Frank Lorenz, was ist das Thema?

Vergänglichkeit.

Alles im Leben ist vergänglich. Was für Gefühle löst das in Ihnen aus?

Ich habe fünf Jahre lang im Hospiz Basel Lighthouse gearbeitet, hielt teilweise Gleichaltrige in meinen Armen, als sie starben. Einer sagte: «Zu wissen, dass das Leben begrenzt ist, macht es so kostbar.» Das ist mein Wahlspruch, wenn es um Vergänglichkeit geht.

Man sollte jeden Tag geniessen.

Genau. Ich werde von Konfirmanden immer wieder gefragt, ob ich an ein Leben nach dem Tod glaube. Ja, tu ich, aber ich glaube auch an ein Leben vor dem Tod. Und entsprechend geniesse ich. Ich liebe zum Beispiel frisches Brot und Wasser, würziges Olivenöl, auch Kaffee und guten Wein. Das teile ich in christlicher Tradition. Das Schönste ist es, Genuss zu teilen.

Sie sind bekannt dafür, ein guter Koch zu sein. Was tischen Sie an Ostern auf?

Am Ostersonntag gibt es bei mir stets Gizzi. Dann kommen die liebsten Freunde an meiner Tafel zusammen. Ich freue mich darauf, auch, weil ich im Moment mit 120 Stundenkilometern durch die Tage sause und nicht zum kochen komme.

Sie stecken mitten in den Vorbereitungen zur Jubiläumswoche. Die Offene Kirche Elisabethen feiert heuer ihr 25-Jähriges. Ihr persönliches Highlight?

Am 30. April bereitet Spitzenköchin Tanja Grandits in der Kirche einen Fünfgänger zu, gespiesen wird an einer langen Tafel. Am Wochenende davor gibt’s geistliche Nahrung, an der theologischen Tagung «Frisch und weise». Ausschliesslich Frauen werden referieren, unter anderem die visionäre US-Pfarrerin Nadia Bolz-Weber. Sie bringt frische Ansätze rein, gerade auch, was die Rolle der Frau in der katholischen Kirche anbelangt. Initiiert wurde das von meiner Kollegin in der OKE-Leitung, Monika Hungerbühler. Sie ist an der Aktion «Wir haben es satt» beteiligt, in der Theologinnen die Revision des Kirchenrechts und damit Gleichberechtigung in der römisch-katholischen Kirche fordern. Es kann nicht sein, dass es heute noch eine Kirche gibt, in der Frauen weniger wert sind. Das ist unlauter!

Werden wir diese Gleichberechtigung der Frau noch erleben?

In den nächsten hundert Jahren ist das realistisch. Im Juni trifft sich Hungerbühler mit Bischof Felix Gmür... Es geht was.

Für eine grundlegende Revision des Kirchenrechts bräuchte es einen sehr aufgeschlossenen Papst.

Papst Franziskus wird diesbezüglich überschätzt. Er tritt zwar sehr menschlich auf, wird gefeiert wie ein Popstar. Aber seine Sichtweise ist sehr konservativ.

Die OKE ist seit 25 Jahren ein Ort der Menschlichkeit, alle sind willkommen. Wie haben sich die Besucherzahlen entwickelt, in einer Welt des digitalen Überflusses?

Sie bewegen sich seit Jahren auf hohem Niveau, rund 110'000 Besucher zählen wir jährlich. Schön ist, dass die Menschen, wenn sie zu uns kommen, das Handy automatisch weglegen. Den Raum und die Ruhe geniessen, die Stille auch.

Still ist es nicht immer in der OKE. Oftmals finden Konzerte statt, auch Discos. Damit entsprechen Sie den Wünschen einem Teil Ihrer Besucher. Wo gibt es diesbezüglich Grenzen?

Grundsätzlich sind wir sehr offen. Aber vor wenigen Monaten hatte ich eine Anfrage für ein Death-Metal-Konzert. Das geht natürlich nicht. Der Tod wird schon genug oft vergöttlicht. Wir stehen fürs Leben.

Aber: Ostern steht auch für Tod. Gestern Karfreitag wurde Jesus gekreuzigt.

Ja, er ist real gestorben. Aber er ist auch real auferstanden, der Tod hat nicht das letzte Wort über ein Leben.

Und damit impliziert Ostern, dass es unvergängliches Leben eben doch gibt.

Es wird impliziert, dass, obwohl ein Mensch stirbt, er weiterlebt. In der Erinnerung, in einer liebevollen Ewigkeit. Ich zitiere Schalom Ben-Chorin: «...dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?» Gott wird nur das verewigen, was bereits jetzt schon ewig in uns ist: Liebe. Das Irdische wird in der Erde zerfallen. Ich trage sehr bewusst Sorge dazu, zu lieben. Versuche, gerade jungen Menschen die Türen zu öffnen, dass sie im Leben weiter kommen...

... ich habe gehört, Sie waren früher mal Türsteher. Da lässt man Viele nicht rein, verschliesst die Türe.

(lacht) Das war zu einer Zeit, als ich dringend Arbeit brauchte, bei der Securitas. Und ja, damals sagte ich manchmal: Du kommst hier leider nicht rein. Heute sage ich: Bitte komm’ rein. Schöner so.

Zurück zur aktuellen Tätigkeit. Was könnte die OKE besser machen?

Wir wollen englischsprechende Expats in dieser Stadt mehr abholen. Es besteht Bedarf nach einer Plattform, wo sowohl Lokale als auch Expats zusammen kommen. Zudem möchten wir das Pfarrhaus als Stadtkloster beleben. Hier sollen Projekte aus dem sozialen, kulturellen und geistlichen Bereich realisiert werden, die Akteure könnten hier wohnen. Derzeit wird die Finanzierung abgeklärt.

Apropos: Man sieht es an der Elisabethenkirche, dass Vergänglichkeit im Leben stets präsent ist. Der Bau ist am zerfallen, muss dringend saniert werden. Die Kosten wurden auf 13 Millionen Franken veranschlagt, die Finanzierung wird derzeit verhandelt. Kommt das Geld zusammen?

Im Moment gibt es keine Neuigkeiten dazu. Sicherheitsvorkehrungen wurden aber längst getroffen: Der Turm wird innen von einem Holzgestell gestützt, ein Fangnetz wurde auch installiert.

Man muss also keine Angst haben, dass man eins auf den Deckel bekommt, wenn man die Kirche besucht.

Überhaupt nicht! Die Elisabethenkirche tut niemandem was. Sie ist eine nette alte Dame, die hin und wieder einen Zahn verliert. Voraussichtlich wird die Renovation im Frühling 2021 losgehen, die Arbeiten werden wohl rund sieben Jahre andauern.

Die weltberühmte Notre-Dame in Paris wird bereits saniert. Am Montag brach dort ein Feuer aus, ein grosser Teil des Dachs brannte ab.

Das hat mir das Herz zerrissen, ich besuche Paris jeweils im Herbst mit meinem Lebenspartner. Zu wissen, dass wir dieses Gebäude niemehr so erleben werden, ist furchtbar. Da wird einem eben wieder die Vergänglichkeit bewusst. Das fährt ein.

Wie gehen Sie damit um?

Ich sage meinen Seelsorgeklienten immer, sie sollen sich im Loslassen üben. Wer gut loslassen kann, kann auch mit der Tatsache, dass das Leben vergänglich ist, gut umgehen.