Ethik
Professor, auf den Hund gekommen

Markus Wild lehrt an der Uni Basel die Sicht der Tiere. Im Interview lässt er seinen Begleiter «sprechen»

Iris Meier
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Auch wenn nur einer von beiden Vegetarier ist: Die Würde der Tiere liegt ihnen am Herzen, sagt Titus Hunderich alias Markus Wild.

Auch wenn nur einer von beiden Vegetarier ist: Die Würde der Tiere liegt ihnen am Herzen, sagt Titus Hunderich alias Markus Wild.

Kenneth Nars

Er besucht die Philosophie-Vorlesungen seines Chefs, hat einen Facebook-Account mit 300 virtuellen Freunden und war schon bei Kurt Aeschbacher in der Sendung: Titus, der fünfjährige Hund von Ethik-Professor Markus Wild. Da das Bellen eines Hundes noch nicht fehlerfrei übersetzt werden kann, war Wild freundlicherweise bereit, an Titus’ Stelle zu sprechen.

Titus, seit Jahren besuchst du philosophische Veranstaltungen der Uni Basel. Hast du an der Universität etwas gelernt?

Titus: (bellt) Klar! Alles über Gott und die Welt, Aristoteles und Nietzsche. Nein, im Ernst, ich habe gelernt, dass es zwei verschiedene Formen von Deutsch gibt, Mundart und Hochdeutsch. Bei Mundart bin ich wach, weil meine Chefin und mein Chef so mit mir sprechen. Bei Hochdeutsch schlafe ich meistens ein.

Markus Wild (46) und Hund Titus (5)

Markus Wild (46) ist seit 2013 Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Basel. Einer seiner Schwerpunkte ist die Tierphilosophie. Er ist Mitverfasser des Junius-Bandes «Einführung zur Tierethik».

Der Hund Titus (5) wohnt bei Simone Peter und Markus Wild in Zeglingen (BL). Bekannt geworden ist er nicht erst durch eine Einladung in eine Sendung von Kurt Aeschbacher, sondern auch als Philosophiehund an der Universität Basel. Er besucht die Philosophie-Vorlesungen seines Chefs. Seit 2014 hat er einen Facebook-Account der «Titus Hunderich» heisst. Titus hat rund 300 virtuelle Freunde.

Interessant. Und hast du auch etwas über Tiere gehört?

(Schaut fragend) Ja, aber vieles wusste ich natürlich schon.

Was denn?

Zum Beispiel, dass mein Kollege, das Schwein, gleich intelligent ist wie ich und trotzdem ganz anders behandelt wird. Also gemästet, geschlachtet, zum Fressen gezüchtet. Dabei würde es denselben Respekt wie ich verdienen.

Sollte man Deiner Meinung nach Schweine als Haustiere halten?

Warum nicht? Das gibt es ja schon. Aber viel wichtiger ist: Wenn man sie nicht mehr als Konsumgut züchten würde, hätten nicht nur sie Schwein gehabt, es wäre auch gut gegen die Klimaerwärmung, für die Umwelt und die Ernährungsgerechtigkeit.

Meine Güte, Titus, all diese Begriffe: Bist du ein intellektueller Hund? Was tust du denn am liebsten?

(Wedelt heftig mit dem Schwanz) Essen, trinken, am Bauch gekrault werden, unterwegs sein, losrennen, mit Timi spielen, im Schnee sein.

Alles klar. Und was sind deine Lieblingsorte in Basel?

Ich mag das Rheinufer, da gibt es viele Spuren von anderen Hunden. Sehr, sehr interessant! Gerne mag ich auch diesen Hof bei der Leonhardskirche und den Innenhof der Schola Cantorum mit seinen Eiben. Eiben sind tolle Bäume.

Du hast einen eigenen Facebookaccount. Wie kam das?

