Märchenbühne

Sei doch kein Prinz!

«Küss mich!»

«Küss mich!»

Die Fauteuil-Märchenbühne ist seit Jahrzehnten eine Institution: Der Besuch mit dem Nachwuchs zeigt eindrücklich, warum.

Der letzte Lacher an diesem Sonntagnachmittag ist nicht geplant. Eben noch hat sich der Froschkönig auf ungebührliche Weise an die Prinzessin (Smadar Goldberger) herangemacht: Da grollt Bühnendonner, das Licht flackert, und an der Stelle des Amphibs steht plötzlich der Prinz (Daniel Raaflaub), seiner Auserwählten einen feuchten Kuss auf die Lippen drückend.
«Wäh, isch das gruusig!», ruft ein blondes Mädchen in der ersten Reihe aus, der prallvolle Saal birst vor Lachen. «So guet!», ruft mein Sohn und wälzt sich vergnügt auf seinem Sitz. Etwas erstaunt blinzelt das königliche Paar in die ausgelassene Runde, selbst überrascht von der Wirkung dieser zugegebenermassen wunderlichen Verwandlung.

Der Besuch von Märli ist sonst das Privileg der Grosseltern, und mein Sohn ist mit seinen zwölf Jahren ein Habitué der Fauteuil-Märchenbühne. «Zuerst geben wir unsere Jacken ab», weist er mich an und drückt mir den Aufbewahrungsschein in die Hand. Heute bin ich auf seine Expertise angewiesen, findet man mich in einer Theatervorstellung doch noch seltener als einen verzauberten Frosch abseits der Bühne.

Unsere Sitzplätze sind in der zweiten Reihe, direkt am Gang. «Kritikerplatz», sage ich. «Praktisch», sagt mein Sohn, der auf eine Zwischenverpflegung während der Pause spekuliert: Die Theke ist, von einem Vorhang abgetrennt, nur wenige Meter entfernt.

Die Zeit vergeht wie im Flug

Doch jetzt öffnet sich erst einmal der Bühnenvorhang, hinter dem sich zwei Hofdamen (Bernadette Brack und Stefanie Verkerk) vergnüglich kabbeln. Dazu gesellen sich der Hofgelehrte Sibegscheit (Dieter Probst), der die Welt so einfach erklärt, wie es ihm die Hochachtung vor seinem eigenen Scharfsinn erlaubt. «Der war im ‹Tapferen Schneiderlein› einer der Riesen», flüstert mein Sohn kennerhaft. «Er spielt gern den Dummen.» Zusammen mit dem quecksilbrigen Diener Täppeli (Mirjam Buess, «das Rumpelstilzchen», freut sich mein Sohn) ergibt das einen quirligen Mix, in dem ein Wort das andere jagt und die Logik mitunter bös ins Stolpern gerät.

So kündigt etwa der König in einem undatierten Brief seine Rückkehr für «morgen» an. Nur, was ist damit gemeint? Das Morgen von gestern, heute, oder, tja, morgen? Nicht nur der Wortsinn gerät ins Straucheln, auch die Slapsticks überschlagen sich – und das mit einer professionellen Albernheit, die das junge Publikum in jedem Moment ernst nimmt. Die Stimmung ist blendend!

Nach einer knappen Stunde ist die goldene Kugel der Prinzessin erst in den Brunnen gerollt, und doch ist die Zeit wie im Flug vergangen. «Schon?», staunt auch der Nachwuchs. Die kurze Pause wird genutzt, um die leiblichen Bedürfnisse zu stillen («die Käse-Silserli sind immer am schnellsten weg»), dann zieht die Handlung merklich an.

Die goldene Kugel wird nach vergeblichen Rettungsaktionen vom Froschkönig aus dem Brunnen gefischt – trotz hinderlicher Maske elegant gespielt von Myriam Wittlin. Es ist eine in ihrer Einsamkeit bedauernswerte Kreatur, die bei aller Glitschigkeit das Mitgefühl der Kinder weckt. Umso grösser deshalb der Schreckmoment, wenn daraus ein Kuss erwächst. Der spannungslösende Lacher ist zwar nicht geplant, aber wohl verdient. Der Applaus fällt lange aus und herzlich.

Beim Hinausgehen in die Dämmerung zieht mein Sohn Fazit. «Das war schön.» Würde er sich das Theater noch einmal anschauen, vielleicht mit den Grosseltern? «Quak», sagt er, ohne zu zögern.

 

«Froschkönig», Märchenbühne Fauteuil.

Nächste Vorstellungen: 7., 8., 11., 14., 15. Dezember.

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