Kultur
Neues Kino Basel feiert 30-Jahr-Jubiläum

Das Neue Kino ist einer der letzten Basler Freiräume, wie ihn die aktiven 80er sich erträumten.

Susanna Petrin
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Im Vorraum mit der Bar wird vor und nach der Vorstellung geredet - und geraucht. Bilder: Archiv des Neuen Kinos
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Neues Kino Basel
Höhepunkte im Sommer: Das vom Neuen Kino betriebene Freiluftkino auf dem Bernoulli-Silo im Hafen.

Im Vorraum mit der Bar wird vor und nach der Vorstellung geredet - und geraucht. Bilder: Archiv des Neuen Kinos

Utopien liefen soeben im Oktoberprogramm des Neuen Kinos, vor allem negative. Positive Utopien haben es so an sich, dass sie selten in Erscheinung treten. Nur das Neue Kino ist selbst so eine real existierende Utopie. Eine Zeitraumkapsel, in der stundenweise eine ganz andere Art von Sein möglich ist. Und das nun schon seit ziemlich genau 30 Jahren. Heute wird gefeiert.

Im November 1988 ist der Filmkeim in der Alten Stadtgärtnerei als Teil der 80er Bewegung aufgegangen. Das Neue Kino wird als Filmclub gegründet und «bekommt Gastrecht in einer ehemaligen Werkstatt auf dem verwunschenen Pflanzareal am Rhein»*. Der Verein gedeiht und zeigt alsbald rund 150 Filme pro Jahr. Nicht nur Politisches, sondern von Anfang an auch Unterhaltsames, Unkonventionelles und Filmklassiker.

Schon bald wird das Neue Kino aus dem Paradies vertrieben. Am 21. Juni 1988 räumt die Polizei die Alte Stadtgärtnerei mit Gewalt. Dabei geht so einiges zu Bruch, offenbar auch ein Kinoprojektor. Doch die Filmaffinen machen weiter. Ihr Kinobetrieb gerät zum Wanderkino, das mal Asyl bekommt in einem Zelt auf dem Kasernenareal, mal im Keller eines besetzten Hauses, ein Weilchen in der Stückfärberei, eine Weile im ehemaligen Kino Union.

Sie habe zu jener Zeit Herbert Achternbuschs «Das Gespenst» gesehen, projiziert in einem Gewölbekeller, erzählt das heutige Vorstandsmitglied Regula Treichler. Ein als blasphemisch indizierter Skandalfilm also, der sonst nirgendwo zu sehen war. Nach den Vorstellungen hätten DJs aufgelegt, sei getanzt worden. Diese Kinosessionen müssen damals ein Abenteuer mit dem Ruch des Verbotenen gewesen sein.

Seit 1991 im Klybeck

Trotzdem war man froh, als nach der x-ten Räumung 1991 endlich eine gesicherte Spielstätte erobert worden war: In einer einstigen Schlosserei an der Klybeckstrasse 247. Eigentlich wollte die Grundstücksbesitzerin das Haus abreissen und acht Parkplätze bauen lassen. Doch Besetzer hatten den Abbruch verhindern und mit der Ciba einen langfristigen Vertrag aushandeln können. Die alte Schlosserei ist bis heute das Zuhause des Neuen Kinos.

Am Anfang war dieser Ort im Winter nur für die hartgesottensten Filmfreunde geeignet. Es habe nur einen Holzofen gegeben, im Kinosaal konnten die Zuschauer auf ihren durchgewetzten Ex-Kino-Morgarten-Sitzen den Dampf ihres eigenen Atems sehen, erinnert sich Regula Treichler. Seither hat das Kino an Komfort gewonnen, ohne seinen Charme des Unperfekten zu verlieren. Der Boden ist roh, die Leitungen rauschen. Aber dampfen tut hier im Winter nur noch der kinoeigene Whirlpool im Innenhof.

Wenig Geld, viel Freiheit

Rund zwölf aktive Mitglieder halten das Kino am Laufen. Sie programmieren, bestellen Filme, stehen an der Kasse, betreiben die Bar. Alles ehrenamtlich. Im Gegenzug müssen sie keinen Profit erzielen, schulden sie keinem Sponsoren etwas. Das Neue Kino kann zeigen, was es will. Einen Zombie-Biber-Film zu Weihnachten, ein Queerfilmfestival, die Dystopie «1984» oder einen Dokfilm über Flüchtlinge. Eine neue Generation, ob als Aktive oder Zuschauer, entdecke so gerade die asynchrone Freude am Kino für sich, sagt Regula Treichler. Sogar rauchen darf man hier. Es geht zurück in die Zukunft.

*Dieses Zitat aus dem Basler Stadtbuch und weitere Daten hat Lea Hofmann für das Neue Kino recherchiert.