Islam-Bericht
Integration von Muslimen - Das Problem der verschränkten Arme

Der Islam-Bericht des Bundesrates hat in der Bevölkerung hohe Wellen geschlagen. Die diffuse Angst vor Einwanderung und Überfremdung ist gross. Integration wird vermehrt mit Assimilation gleichgesetzt. Wochenkommentar zur Situation in Basel.

Matthias Zehnder
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Muslimische Männer nehmen am Freitagsgebet teil.

Muslimische Männer nehmen am Freitagsgebet teil.

Keystone

Diese Woche hat der Bundesrat einen Bericht über die Situation der Muslime in der Schweiz veröffentlicht. «Bundesrat lobt die Muslime», titelte darauf die «Neue Luzerner Zeitung», die NZZ konstatiert: «Bundesrat ortet weder Parallelgesellschaften noch Tendenzen zur Islamisierung», und der «Tages-Anzeiger» resümiert online: «Bundesrat zu Muslimen in der Schweiz: Alles kein Problem».

Doch dem ist offensichtlich nicht so: Innert kürzester Zeit meldeten sich über 600 Onlinenutzer beim «Tagi» zu Wort - die meisten widersprachen dem Titel. Viele Kommentare sind geprägt von Ablehnung gegenüber dem Islam und einer diffusen Angst vor Einwanderung und Überfremdung. Sie reklamieren, Muslime seien nicht integriert, weil sie anders seien, eine andere Kultur pflegten, andere Sitten und Gebräuche hätten.

Offensichtlich gibt es ein grundlegendes Missverständnis in der Diskussion: Integration wird mit Assimilation verwechselt, also Einbindung mit Angleichung. Ziel der Integrationspolitik in der Schweiz ist es, zugewanderte Menschen in die gesellschaftlichen Strukturen einzubinden, etwa Arbeitswelt, Schule, Vereine und gesellschaftliches Leben. Integration kann nur stattfinden, wenn die Gesellschaft in der Schweiz die zugewanderten Menschen aufnimmt. Das können simple Dinge sein wie Nachbarschaftshilfe, mehrsprachige Merkblätter zur Kehrichtabfuhr oder Freundschaften unter Kindern. Integration ist ein beidseitiger Prozess, der nur stattfinden kann, wenn Zugewanderte und Einheimische sich gleichermassen daran beteiligen.

Viele Schweizer verstehen unter Integration aber Assimilation, also die (bedingungslose und einseitige) Angleichung der Zugewanderten an die Gesellschaft in der Schweiz. Assimilation ist eine Forderung an die Zugewanderten und beinhaltet keinerlei Verpflichtung der einheimischen Bevölkerung. Sie wartet mit verschränkten Armen, bis die Fremden einheimisch geworden sind - was ohne Hilfe der Einheimischen aber gar nicht möglich ist. Für Schweizer, die unter Integration Assimilation verstehen, ist der Islam ein grundsätzliches Integrationshindernis. Das zeigen die heftigen Diskussionen des Islam-Berichts des Bundesrates deutlich. Assimilationsbefürworter argumentieren, der Islam gehöre nicht zur Schweiz, deshalb gehören letztlich Moslems nicht in unsere Gesellschaft. Befeuert wird diese Haltung mit Ängsten vor islamistischem Terror.

Was tun? Die heftigen Reaktionen auf den Islam-Bericht des Bundesrats zeigen: Es gibt ein Problem. Es ist ein Problem, das auf erschreckende Art und Weise an vergangene xenophobe Phasen erinnert, insbesondere an den Antisemitismus. Es ist ein Problem, das auf fatale Art und Weise die Zuwanderer überhaupt erst zum Problem macht: Es sind die verschränkten Arme, das Abwarten auf Assimilation, die Abwehrhaltung.

Laut dem Bericht hat der Kanton Basel-Stadt mit 8,0 Prozent den höchsten Anteil Muslime an der Bevölkerung. Baselland liegt mit 4,2 Prozent im Schweizer Mittelfeld. Am tiefsten ist der Anteil Muslime mit 1,6 Prozent im Kanton Graubünden. Entsprechend müssten die Probleme mit Muslimen in Basel am Grössten sein. Sind sie aber nicht. Vielleicht deshalb, weil Basel als Grenzstadt seit je daran gewöhnt ist, dass die Welt nicht nur aus Milchkaffee und Rösti besteht.

Wir Basler sind uns bewusst, dass die Schweizer nur gerade in der Schweiz in der Mehrheit sind. Wir erreichen nur etwas, indem wir auf andere zugehen, sei es der Oberbürgermeister von Weil am Rhein, sei es der Maire von Saint-Louis - oder der türkische Nachbar. Und was braucht es, damit man auf andere zugehen kann? Zwei Dinge: eine starke Identität und offene Arme. Basel hat beides. Und damit die Chance, zum Vorbild für die Schweiz zu werden.