Rutschmadame
Frecher Beizenbesuch

Martina Rutschmann
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Wie duschen oder Sex sei Essen heute, findet Martina Rutschmann.

Wie duschen oder Sex sei Essen heute, findet Martina Rutschmann.

Donato Caspari

Fremde sitzen da und lachen, trinken oder schweigen sich an. Sie schauen uns direkt ins Gesicht, als wir an ihnen vorbei an einen Tisch geführt werden. Wir fühlen uns, als würden wir ungebeten bei einem Familienfest einmarschieren. Was machen die denn da, scheinen sich die anderen zu fragen. Hat die jemand eingeladen? Ich wünsche mir uns unsichtbar. Was schauen die denn so, frage ich mich. Hab ich vergessen, mich anzuziehen? Hat mein Begleiter Zahnpasta am Mund? Wir setzen uns ins Scheinwerferlicht.

Und stellen fest: Die trinken nicht nur, sondern essen auch. Mit allem, was dazu gehört. Schmatzen, Mund abputzen, Zahnstochern. Das alles in einer Lockerheit, die verboten gehört. Haben die keine Schamgrenze? Wissen die nicht, dass Essen in der heutigen Zeit wie duschen oder Sex ist? Jeder tut es, aber meist ohne Zuschauer. Ausser eben die Exhibitionisten in diesem Raum. Es ist, als würde man aus Versehen ins falsche Bett kriechen. Und dann einfach liegenbleiben.

Ja, ich habe es getan. Ich war in einem Restaurant. Im Rahmen eines Hotelaufenthaltes und mit Maske, sterilisierten Händen und Quasi-DNA-Nachweis. Die Maske musste bald Messer und Gabel weichen, was einem Striptease gleichkam. Es war zum Glück nicht so intim nicht wie früher im Stammlokal, als ich die Beizerin umarmte, den Kellner in die Brust boxte und mein Privatleben dicht an dicht mit Wildfremden ausplauderte. Nicht mal meinen Begleiter hab ich berührt – höchstens kurz und schüchtern und wenn grad keiner dieser Gaffer zuschaute. Nach einem Jahr in der heimischen Stube ist ein Beizenbesuch eine Mutprobe.

Geniesst die Zeit ohne Geselligkeit. Seid froh, dass Ihr Eure Küche täglich von Neuem putzen müsst, nachdem Ihr das immer gleiche gekocht habt. Redet Euch ein, Ausgehen sei ein Gefahrenherd auch abgesehen von Viren. Wer weiss, ob der am Nachbarstisch plötzlich ausrastet und mit Salat um sich wirft? Seid dankbar, keine Leute zu treffen, über deren Wiedersehen Ihr Euch freuen würdet. Denn die Zeiten ändern sich wieder. Und dann seid Ihr schneller in der Beiz als Euch lieb ist. Drum übt zu zehnt in der heimischen Stube. Nur so ist sichergestellt, dass der Sprung ins normale Leben irgendwann gelingt. Und Ihr unverschämt vor Fremden schmatzen könnt.