Riehen
Neue Lotsen-Pflicht sorgt für Empörung

Dass eine Sicherheitsperson am Rotengraben steht, um die BVB-Busfahrer beim Rückwärtsfahren zu lotsen, passt nicht allen Einwohnern.

Deborah Gonzalez
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Seit Ende Dezember muss eine Sicherheitskraft die BVB-Busfahrer beim Rückwärtsfahren lotsen.

Seit Ende Dezember muss eine Sicherheitskraft die BVB-Busfahrer beim Rückwärtsfahren lotsen.

Kenneth Nars

An einer Bushaltestelle stehen und warten. Verweilen. Ausharren. Auf den Bus warten. Vielleicht die Minuten zählen. Dann den Busfahrer lotsen. Etwa 30 Sekunden lang. Und dann geht es wieder von vorne los. Warten und ausharren. Bis zum nächsten Bus. Wieder lotsen. Und so geht es fünf Stunden lang. Jeden Tag.

Seit fast zwei Monaten sind mehrere Personen von den Basler Verkehrsbetrieben (BVB) angestellt, um den Bus der Linie 32 im Rotengraben in Riehen zu lotsen. Sie helfen dem Busfahrer dabei, richtig zu wenden. Das bisherige Manöver sei problematisch gewesen, heisst es von Seiten der BVB. In einem Audit sei vergangenes Jahr herausgekommen, dass das aufgrund des zu kleinen Wenderadius durchgeführte Rückwärtssetzen des Busses nicht zulässig war.

Die BVB stützen sich auf ein Gesetz von 2016. Demnach muss bei eingeschränkter Sicht nach hinten eine Hilfsperson einbezogen werden, um Kinder oder andere Strassenbenützer nicht zu gefährden. Das Audit habe gezeigt, dass es am Rotengraben nicht zulässig sei, dass ein Bus ohne Überwachung rückwärtsfährt. Zwischen 7 Uhr morgens und 20 Uhr abends wird dort seit Dezember die Haltestelle überwacht. Drei Sicherheitsleute wechseln sich in Schichten ab.

Rund 1150 Franken sollen die Sicherheitsleute am Tag kosten

Das Augenmass fehle, findet die GLP-Grossrätin Sandra Bothe-Wenk, die im besagten Quartier wohnt. «Seit sicher 30 Jahren gibt es die Haltestelle bereits und noch nie ist etwas passiert.» Die neue Regelung sei ihr von Anfang an ein Dorn im Auge gewesen. Sie habe sich sofort an die Medienstelle der BVB gewandt. «Plötzlich steht da jemand mit Stäben, der lotst. Da wollte ich schon wissen, wieso das auf einmal so ist.» Den Hinweis der BVB auf das Gesetz von 2016 kann Bothe-Wenk zwar nicht nachvollziehen, aber: «Fast fünf Jahre später wird nun reagiert, ohne dass dies je Thema war oder davor was passiert ist.»

Der Rotengraben sei eine wenig frequentierte Endstation, gibt Bothe-Wenk zu bedenken. Im Durchschnitt würde lediglich in jeder zweiten Fahrt eine Person einsteigen. «Da fragt man sich dann schon, was das soll. Wie sind die Arbeitsbedingungen? Wurden Alternativen geprüft und wie teuer ist das überhaupt?» Diese Fragen sind auch in der Nachbarschaft ein grosses Thema. Die Kosten hat die GLP-Politikerin bei den BVB selbst nachgefragt. Rund 1150 Franken soll die Überwachung täglich kosten. «Aber diese Kosten sind für eine Arbeitszeit, die am Tag allerhöchstens 19 Minuten beträgt – und das ist sehr nett gerechnet.»

BVB setzen Kundenlenkende ohne andere Beschäftigung ein

Man nehme die Kritik ernst, betont BVB-Sprecherin Sonja Körkel. «Es geht hier um das Risiko, welches wir nicht eingehen wollen. Es kann immer etwas passieren und die Verantwortung liegt nun mal bei uns, vor allem, wenn wir den Gefahrenherd kennen.» Auch die Arbeitsbedingungen seien angemessen. Den Sicherheitsleuten stehe es frei, immer mit dem Bus mitzufahren, um nicht in der Kälte ausharren zu müssen. Ausserdem habe die neue Regelung gerade punkto Corona etwas Positives. «Die Sicherheitsleute, die dort stehen, sind Mitarbeitende von uns, die unter anderem als Kundenlenkende arbeiten.» Da Events momentan aber nicht stattfinden können, können viele von ihnen aktuell nicht beschäftigt werden. Mit dieser Lösung bietet die BVB ihnen eine Alternative. Die von Bothe-Wenk errechneten Kosten will Körkel indes nicht bestätigen: «Konkrete Zahlen liegen derzeit noch nicht vor.»

Es ist die einzige Haltestelle im BVB-Netz, die auf Lotsen angewiesen ist. Das soll aber keine langfristige Lösung sein: Die BVB und die Gemeinde Riehen seien bereits dran, das Problem mit baulichen Massnahmen zu lösen, wie Körkel bestätigt. Doch auch hier sieht die GLP-Grossrätin einen weiteren Kritikpunkt: «Die Haltestelle ist in spätestens einem Jahr weg, wieso muss man dann jetzt noch so viel Geld ausgeben? Kleinere Busse würden doch auch reichen.» Seit Einführung dieser Regelung seien immerhin bereits Kosten in Höhe von 64'000 Franken angefallen. Würde man auf die Sicherheitsleute verzichten, würde erfahrungsgemäss nichts passieren – dessen seien sich die Anwohner sicher. Bothe-Wenk räumt aber ein, dass es sich um ein heikles Thema handelt. «Ich weiss auch, dass es um ein Menschenleben gehen könnte, sollte etwas passieren.»