ihrem Sohn Telemachos (präsent: Jamez McCorkle) ihre weiche Seite.

Ein paar Hetzreden auf Schwyzerdütsch

Lange Zeit bleiben die acht Männer, die als Odysseus-Ersatz vom Hirten Eumaios (brillant: Ronan Caillet) willkommen geheissen werden, Statisten. In den Texten aus dem Off erfährt man nur wenig von ihnen. Sie sprechen über die Sehnsucht nach der Mutter und die Distanz der Schweizer, über vertrautes Essen und fremde Geschäftigkeit. Den Schmarotzer Iros macht die Regie zum ausländerfeindlichen Wutbürger mit Gummistiefeln und Giftspritze auf dem Rücken. Schauspieler Martin Hug bewältigt die gesanglichen Herausforderungen wie die Lamento-Parodie zu Beginn des dritten Aktes mit vollstem Einsatz. Und lässt vor seinem Selbstmord noch ein paar Hetzreden auf Schwyzerdütsch ab.

Am Ende werden die acht Männer, die sich in den Zuschauerraum gesetzt haben, vorgestellt. Leandro aus Portugal, seit drei Jahren in der Schweiz. Boris aus Hongkong, der lange in London lebte. Jeder steht auf, lächelt ins Publikum und wird von Penelope mit einem freundlichen Winken begrüsst. «Nun erkenne ich dich!», singt sie, eigentlich für Odysseus, in Basel für die acht Ausländer. Fast zu schön, um wahr zu sein.

«Il ritorno d'Ulisse in patria.» Theater Basel.
Die nächsten Vorstellungen im Schauspielhaus: 12./14./16.11.
www.theater-basel.ch

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