Online-Song
Bei diesem Projekt wird Drama grossgeschrieben: In 500 Arbeitsstunden zum virtuellen Orchester

Der in Basel lebende Sousafonist Victor Hege hat mit «Pseudologia Phantastica» ein Riesenprojekt gestemmt.

Stefan Strittmatter
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Auf der Bühne ein bunter Hund: Victor Hege.

Auf der Bühne ein bunter Hund: Victor Hege.

Bild: zvg

Wie manch anderes Meisterwerk hat auch «Pseudologia Phantastica» seinen Ursprung im Drama. Genauer im gleichnamigen Theaterstück von Les Mémoires d’Helène, dem Projekt der Schauspielerin, Performerin und Sängerin Martina Momo Kunz. Für die musikalische Leitung zeichnete Victor Hege verantwortlich. In diesem Setting nahm die Komposition des in Basel lebenden Sousafonisten ihren Anfang.

Nun hat die Musik das Theater sogar überholt: Während Hege seine Musik im Netz veröffentlicht hat, wartet die Theaterfassung, die unter anderem in der Roten Fabrik in Zürich und im Birsfeldener Roxy aufgeführt werden soll, coronabedingt noch immer auf Ersatzdaten.

Auf der Handlungsebene wird es auf der Bühne dann um Hochstapler und Pseudologinnen gehen, heisst es im Pressetext, um das Spiel mit Wahrheit und Lüge. Da Hege für seine ausgekoppelte und erweiterte Komposition den gleichen Namen gewählt hat, stellt sich die Frage nach der inhaltlichen Verbindung. Er sei kein pathologischer Lügner, sagt Hege in Anspielung an den Stücktitel, aber das Theater erzähle eine «epische Geschichte, die gar nicht existiert», und das passe durchaus auch zu seiner Musik.

Die Komposition ist reich an Nuancen und stimmig im Aufbau. Mal groovt es, mal stehen die Harmonien der Bläser und Streicher im Vordergrund. Einen Solospot bekommt der in Basel dozierende australische Posaunist Adrian Mears. Und gegen Ende – ein bisschen Pathos muss sein – setzt ein Chor die Weichen in Richtung Finale. Die Klangfarben des Jazz orchestriert wie in einer Filmmusik und garniert mit einer Prise Funk … ein Opus Mangus in knapp sechs Minuten.

Impromptu-Online-Orchester aus drei Dutzend Musiker und Musikerinnen

Dass er schliesslich über 500 Arbeitsstunden in die Umsetzung seines Werks, das auf verschiedenen Streamingplattformen als Video-Collage hörbar ist, das hätte er zu Beginn nicht absehen können. Geschweige denn planen. Denn mit der fertigen Komposition stand er erst am Anfang des Aufwandes. So hat Hege nämlich drei Dutzend Musikerinnen und Musiker aufgeboten und einzeln aufgenommen, um sie danach zu einem grossen Impromptu-Online-Orchester zusammenzubasteln.

«So ziemlich alle Musikerinnen und Musiker sind Freunden von mir,» erklärt der 1992 in Paris geborene Hege sein Auswahlprozedere. Mit vielen spiele er in anderen Projekten – man kennt Victor Hege als bunt gekleidete Rampensau in Bands wie La Nefera & Kaotic Trio oder Error 404 Band Not Found. Und mit seinen vier Geschwistern, dem Schwager und seinem Vater sei auch die Familie im Orchester vertreten.

Fehlendes Budget und kommende Pläne

Die Musiker hätten aufgrund des fehlenden Budgets alle unentgeltlich gespielt, freut sich Hege. Für die Arbeit der Helfer bei Tonmix und Video-Collage habe er «ein paar Tausend Franken selber aufwerfen» müssen. Das habe sich gelohnt, sagt er, auch wenn er «Pseudologia Phantastica» ohne Ziel gemacht habe. Er komponiere und produziere einfach sehr gern.

Ein Ausschnitt der Arbeit werde irgendwann im Theater eingesetzt, nun aber verfolge ihn bereits die Idee, das Projekt im kommenden oder übernächsten Jahr live aufzuführen und ein ganzes Album aufzunehmen. «Es wird kompliziert», sagt er. Aber: «Wenn ich eine Idee im Kopf habe, dann setze ich sie meist auch um.»

«Pseudologia Phantastica» von Victor Hege
auf Youtube und www.victorhege.com