Mit zarten 29 Jahren habe Peter Bichsel schon sein Spätwerk rausgegeben, soll sein Freund, der Autor Jörg Steiner, über «Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen» gesagt haben. Der Satz trifft direkt ins Schwarze. Zwar war der Kurzgeschichtenband erst die zweite Veröffentlichung des Autors, doch ist darin kein Wort zu viel, kein Satz zu wenig. Sprachlich hoch elaboriert und verknappt erzählt uns Bichsel in diesem und den folgenden Werken die Geschichten von Menschen, die uns in ihrer Fragilität und ihren Stärken so berühren, dass wir noch Jahre nach der Lektüre für sie hoffen.

Sucht Bichsel in seiner Fiktion oft zuerst den Umweg, das Indirekte, so scheut er in den Kolumnen nicht, klar Position einzunehmen. In einer Zeit, in der manche das Adjektiv «human» für einen Brotaufstrich aus Kichererbsen halten, nimmt er deutlich Partei ein für die Ohnmächtigen. Ähnlich wie Kurt Marti befreit Bichsel jene Lesenden, die manchmal nicht so recht wissen, ob sie sich eher mit dem Politischen oder dem Poetischen beschäftigen sollen.

Keiner erzählt wie er

Dank Bichsel weiss man: Es geht beides. Überhaupt bringt er in manchem zwei Dinge zusammen. Hier das Bodenständige etwa von eidgenössischen Schwingerfesten, die er mag, und dort das Ringen um Antworten in der Beschäftigung mit der Philosophie. Oder zwei verschiedene Leserschaften mit einem Text: Mit den in zahlreiche Sprachen übersetzten «Kindergeschichten» sprach er Kinder im gleichen Masse an wie Sprachwissenschaftler. Dem grossartigen Linguisten Roman Jakobson etwa leuchtete die linguistische Relevanz von «Ein Tisch ist ein Tisch» so sehr ein, dass er gleich zum Telefonhörer griff und mit Bichsel das Gespräch suchte. Warum dieser dabei sehr erschrak, und was er ihm antwortete: Fragen Sie Peter Bichsel doch am besten selbst! Er wird es Ihnen erzählen. Und keiner erzählt wie Bichsel.

Peter Bichsel dabei zuzuhören, macht glücklich. Wie das kommt? Natürlich ist es sein grosser Humor, auf so vielen Ebenen. Unter anderem hat er, auch wenn er da vielleicht widersprechen würde, dieses Talent zur Pointe. Und eines zur Pointe nach der Pointe. Aber auch die traurigen Texte machen auf ihre Art glücklich. Natürlich wegen der sprachlichen Brillanz, doch die allein wärmt noch keinen Raum im November. Vielleicht ist es die Zärtlichkeit im Detail. Oder aber die Beiläufigkeit ihrer Weisheit. Es gibt ja kaum etwas Unerträglicheres, als Leute, die einen belehren wollen. Und man lernt selten was von ihnen.

Bei Peter Bichsel ist es genau umgekehrt. Er will einen nicht belehren. Und doch lernt man immer was. Zum Beispiel, wie man Auberginen am besten kocht. Oder warum man einem Freund beim Abfahren der Eisenbahn zuwinkt. Oder wann eine Demokratie eine gute Demokratie ist. Oft sind Bichsels Erzählungen versöhnlich im richtigen Moment, und manchmal, was vielleicht noch wichtiger ist, unversöhnt im richtigen Moment. Welche Texte er lesen wird, wird Peter Bichsel an der Matinée selber auswählen, damit es, wie er sagt, auch für ihn selbst ein bisschen spannend bleibt.

Matinée mit Peter Bichsel, 24. November, 11 Uhr, Buchhandlung Labyrinth. Reservierung empfohlen (Mail an info@labyrinth-gmbh.ch oder 061 261 57 67)