Männerprostitution

Mann sucht Mann: Der Basler Schwulenstrich ist unsichtbar

Aids-Kampagne des BAG: Schwule beim Sex

Aids-Kampagne des BAG: Schwule beim Sex

Männerprostitution ist gleich zweifach ein Tabu. Dabei läuft das Geschäft am Männerstrich gut, sogar sehr gut.

Der Strich ist tot, meinen die einen. Es sind Schwule älteren Semesters, sozialisiert in den Bewegungen der Siebzigern und geprägt vom Schreckgespenst HIV. Sie meinen den «Zwetschgengrill» am Schaffhauserrheinweg, wo es früher für ein Nümmerchen in die Rheinböschung ging und ein paar Franken den Besitzer wechselten.

Der Strich boomt, meinen jüngere Schwule, aufgewachsen mit den anonymen Vorzügen der technischen Mittel. Tatsächlich ist die männliche Prostitution ein grosses Business.

Es ist zehn Uhr morgens, und auf Planet Romeo tummeln sich etwa 30 Männer. Der Basler Männerstrich findet fast nur im Internet statt. Kurz gechattet, schnell verabredet, unkompliziert und vor allem: diskret.

Verschwiegenheit ist das höchste Gut in diesem Geschäft, weiss René. Der Spätvierziger arbeitet eigentlich als Verkäufer. Doch daneben bietet er erotische Massagen an. «Kein Sex», wie er betont. Es gebe genug Männer, die solche Dienste anböten. «Auch wenn diese ebenfalls unter dem Begriff ‹Massage› werben: Massiert wird da nichts, es geht nur um Sex.»

Diskretion ist deshalb so wichtig, weil 90 Prozent seiner Kunden Männer sind, die in heterosexuellen Verhältnissen leben. «Ich empfange viele Familienväter», sagt René, «die grüsse ich natürlich nicht, wenn ich sie auf der Strasse antreffe.»

Pornostars auf Durchreise

René ist verschiedener Hinsicht ein Exot in diesem «riesigen Markt», wie er sagt. Er ist Schweizer und er arbeitet strikt nach dem Lustprinzip. Der typische Stricher in Basel hingegen reist aus einem Oststaat an, bleibt nur wenige Wochen und kehrt dann wieder in die Heimat zurück.

Denn im Gegensatz zur weiblichen Prostitution lässt sich mit Männersex noch richtig Geld verdienen. René sagt: «Alleine mit Massagen könnte ich 20'000 Franken im Monat verdienen, wenn ich mich dem ganz widmen würde.» Manchmal teilt er sein Zimmer auch mit Prostituierten, ein Freier lässt dann schnell ein paar hundert Franken liegen.

Viele der Stricher sind Heteros, junge Männer aus Tschechien oder Rumänien, das lässt sich auch aus den Internetportalen ablesen. «Manche hingegen sind Darsteller in Schwulenpornos, die durch Europa tingeln und auf diese Weise zusätzliches Geld verdienen.»

Nächste Woche beginnt in Basel die internationale Kunstmesse, das erhitzt den Markt: Was die Baumesse für die Basler Dirnen, ist die Art für den Männerstrich. «Es werden sicher einige Professionelle anreisen», meint René.

Das ist ein Grund, weshalb keine Behörde über männliche Prostitution in Basel Buch führt. Während die Mehrzahl der anschaffenden Frauen über die Zahl der Meldebestätigung genau erfasst ist, arbeiten Männer vielmehr als Scheintouristen. Auf Durchreise, heute hier, vielleicht morgen schon im Hotspot Zürich.

Das Basler Justiz- und Sicherheitsdepartement rechnet mit «wenigen Dutzend Männern», die sich in Basel prostituieren. In einer Fussnote eines Regierungsberichts zum Thema Prostitution steht der Satz: «Männer, die sich prostituieren, werden in Basel-Stadt seit der Umgestaltung der Theodorsanlage und dem Wegfall des dortigen ‹Männerstrichs› kaum mehr sichtbar und werden daher auch statistisch nicht mehr erfasst.» Das war 2013.

Beratungsangebote, wie es sie für Frauen gibt, kennt Basel keine. Nicht einmal die Friends of Dorothy, ein Präventionsteam der Aids-Hilfe beider Basel, haben den Überblick über den Männerstrich. Leiter Felix Neuenschwander führt es unter anderem auf die doppelte Tabuisierung – Homosexualität und Milieu – zurück, dass kaum jemand die Dimensionen männlicher Prostitution kennt.

Er hält es für plausibel, dass sich die Kundschaft eher ausserhalb der Gay-Szene bewegt. «Wir selber erreichen Männer nicht optimal, die Männersex kaufen», sagt Neuenschwander. Dabei ist er sich sicher: Viele Probleme des sogenannten Rosalichts gleichen jenen im Rotlicht. Abhängigkeiten, Gewalt, Geschlechtskrankheiten, psychische Wunden, Suchtprobleme.

Sex unter Selbstverleugnung

Auch wenn Neuenschwander glaubt, dass viele Stricher selbstbestimmt ihren Job ausüben, birgt ihre Tätigkeit Konflikte mit sich selbst. «Kulturell bedingt übernehmen Prostituierte aus Oststaaten einen aktiven Part im Geschlechtsverkehr.» Dies hängt damit zusammen, dass in einigen Kulturen Lateinamerikas, im arabischen Raum und auch in Teilen Osteuropas und Asiens vor allem die passive Rolle mit Homosexualität in Verbindung gebracht wird. «Wer also den aktiven Part übernimmt, kann dem Stigma ausweichen, schwul zu sein.»

Das «SRF» berichtete in diesem Zusammenhang über Zürich: Die unterdrückten Gefühle würden oft in Gewalt ausarten, brutale Übergriffe seien deshalb nicht selten. Vieles davon bleibt unbemerkt von einer Öffentlichkeit, die diesen Strich kaum wahrnimmt.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1