Glosse
Freier Lauf den Gedanken und schon kommen die Ideen im Rudel

Es ist mein Schutzwall zwischen Homeoffice und Feierabend: Die allabendliche Joggingrunde. Aber Achtung, Verausgabung führt zu Eingebungen.

Stefan Strittmatter
Stefan Strittmatter
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Wenn die Muskeln schaffen, kommt auch das Hirn in Fahrt.

Wenn die Muskeln schaffen, kommt auch das Hirn in Fahrt.

Symbolbild: Hildegard Bickel

Schon die alten Griechen wussten, dass man zum Denken gehen muss. Aristoteles schritt voran, viele folgten: Virginia Wolf fand Inspiration bei Stadtspaziergängen, Haruki Murakami hat über 20 Marathons absolviert, und ich – es kann nicht jeder ein weltberühmter Literat sein – gehe Joggen.

Ich habe diese Form der Entspannung besonders lieben gelernt, seit die abendliche Runde den dringend benötigten Schutzwall bildet zwischen Homeoffice und Feierabend. So oft es geht, tausche ich also Verausgabung gegen Eingebungen ein. Denn wenn ich meine Muskeln betätige, arbeitet mein Hirn auf Hochtouren.

Die Zielgerade zwischen Rheinbord und Haustüre

Unterwegs merke ich davon freilich nichts. Ich höre Musik, die ich kaum wahrnehme, und kann mich später an ganze Wegabschnitte nicht erinnern. Doch auf der Zielgeraden, irgendwo zwischen Reinbord und Haustüre, befallen mich die Ideen im Rudel.

Zuhause kann ich mich nur knapp aus den Joggingkleidern schälen und den Durst stillen, schon sitze ich am Computer und hacke frenetisch Fragmente in die Tastatur: Textskelette, Song­zeilen, Reime, Rezeptideen...

Aus Angst, davon etwas zu verlieren, gerate ich in einen solchen Stress, dass ich im Anschluss verspannter bin als vor meiner Rennrunde. Also erneut loslaufen? Bloss nicht, das gibt dann nur noch mehr Ideen! Und mein sauerstoffgetränktes Hirn ergänzt: ein wahrer Teufelskreislauf.