2014 haben die Doktorierenden meines Chefs über Philosophie diskutiert, die auf Facebook geführt wurden. Meine Chefs haben dann einen Account für mich eröffnet, um an diesen Debatten teilnehmen zu können. Dabei blieb es aber nicht.

Du bist mittlerweile aktiv am Mitmischen. Was postest du so?

Am Anfang viele Selfies. Aber mit der Zeit wurde das langweilig. Ich poste heute Sachen zu Politik und Umwelt, Philosophie und Wissenschaft. Und viel zu «Tierethik». Wie man meine Kollegen sieht und wie man mit ihnen umgeht. Ich poste auch weiterhin Fotos von mir auf Reisen, die wir unternehmen. Diesen Sommer war ich zum Klettern in Slowenien!

Fühlst Du Dich nicht instrumentalisiert? Sie benutzen Dich ja als Sprachrohr.

Manchmal muss ich für ein Foto eine Weile stillstehen. Das geht schnell vorbei. Sonst macht es mir nichts aus, dass man mich kennt. Ich erfahre dadurch nur Nettigkeiten. Einmal hat mich auf der Strasse eine Frau gefragt: «Bist du nicht Titus von Facebook?». Sie war überaus nett zu mir.

Stichwort Persönlichkeitsrechte. Was ist der Unterschied zwischen Hundefotos und Babyfotos auf Facebook?

Hm, ein Baby und ein Hund entwickeln sich anders. Ich bin sozusagen immer gleich und blicke kaum auf mein Leben zurück. Ein Baby findet es später als Erwachsener vielleicht einmal lästig, dass es nicht selber entscheiden konnte, ob man ein Bild von ihm sieht. Es schämt sich dann vielleicht, es ist ihm unwohl dabei, es kann dagegen nichts mehr tun.

Viele Menschen posten ihre Hasen, Hühner und Hunde auf Facebook. Am beliebtesten aber sind eindeutig Bilder und Videos von Katzen. Stört Dich das?

(Knurrt) Das nervt total! Blöde Katzenvideos! Während man bei uns Hunden meist Landschaften sieht, weil wir oft draussen sind, sieht man die meistens in Wohnungen, drinnen, auf Sofas und Teppichen, sie machen immer denselben Unsinn, statt was zu lernen. Dabei ist es wichtig, dass wir Tiere Platz haben, draussen entdecken können, was Neues lernen.

Ist das der Grund, warum Du Artikel postest, die sich gegen das in Basel geplante Ozeanium wenden?

(Sein Fell sträubt sich) Ja, das wäre zu wenig Platz für Meerestiere! Der Zolli wollte mehr Platz für weniger Tiere, jetzt will er mehr Tiere mit weniger Platz. Ausserdem müssen die Fische wild gefangen werden, viele gehen dabei drauf. Ein Witz dieses Ozeanium, ein Rückschritt! Und unabhängig vom Tierwohl: Besucherzahlen in existierenden Meeresaquarien sind rückläufig. Eine schlechte Investition.

Was wäre denn Deiner Meinung nach sinnvoller investiertes Geld? Was sollte man im Raum Basel tun?

Es gibt zehntausend bessere Dinge! Man könnte Insekten, Amphibien, Störche und Biber helfen und ihren Lebensraum schützen. Man könnte Lebenshöfe unterstützen. Man könnte Raum für Vögel in der Stadt aufbereiten, es gibt immer weniger.

Bist Du Vegetarier?

Nein, meine Chefs leben vegetarisch, mittlerweile sogar vegan. Ich bin nicht vegetarisch aufgewachsen, ich bin es mir anders gewöhnt.

Warum heisst Du Titus?

(Streckt sich) Der Name klingt gut. Aber auch nach Titus Feuerfuchs aus dem Stück «Der Talisman» von Johann Nepomuk Eduard Ambrosius Nestroy. Es ist ein Text gegen Vorurteile.

Gegen welche Vorurteile bist Du besonders?

Gegen die Vorurteile, die Menschen von uns Tieren haben.