Jubiläum
90 Jahre Le Bon Film: Ein Schuss Euphorie muss sein

Le Bon Film feiert sein 90-jähriges Jubiläum. Die Erfolgsgeschichte des Basler Filmklubs schreibt sich fort.

Alfred Schlienger
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Prägen Le Bon Film bis heute: Beat Schneider (1. v. l.) und Nicole Reinhard vom Stadtkino. Hier gemeinsam mit Filmregisseur Clemens Klopfenstein und Schauspieler Max Rüdlinger an einer Premiere im Jahr 2018.

Prägen Le Bon Film bis heute: Beat Schneider (1. v. l.) und Nicole Reinhard vom Stadtkino. Hier gemeinsam mit Filmregisseur Clemens Klopfenstein und Schauspieler Max Rüdlinger an einer Premiere im Jahr 2018.

zvg

Das Spannende in Basel sei ja, sagt Nicole Reinhard, die langjährige Direktorin des Basler Stadtkinos, dass sofort Le Bon Film zur Sprache komme, wann immer sie hier mit Leuten über Kino rede. «Das ist eine Konstante: Alle sind mit dem Bon Film grossgeworden. Er war die cinephile Heimat für Generationen von Baslerinnen und Baslern. Es ist bemerkenswert, was für ein Identifikationspotenzial dieser Club hatte und hat.» Le Bon Film (LBF) war einer der ersten und ist inzwischen auch der älteste noch existierende Filmklub der Schweiz.

Die vielfältige Publikation «Aus Enthusiasmus fürs Kino!», die morgen ihre Vernissage erlebt, feiert eine Art Doppeljubiläum: Die Festschrift zu 90 Jahren Le Bon Film erscheint gleichzeitig als 200. Neujahrsblatt der GGG. Hier haben sich also zwei für die soziokulturelle Entwicklung der Stadt engagierte Institutionen zu einem glücklichen Joint Venture gefunden. Ja, Basel darf sich etwas einbilden auf diesen innovativen und langlebigen Filmklub. Aber es ist auch eine besondere Wohltat, dass die kundigen Blicke, die hier auf Le Bon Film geworfen werden, weitgehend von aussen kommen – und so der selbstverliebten Nabelschau entgegenwirken.

Während der Nazizeit eine Stütze der Demokratie

Ivo Kummer, langjähriger Direktor der Solothurner Filmtage und heute Leiter der Sektion Film des Bundesamtes für Kultur, scheut das Pathos nicht, wenn er im Grusswort zum Buch meint, einer 90-jährigen Institution zu gratulieren, genüge hier nicht:

«Man sollte mit Hochachtung und Zärtlichkeit ‹Le Bon Film› umarmen und in die Mitte des Kreises aller unserer filmkulturellen Organisationen setzen.»

Den Hauptbeitrag des Buches liefert der Zürcher Filmhistoriker Thomas Schärer mit einer akribischen Recherche zur bewegten Geschichte von Le Bon Film. Georg Schmidt, der spätere Direktor des Kunstmuseums Basel, gehörte zu den prägenden Gründerfiguren um 1931. Später ebenso der Ökonom Peter Bächli, der mit seiner vielfach übersetzten Dissertation «Der Film als Ware» für Furore sorgte. Bereits 1939 fand auf Initiative von LBF in Basel die erste Internationale Filmwoche statt – als erstes Filmfestival der Schweiz überhaupt – und wurde vom Grossmeister Jean Renoir persönlich eröffnet.

Aber es gab auch Gegenwind und politische Druckversuche. Ein liberaler Grossrat und späterer Regierungsrat zitierte die Verantwortlichen von LBF zu sich, kritisierte die Filmauswahl und fragte, warum sie nicht so gute Filme wie «Hitlerjunge Quex» (1933) zeigten – einen platten NS-Propagandafilm. Schärer unterstreicht, dass sich LBF auch in dieser Zeit als beherzte Stütze der Demokratie bewies.

Auch im Kalten Krieg hatte der Spezialdienst des Polizei-Inspektorats ein wachsames Auge auf das bunt gemischte LBF-Publikum und vermeldete 1959 etwas besorgt: Die Mentalität der Mehrzahl der Mitglieder sei «quasi existenzialistisch», den jüngeren Teil der Anhängerschaft «könne man auch im weitläufigen Sinn als Halbstarke bezeichnen», und man könne sich «des Eindrucks nicht erwehren, dass ein wesentlicher Teil der Mitgliedschaft zum Linksextremismus neige». So gefährlich kann künstlerischer Filmgenuss sein.

Schärer dokumentiert anschaulich die diversen Kämpfe, die LBF z.B. mit dem Kinobesitzer-Verband auszufechten hatte, der die cinephile Konkurrenz nicht sonderlich schätzte. Gewürdigt werden die Verdienste von vielen Beteiligten, so von Frank Weiss, der LBF über dreissig Jahre präsidierte, sowie die Zäsur ab Mitte der 70er Jahre, als mit Martin Girod, Annelies Ruoss, Bruno Jaeggi, Corinne Siegrist-Oboussier und anderen das Kino Camera und schliesslich das Stadtkino gegründet werden konnten. So entfaltet sich, durchzogen von Statements von Zeitzeugen, eine detailreiche filmpolitische Kulturgeschichte, sprachlich manchmal etwas hölzern, aber immer hochinformativ.

Eine Plattform für experimentelle Werke

Ergänzt wird der Band durch fünf weitere Themenbeiträge und Bildstrecken. Der Hamburger Filmpublizist Thomas Tode leuchtet die Vorgeschichte der frühen Filmenthusiasten aus; Pamela Jahn, Filmjournalistin aus London, gibt einen kenntnisreichen und glänzend strukturierten Überblick über die LBF-Programme aus 90 Jahren; der Medienhistoriker Dominique Rudin zeigt die Geschichte der beiden Schweizer Filmarchive auf, die beide auf Initiative von LBF entstanden sind; dem jüngsten LBF-Kind, dem Filmfest Bildrausch, widmet sich der Wiener Filmjournalist Roman Scheiber; und die SRF-Filmredaktorin Brigitte Häring spannt im Gespräch mit der Arsenal-Leiterin Birgit Kohler, dem Direktor des Wiener Filmmuseums Michael Loebenstein und den Basler Stadtkino-Leitern Nicole Reinhard und Beat Schneider den weiten Bogen zwischen verwandten Häusern von Berlin über Basel bis Wien.

Le Bon Film schreibt weiter an seiner Erfolgsgeschichte. In ständig wechselnden Verhältnissen und Konstellationen ist dieser Verein seinem Grundauftrag in immer wieder neuen Formen treu geblieben: Film als Kultur in den Köpfen zu verankern, ein Kontrastprogramm zu bieten zu den kommerziellen Kinos und auch Plattform zu sein für experimentelle Werke. Ein Schuss Euphorie muss sein. Chapeau, Le Bon Film!

Aus Enthusiasmus fürs Kino! 90 Jahre Le Bon Film
Schwabe Verlag, 280 Seiten, Basel 2021, CHF 35.-.

Buchvernissage: Samstag, 27. November. 10.30 Uhr in der Safran Zunft und 19 Uhr im Stadtkino Basel.