Klassik
«Er ist ein Genie!» – Ivo Pogorelich spielt Chopin in Basel

Ivo Pogorelich, das einstige Enfant terrible unter den Pianisten, ist nach einer wechselvollen Karriere zurück im Konzertleben und spielt am Dienstag mit dem Kammerorchester Basel.

Reinmar Wagner
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Ivo Pogorelich spielt Werke von Frédéric Chopin.

Ivo Pogorelich spielt Werke von Frédéric Chopin.

zvg/ Priska Ketterer

Es war ein Ritterschlag, wie er nicht nachdrücklicher hätte sein können – und er katapultierte 1980 einen damals 22-jährigen Pianisten aus Belgrad in den Klavier-Olymp. Es war beim Chopin-Wettbewerb in Warschau. Ivo Pogorelich spielte Chopin nicht, er sezierte ihn, pulverisierte ihn – und flog prompt raus. Dieser Chopin war den Damen und Herren in der hochkarätig besetzten Jury viel zu unkonventionell und eigenständig. Nur einer nicht: Martha Argerich hielt dem langhaarigen Jungspund die Stange und verliess unter Protest den Raum: «Er ist ein Genie!», soll sie gerufen haben.

Damit war das Scheinwerferlicht natürlich grell auf den jungen Pianisten gerichtet. Alle wollten ihn einladen, er spielte sogleich in den renommiertesten Konzertsälen, und beim edlen Klassik-Label «Deutsche Grammophon» erschien eine CD nach der anderen. Pogorelich aber liess sich nicht blenden und noch weniger zähmen: Er blieb seiner Gangart treu, gerade im breit gefächerten Klavierwerk von Frédéric Chopin fand der technisch absolut sattelfeste Pianist auf Schritt und Tritt Möglichkeiten, sich mit eigenständigen, bisweilen durchaus auch gesucht eigenwilligen und mitunter nervenden Manierismen von der Tradition abzugrenzen.

Benefizkonzerte für die kriegszerstörte Heimat

Aber die Welt liebte ihn dafür, weit über die Klassik-Szene hinaus. Er stilisierte sich selbst zum Popstar und liebte den Glanz des Rampenlichts. Aber der Krieg in seinem Heimatland Jugoslawien und der Tod seiner Frau – seiner ehemaligen Klavierlehrerin – führten Mitte der 90er-Jahre dazu, dass sich Pogorelich für einige Jahre ganz aus dem Konzertleben zurückzog. Erst mit Benefizkonzerten für die kriegszerstörte Heimat fasste er langsam wieder Fuss. Und auch heute noch polarisiert er mit seinen Interpretationen, gerade in der Musik von Chopin. Von ihm spielt er in Basel das hoch virtuose zweite Klavierkonzert. Gelegenheit also, sich mit der eigenwilligen Klavierkunst des Ivo Pogorelich auseinanderzusetzen.

Im Chopin-Klavierkonzert haben sie wenig zu melden, die Musiker des Kammerorchesters Basel. Umso mehr sind ihre Fähigkeiten in den drei anderen Werken gefragt. Alle drei gründen in der Volksmusik: Janáceks frühe, noch in romantischem Gestus gehaltene «Suite für Streichorchester», Lutoslawskis «Mala Suita» über polnische Themen und das «Concert Românesc» von György Ligeti. Diese unbekümmerte junge Musik war den kommunistischen Machthabern Rumäniens viel zu wild. Sie verboten das Stück. Und diesmal rief niemand: «Halt, er ist ein Genie!» Erst Jahre später, als Ligeti längst im Westen lebte, wurde das temperamentvolle Orchesterwerk zum ersten Mal aufgeführt.

Konzert: Stadtcasino Basel. 30. November, 19.30 Uhr,
Ivo Pogorelich (Klavier), Kammerorchester Basel, Daniel Bard (Leitung).