Sinnesspektakel
Regenduschen, Drohnen und fliegende Motorräder – so lief die Basler Premiere des Zirkus Knie

Nach einer zweijährigen, coronabedingten Absenz erobert die Familie Knie die Gunst der Basler Zuschauer mit einem exzessiven, bombastischen Sinnesspektakel der Superlative – und sorgt an seiner Basler Premiere für minutenlange stehende Ovationen.

Tanja Opiasa-Bangerter
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Trapezkünstler Alex Michael begeisterte das Publikum.

Trapezkünstler Alex Michael begeisterte das Publikum.

Klaus Brodhage

Ungesichert läuft der brasilianische Flugtrapez-Künstler in schwindliger Höhe kopfüber am 15 Meter hohen Knie-Chapiteau. Alex Michaels Füsse tasten nach der nächsten Fussschlaufe. Aus dem Premierenpublikum sind Schreie zu hören. Wenige Minuten nach Vorstellungsbeginn beschleicht uns das Gefühl, dass die Knie Tournee 2022 die Grenzen des Vorstellbaren zu sprengen vermag.

Spätestens als eine Regendusche auf die ukrainische Hula-Hoop Tänzerin Anastasia Lebedieva prasselt, kann sich kaum einer der Ästhetik des Staunens entziehen.

Anastasia Lebedieva in der Regendusche.

Anastasia Lebedieva in der Regendusche.

Klaus Brodhage

Nach einer zweijährigen, coronabedingten Absenz von der Rosentalanlage erobert die Familie Knie die Gunst der Basler Zuschauer mit einem exzessiven, bombastischen Sinnesspektakel der Superlative. Dabei schöpft die atemlose Show unter der Leitung der neuen artistischen Direktorin Géraldine Knie sowohl in Bühnentechnik, Lichtdesign und Spezialeffekten, als auch bei den auf Spitzenniveau gestalteten, risikofreudigen Nummern aus einem schier endlosen Repertoire.

Dieses lehnt sich an Musical-, Konzert- und Film-Formaten an und schafft es, durch geschickt platzierte Clown-Einlagen und rührenden Auftritten des Knie-Nachwuchses dem Geist des Familienzirkus treu zu bleiben. In einer Neuinterpretation der Zirkusmagie bietet dieser ein risikofreudiges, gewagtes Konzept, das punktuell überfordert, aber mehrheitlich funktioniert.

Singer-Songwriter am Vertikaltuch

Auf einer Schwebekreation eröffnet der Headliner Bastian Baker mit dem betörenden Circus-Theater Bingo. Der, ebenfalls in Folge der Pandemie gemeinsam mit Ursus und Nadeschkin gebuchte, Singer-Songwriter überzeugt zwar ebenfalls ausserhalb seiner Komfortzone, als er seine Hits mit am Vertikaltuch singt. Baker wirkt jedoch besonders an der Gitarre performend am Nahbarsten. In diesen Momenten wird das Zirkuszelt zu einer Konzerthalle, samt kreischenden Baker-Fans und durch die Luft geschwenkten, leuchtenden Natels.

Bastian Baker performte seine Hits unter anderem am Vertikaltuch.

Bastian Baker performte seine Hits unter anderem am Vertikaltuch.

Klaus Brodhage

Sekunden später fliegt das spanische Schleuderbrett Duo Olmos zu wummernden Bässen durch die Manege und das Publikum hält fast hörbar den Atem an. Die Stille hält zu Handstand-Akrobat Dima Shines kraftvollen Handstand Darbietung an und als Chanel Marie Knie das Publikum mit der Manegen-Premiere ihres kleinen Bruders Maycol jun., der ein Pony durch die Manege führt, zu Tränen rührt ertönen aus den ausverkauften Reihen begeisterte Zwischenrufe.

Wirkt die kindliche Freiheitsdressur der Elfjährigen wegen den auf den sechs Ponys sitzenden Puppen zeitweise etwas ungewohnt, zeigt Ivan Frédéric Knie mit einer Kombination aus neuen und erfahrenen Vollblut-Arabern eine dynamische Gesamtperformance. Diese lebt von deren Schönheit, wirkt jedoch zeitweise etwas hektisch.

Da bieten Ursus und Nadeschkin in ihrer bodenständigen Präsenz ein erfrischendes Kontrastprogramm, das nicht nur durch die unkonventionellen Tiernummern mit dem duoeigenen Esel und einer köstlich inszenierten Kuh zu überraschen vermag.

Ursus und Nadeschkin überraschten mit unkonventionellen Tiernummern.

Ursus und Nadeschkin überraschten mit unkonventionellen Tiernummern.

Klaus Brodhage

Auch die elfjährigen Nachwuchsartisten Sid und Roaul, die das Komik-Duo als jüngere Version darstellen, sorgen für willkommene Zwischentöne. Im Zelt wird es dunkel, wir nehmen die Tänzer der aus der Ukraine und Russland stammenden Extreme Light Crew nur durch Lichtstreifen an ihren Körpern war. Kurz darauf endet die zweieinhalbstündige Show mit fliegenden Motorrädern der Mad Flying Bikers und leuchtenden Mini-Drohnen in einem fulminanten Finale.

Motorräder statt Tiger

«Das ist Adrenalin pur», beschreibt der spanische Motocross Sportler Marc Pinyol das Gefühl nach dem 21-Meter weiten Sprung. «Statt knurrenden Tigern hören wir heulende Motoren», meint Urs Wehrli aka Ursus nach der Show und schwärmt, dass der moderne Zirkus, zu dem sich der Zirkus Knie mausere, in seinem Kern immer noch derselbe sei:

«Wir staunen über Künste, zu denen wir nie fähig wären.»

Dass 15-jährige gleich nochmals mit ihren Freunden zur Show kommen wollen, freue das Duo unheimlich, schwärmt Wehrli. Und auch Gattin von Franco Knie Mary-José Knie ist sichtlich zufrieden. «Die Energie der diesjährigen Show ist gewaltig», betont sie.

Die besten Bilder der Premiere:

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Klaus Brodhage