Einschätzung zu den Präsidentschaftswahlen
Die grossen Städte retten Macron im Elsass

Auf dem Land erreicht die Rechtsextreme Marine Le Pen allerdings Rekordergebnisse von über 60 Prozent. Der Strassburger Wahlforscher Richard Kleinschmager sieht dafür verschiedene Gründe.

Peter Schenk
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Der Strassburger Politologe Richard Kleinschmager verfolgt die Wahlen im Elsass und das Abschneiden der extremen Rechten seit über 30 Jahren.

Der Strassburger Politologe Richard Kleinschmager verfolgt die Wahlen im Elsass und das Abschneiden der extremen Rechten seit über 30 Jahren.

zvg

Emmanuel Macron kam im Elsass beim zweiten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen mit 56,5 Prozent der Stimmen fast auf das gleiche Resultat wie im gesamten Frankreich mit 58,5 Prozent. Allerdings erreichte Le Pen vor allem im Südelsass in ländlichen Regionen wie dem Sundgau, den Vogesentälern, dem Kalibecken und einem Teil der Rheinebene Rekordergebnisse von teils über 60 Prozent.

So kam sie im Sundgau in Seppois-le-Haut auf 63,4 Prozent, in Staffelfelden im Kalibecken auf 63,4 Prozent, in Fessenheim in der Rheinebene auf 61,8 Prozent und in den Vogesentälern in Sainte Croix aus Mines auf 59,5 Prozent.

Von den Kommunisten zur extremen Rechten

Das hat Gründe. So gab es in den Vogesentälern früher viel Textilindustrie. «Heute sind sie entvölkert», erklärt der emeritierte Strassburger Politologe Richard Kleinschmager (75), der die Wahlen im Elsass seit Jahrzehnten verfolgt und weiter regelmässig für eine historische Zeitschrift analysiert. «Das Kalibecken war die Region des Elsass, die früher am stärksten kommunistisch gewählt hat», fährt er fort. Beide Regionen sind schon länger zur Hochburg der extremen Rechten geworden.

Das Sundgau habe früher vor allem gaullistisch gewählt, ist nun aber zu Le Pen übergelaufen. Erstaunlich sind vor allem im Haut-Rhin die guten Ergebnisse Le Pens in der Rheinebene, die nur durch den Fluss getrennt an Deutschland grenzt.

In Mulhouse erreichte Macron 65,8 Prozent

Dass Macron im südlichen Elsass mit 52,9 Prozent knapp die Mehrheit erhielt, liegt zum Grossteil an den Städten. In Mulhouse erreichte er 65,8 Prozent und in Colmar 59,7 Prozent – in beiden Städten verlor er gegenüber 2017 aber fast fünf beziehungsweise sieben Prozentpunkte. Dennoch weist der Politologe darauf hin, dass die extreme Rechte in Mulhouse weiter Mühe hat, sich stärker zu verankern.

Gut schlug sich Macron in der unmittelbaren Nähe zu Basel. In Saint-Louis wie auch in Huningue erhielt er 63,9 Prozent, in Village-Neuf 64 Prozent, in Hésingue 61,8 Prozent oder in Hegenheim 66,5 Prozent. Besonders gut schnitt er in Neuwiller mit 69,8 Prozent ab. «In Saint-Louis und auch in Rixheim bei Mulhouse hat der republikanische Reflex gegen Le Pen funktioniert», sagt Kleinschmager, der überzeugt ist, dass das Thema Europa Macron im Elsass Stimmen gebracht habe.

Stimmen der extremen Linken für Macron

Das zeigt sich vor allem Im Norden der Region, wo er mit 59 Prozent im Departement Bas-Rhin ein deutlich besseres Ergebnis als im Süden erreichte. Kleinschmager begründet das so: «Im Bas-Rhin sind die Zentristen traditionell stark.» Diese setzen sich für Europa ein. In der Europastadt Strassburg kam Macron auf 77,6 Prozent. Das liegt laut Kleinschmager auch daran, dass wahrscheinlich 45 Prozent der Wählerinnen und Wähler des beim ersten Wahlgang starken Linkspopulisten Mélenchon für Macron gestimmt haben.

Trotz des schlechten Abschneidens der bürgerlichen Kandidatin der Républicains im ersten Wahlgang sieht der Wahlforscher für die kommenden nationalen Parlamentswahlen am 12. und 19. Juni Chancen für die Elsässer Bürgerlichen. «Sie haben weiterhin gute Kandidatinnen und Kandidaten, die lokal verankert und als Maire erfolgreich sind.»