Uni Basel

Punkte sammeln mit sozialem Einsatz: Studierende fordern Social Credits

Sollen künftig nicht nur fürs Büffeln belohnt werden: Studierende in der Basler Universitätsbibliothek.

Sollen künftig nicht nur fürs Büffeln belohnt werden: Studierende in der Basler Universitätsbibliothek.

Die Uni Basel überlegt, Kreditpunkte für soziales Engagement einzuführen. Sie wäre damit bereits die dritte Universität in der Schweiz.

Die Forderung dürfte für Unstimmigkeiten sorgen: Der Studierendenrat der Uni Basel hat sich vergangene Woche für die Einführung sogenannter Social Credits ausgesprochen. Die Studierenden haben den Antrag relativ klar mit 12 Ja-Stimmen bei einer Gegenstimme und 6 Enthaltungen angenommen und ans Rektorat überwiesen. Damit sollen an der Uni Basel neu auch soziale Tätigkeiten mit Kreditpunkten belohnt werden.

Das Konzept ist in der Schweiz bereits bekannt. An der Uni Luzern wurde es 2003 eingeführt, an der Uni St. Gallen gibt es ein ähnliches System. Der Basler Antrag stammt von David Ineichen von der Philosophisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät. Sein Anliegen ziele darauf ab, sozialem Engagement mehr Gewicht zu verleihen. «Es braucht immer wieder Freiwillige, zum Beispiel beim Offenen Hörsaal, zur Leitung von Tutoraten und Nachhilfegruppen oder zur Pflege der Uni-Gärten», sagt er auf Anfrage.

Rektorin: «Es wird einen Aufschrei geben»

Obwohl die Uni Basel in der Vergangenheit der Einführung solcher Social Credits skeptisch gegenüberstand, scheint das Vorhaben beim Rektorat auf Anklang zu stossen. Uni-Sprecher Matthias Geering will auf Anfrage zwar keine Auskunft geben. Das Protokoll zur Sitzung des Studierendenrats, der sich im November mit Rektorin Andrea Schenker-Wicki getroffen hatte, liegt der bz aber vor. Und das Dokument zeigt klar: Die Rektorin steht dem Anliegen offen gegenüber. «Das finde ich eigentlich gut, bringt das doch mal ein», soll Schenker-Wicki gesagt haben. Das Konzept ermögliche es, soziale Fähigkeiten zu fördern.

Auch Initiant David Ineichen spricht von einer «begeisterten» Reaktion vonseiten der Rektorin. Wenn, dann würde sie die Regelung für alle Fakultäten einführen, so Schenker-Wicki. «Es wird einen Aufschrei geben in den Fakultäten, aber probiert es trotzdem», soll sie gesagt haben. Tatsächlich wurde die Einführung der Social Credits auch an der Uni Luzern nicht nur wohlwollend aufgenommen. Eine Studentin berichtete auf dem Blog «Zentralplus», die Universität habe vor allem auch ein finanzielles Interesse an der geleisteten Gratisarbeit, beispielsweise, wenn Studierende für Kreditpunkte Tutorate leiten oder am Infotag Flyer verteilen. Von Studierenden häufig geäussert wird zudem die Gefahr, dass sich ohne Belohnung niemand mehr freiwillig engagieren wolle.

Die Befürchtung, Studierende würden sich künftig nur noch für Kreditpunkte engagieren, kommt Peter Streckeisen bekannt vor. Der Soziologe ist an der Uni Basel als Privatdozent tätig und hat sich vor rund fünfzehn Jahren gegen die Einführung des Bologna-Systems gewehrt. «Damals hatten wir die genau gleichen heftigen Diskussionen», erzählt er. «Mit Bologna wurde eine neue Philosophie an der Uni eingeführt.» Statt intrinsischer Motivation und kritischem Denken habe das neue System unter den Studierenden eine opportunistisch-instrumentelle Haltung gefördert. Eine Einführung sogenannter Social Credits stelle denn auch keine derart grosse Veränderung dar. Bereits heute gebe es bei den Geistes- und Sozialwissenschaften die Pflicht, im freien Wahlbereich Punkte zu sammeln. «In der Soziologie vergeben wir bereits seit langem Kreditpunkte für Praktika.»

Vor acht Jahren noch der falsche Ansatz

Auch andere Fakultäten kennen solche Regelungen. An der Theologischen Fakultät wird die Mitarbeit bei Thementagen oder Projektarbeiten mit Punkten vergütet, an der Medizinischen Fakultät sind Praktika per se Teil des Pflichtprogramms. Die bisherigen Regelungen sind denn auch der Grund, weshalb sich die Uni Basel in der Vergangenheit gegen die Einführung von Social Credits entschieden hat. Soziale Kompetenzen, beispielsweise Kommunikations- und Teamfähigkeit, würden in Seminaren bereits genügend gefördert. «Durch diesen Ansatz ist das Ziel einer im Studium entwickelten und geförderten Sozialkompetenz besser erreichbar als durch Social Credits», sagte Hedwig Kaiser, die damalige Vizerektorin Lehre der Uni Basel, vor acht Jahren zum «Tages-Anzeiger».

Vorbild Luzern: Nur ein Bruchteil sind Social Credits

Dennoch unterscheidet sich das Projekt von David Ineichen von bisherigen Handhabungen an der Uni Basel. Zum Konzept gehört, dass die Leistungen innerhalb der Institution der Universität erbracht werden müssen, also direkt der Universität zugute kommen.

Als Vorbild dient Ineichen das Modell der Uni Luzern. Dort ist soziales Engagement zwar obligatorisch, allerdings müssen pro Student lediglich vier Social Credits erworben werden. Zum Vergleich: Für einen Bachelorabschluss braucht es 180 Kreditpunkte.

Soziales Engagement wird also auch künftig nur einen Bruchteil der Gesamtleistungen ausmachen – es sei denn, die intrinsische Motivation der Studierenden ist grösser als das Bedürfnis, effizient Kreditpunkte zu sammeln.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1