Zahnimplantate
Straumann steigt in die Kieferorthopädie ein

Der Basler Zahnimplantatehersteller Straumann hat auch im ersten Halbjahr 2017 ein zweistelliges Wachstum verzeichnet. Nun erschliesst sich der Konzern mit dem Einstieg in die Kieferorthopädie ein neues Geschäftsfeld. Dazu übernimmt Straumann in den USA einen Zahnschienen-Hersteller.

Philipp Felber
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Straumann steigt in die Kieferorthopädie ein.

Straumann steigt in die Kieferorthopädie ein.

Keystone/GEORGIOS KEFALAS

Die Aktie auf einem Allzeithoch, eine Übernahme in einem neuen Markt und Umsatzzuwachs von 17,8 Prozent: Der Basler Zahnimplantate Hersteller Straumann befindet sich im Höhenflug. Für 150 Millionen Dollar kauft das Unternehmen mit ClearCorrect einen Anbieter von sogenannten Aligner und steigt somit ins Kieferorthopädie-Geschäft ein.

Mit den durchsichtigen Schienen können leichtere und mittelschwere Fehlbisse korrigiert werden. Im letzten Jahr machte die amerikanische Firma 32 Millionen Dollar Umsatz. Und sei bereits heute profitabel, wie Straumann-CEO Marco Gadola an der gestrigen Präsentation der Halbjahreszahlen sagte.

Ergänzt wurde der Kauf mit einer Beteiligung an der Spanischen Firma Geniova, welche Hybrid-Aligner herstellt: eine Mischung aus herkömmlicher Zahnspange und Aligner. Und der vollständigen Übernahme von Dental Wings, einem Anbieter von digitaler Zahntechnik, an welchem Straumann bereits mit 55 Prozent beteiligt war.

Der Aligner-Markt sei ein Wachstumsmarkt mit zweistelligen Wachstumsraten, sagte Gadola. Align Technology ist der grosse Player im Markt mit den transparenten Zahnkorrekturschienen und hält gegen 75 Prozent Marktanteil. ClearCorrect ist mit einem Anteil von zwei bis drei Prozent eher bescheiden unterwegs.

Damit sei die Firma trotzdem unter den Top-5 der Anbieter. Marco Gadola bezifferte das Marktvolumen von Aligner auf 1,5 Milliarden Dollar jährlich. Fast das doppelte Volumen als der Markt der herkömmlichen Spangen. Zudem sei der Markt der Aligner noch wenig durchdrungen. Noch in diesem Jahr liefen einige Patente des Aligner-Marktführers aus, was wohl auch andere Mitbewerber anlocken würde, so Gadola.

«Mit dem Kauf von ClearCorrect sind wir bereit, wenn die Konkurrenz ebenfalls in den Markt drängt», sagte Gadola. Bereits heute haben grosse Zahntechnik-Player wie 3M, Dentsply Sirona und Danaher eigene Aligner-Systeme auf dem Markt.

Digital als neuer Zweig

Marco Gadola geht davon aus, dass 75 Prozent aller Menschen leichte bis starke Gebissfehlstellungen haben. Ein riesiges Potenzial an möglichen Endkunden, das Straumann nun bewirtschaften will. Für Straumann ist dabei das Geschäft mit herkömmlichen Spangen wenig interessant — zu stark ist die Marktmacht der grossen Anbieter. Die zweistelligen Wachstumsraten und die hohen Margen bei den Aligner hingegen schon.

Mit dem gleichzeitigen Einkauf bei Geniova holt sich Straumann zudem das Know-how für die Produktion von Hybrid-Aligner ins Haus. Diese Hybrid-Produkte sollen die Dauer der Behandlung und somit auch die Kosten verringern. Am spanischen Start-up hält Straumann eine Beteiligung von 38 Prozent und sichert sich das Recht, die Geniova-Produkte exklusiv zu verkaufen.

Weil die Fertigung sowohl von Aligner als auch von Hybrid-Aligner digitale Technologie bedingt, und Straumann mit mehreren Beteiligungen bereits über digitale Geschäftszweige verfügt, wird die Holdingstruktur umgebaut. Neu wird die Sparte Digital separat geführt. Mit 500 Mitarbeitern habe Straumann neu das grösste Digital-Team in der Zahntechnik, erklärte Gadola.

Darunter wird auch Dental Wings geführt, wo sich Straumann mit weiteren 40 Millionen US-Dollar 100 Prozent des Unternehmens sichert. Ein weiterer Schritt in Richtung eines Ziels von Straumann: Anbieter von Gesamtlösungen in der ästhetischen Zahnmedizin zu werden. Dazu gehört auch der im letzten Quartal angekündigte und nun abgeschlossene Einkauf bei 3-D-Drucker-Hersteller Rapid Share. Bis Ende Jahr soll ein eigener Straumann-Drucker marktreif sein.

Mit den neusten Expansionen dringt die Firma in immer grössere Märkte vor. Auf acht Milliarden bezifferte Gadola den momentanen Markt, an dem Straumann teilnimmt. Vor drei Jahren seien es noch vier Milliarden gewesen, 2012 gar nur eine Milliarde. Parallel dazu stieg auch der Aktienwert seit 2012 permanent an. Ende 2012 lag der Kurs bei unter knapp über 100 Franken. Gestern kostete eine Aktie Fr. 612.50 – ein Allzeithoch. Die Titel schlossen bei Fr. 609.50. Das entspricht einem Plus von elf Prozent.

Zweistelliges Umsatzwachstum

Zum Höhenflug an der Börse beigetragen hat nicht nur der positiv bewertete Einstieg in den Kieferorthopädie-Sektor, sondern auch die Halbjahreszahlen. Marco Gadola war denn auch sehr zufrieden mit dem Ergebnis. Der Umsatz stieg um 17,8 Prozent auf 543 Millionen Franken. Das organische Wachstum bezifferte Gadola auf 14,3 Prozent.

Zudem verzeichnet Straumann in all seinen Geschäftsbereichen ein zweistelliges Wachstum. Und erzielte in allen Geschäftsbereichen und Märkten erneut ein zweistelliges Wachstum. Im Vergleich zum ersten halben Halbjahr 2016 stieg der Reingewinn um 4,4 Prozent auf 140,8 Millionen Franken.

Die Straumann Holding mit Sitz in Basel beschäftigte Ende Juni weltweit über 4200 Mitarbeiter. In der Schweiz zählt das Unternehmen 889 Mitarbeiter, 471 davon am Hauptsitz in Basel. Noch vor drei Jahren waren es weltweit nur die Hälfte, in der Schweiz rund 720. Das grösste Geschäftsfeld von Straumann ist die Herstellung von Zahnimplantaten, wo die Unternehmung weltweiter Marktführer ist.