Artstübli

Gehen Sie auf Entdeckungstour: Der öffentliche Raum in Basel wimmelt von Streetart

Urban-Art-Weltstars sind auch in Basel aktiv: Auf einer Tour zeigt der Galerist Philipp Brogli ihre verborgenen Kunstwerke.

Grau, grau, grau. Überall leere Wände. Und dann, zwischendurch – ein Farbenmeer. Die Rockstars im Gerbergässlein kennt jeder, sie bilden das grösste Werk im öffentlichen Raum. Die Wand an der Rosshofgasse beim «Harmonie»-Hintereingang aber – hundert Mal passiert, nie wirklich betrachtet. Die wenigsten Basler bleiben hier stehen. Alltagsstress.

Touristen hingegen halten inne und fotografieren nebst dem Münster und dem Spalentor auch die unerwartete Kunst im öffentlichen Raum. Wenn der Einheimische diese dann doch mal wahrnimmt, zückt auch er das Handy.

Auf dem Bild liegt eine Frau. Auf ihr und um sie herum tanzen und fliegen Smileys. Auf der Dachrinne gegenüber kleben Stickers mit denselben Figuren. Zwischen FCB- und anderen Klebern fallen sie kaum auf. Das Werk entstand 2015 mit Schablonen und wasserfesten Filzstiften.

«Die Frau auf dem Bild ist eine bekannte Baslerin, habt ihr eine Ahnung, wer es sein könnte?», fragt Philipp Brogli. Der Galerist blickt in die Runde. «Tamara Wernli!», sagt einer der Gruppe, die aus gut einem Dutzend Baslerinnen und Baslern besteht. «Das denken viele, aber nein, sie ist es nicht», sagt Brogli.

Wer klatscht denn schon Tamara Wernli an die Wand? Streetart von The London Police

Wer klatscht denn schon Tamara Wernli an die Wand? Streetart von The London Police

Rätselhafte Mosaik-Bilder

Niemand kommt darauf, dass die Liegende Burlesque-Künstlerin Zoe Scarlett sein könnte. Ist es aber, ziemlich sicher jedenfalls. «Zu 100 Prozent wissen wir es nicht», sagt Brogli. Persönlich habe er das Künstlerkollektiv The London Police noch nie getroffen, in der Urban-Art-Szene munkle man aber, der Basler, der die britischen Künstler für das Wandwerk beauftragt hat, habe sich Zoe Scarlett als Sujet gewünscht. Im Gegensatz zu anderen Kunst-Werken an Wänden im öffentlichen Raum ist dieses legal.

Als Gründer der Projektraum-Galerie Artstübli am Steinentorberg kennt Brogli die Hintergründe zu Graffitis und anderen Urban-Art-Bildern im öffentlichen Raum wie kaum ein Zweiter. Heute zeigt er Freunden des Mäzenen-Sohnes Gabriel Eckenstein, was Basel zu bieten hat.

Eckenstein, selber sozial engagiert, hatte die Tour an einer gemeinnützigen Auktion ersteigert. «Ich fand die Idee spannend, weil man nicht weiss, worauf man sich einlässt», sagt er. Und wahrlich – die roten Kacheln am «Salt»-Haus in der Steinenvorstadt etwa geben der Gruppe Rätsel auf.

Invader (2013) an der Schneidergasse.

Invader (2013) an der Schneidergasse.

Ist das Kunst? «Ja», sagt Brogli, «dahinter steckt der französische Streetart-Künstler Invader, dessen Identität wie bei vielen seiner Kollegen unbekannt ist.» Invader verewigt Figuren aus dem Spiel «Space Invaders» als Mosaik – in 77 Städten weltweit wie etwa New York, Bangkok, Berlin und meist illegal. Invader zählt zur obersten Liga der Streetart-Künstler. Von den 28 Mosaiken, die er während der Art 2013 angebracht hat, sind noch etwa 22 übrig.

Broglis Urban-Art-Tour führt vorbei an zwei weiteren Invaders am Rümelinsplatz und an der Schneidergasse. «Ein Bewilligungsgesuch für ein Mosaik oberhalb eines Strassenschildes hätte die Stadtbildkommission wohl abgelehnt», sagt der Galerist. