Wer gerne mit dem Fuss wippt oder im Takt mitschnippt, der sitzt bei Escape.Argot womöglich im falschen Konzert. Denn das eigenwillig besetzte Jazz-Trio hat eine Vorliebe für ungerade Metren und Takte, bei denen man sich heillos in den Zählzeiten verlieren kann. Das hat seinen guten Grund: Federführender Komponist ist mit Christoph Steiner der Schlagzeuger der Band.
Dabei fragt man sich, wann der 1980 in Winterthur geborene Steiner überhaupt Zeit findet für seine vertrackten Kompositionen. Schliesslich führt der gefragte Drummer auf seiner Website nicht weniger als acht Formationen auf, bei denen er aktuell mitwirkt. In den vergangenen fünf Jahren hat Steiner auf 24 Alben gespielt. Alleine drei Veröffentlichungen entfallen in diesem Zeitraum auf das europaweit beachtete Kleinorchester Hildegard Lernt Fliegen um den Stimmkünstler Andreas Schaerer, das 2020 mit neuem Album touren wird.

«Man muss immer wieder Prioritäten setzen», sagt Steiner gegenüber der bz. Er habe aber das Glück, dass seine Projekte «meist wellenartig funktionieren» und nicht alle immer gleich aktiv seien. Da er bei Escape.Argot neben der Musik auch für das Organisatorische verantwortlich ist, würde er diese Band schon als «Herzensangelegenheit» bezeichnen, so Steiner.

Die zehn Stücke, die Escape.Argot auf ihren Zweitling «You.Me.Them.» gepackt haben, zeugen von viel Arbeit – sowohl in der Komposition als auch im Arrangement: Sechs Monate lang hat das Trio die Stücke an Konzerten ausprobiert und verfeinert. Nur so war es möglich, das anspruchsvolle Material in zweieinhalb Studio-Tagen einzuspielen.

Unzimperliches Spiel und viel Rock im CD-Regal

Während der Opener «The Remains of Lightness» mit sparsamen Piano-Akkorden (Florian Favre) und luftigen Saxofon-Melodien (Christoph Grab) mit Stimmungen spielt, setzt das irrwitzige «Allowing (The Pride Question Mark)» auf rhythmisches Verwirrspiel und einen grossen Dynamik-Range.

Hier umspielen sich die drei wendigen Musiker gegenseitig und lassen jeweils viel Raum zwischen ihren Noten. Wiederkehrende Unisono-Linien beweisen, dass hier trotz ausgekosteter improvisatorischer Freiheiten nichts dem Zufall überlassen ist. Zuweilen packen Escape.Argot jazz-untypisch heftig und wunderbar unzimperlich zu: «Rock ist immer noch gross in meinem CDRegal vertreten», sagt Steiner. Er sei «mit viel Grunge» aufgewachsen.

«Never Enough Not Enough»

Keine Berührungsängste zu anderen Genres zeigt das Trio, das, wie Steiner wiederholt betont, aus drei gleichberechtigten Musikern bestehe, auch beim Stück «Never Enough Not Enough». Es beginnt mit einem elektronischen Blubbern, das sich zu einer pulsierenden Bassline ausformt. Sie stammt vom Moog-Synthesizer, mit dem Florian Favre den fehlenden Bassisten vergessen macht. Die Doppelrolle als Pianist und Bassist entstammt einer bewussten Grundüberlegung Steiners: «Ich wollte eine kompakte Besetzung, um improvisatorisch sehr agil zu sein, und hatte schon mit Florian gespielt, als er auch den Moog benutzte. Zudem liebe ich den Platz, der entsteht, wenn in den Bässen mehr Platz ist und dann der Effekt des einsetzenden Moogs umso grösser ist.»

Ein weiteres Glanzstück des Albums ist «Plutimikation», bei dem sich Steiner ein Solo gönnt und das Spiel mit den Taktarten auf die Spitze getrieben wird. Letzteres sei für ihn ein Mittel, um Spannung zu erzeugen, so Steiner. Auch wollten die drei Instrumentalisten damit bewusst ihr Spiel «in ungewohnte Ecken lenken». Auffällig ist, dass Escape.Argot dabei oft die Zählzeit Eins nicht betonen. Steiner erklärt: «Das soll zusätzliche Beweglichkeit schaffen, sonst können solche Metren gerne mal steif daherkommen.» Und die musikalische Herausforderung, das gibt Steiner, der nebenher als Schlagzeuglehrer arbeitet, gerne zu, mache «natürlich auch viel Spass». Zu überprüfen im Bird’s Eye.

 

Escape.Argot: «You. Me. Them.», Traumton Records
Ab 18. Oktober. Live: Bird’s Eye, Basel. 17. Oktober
www.escape-argot.ch
www.birdyseye.ch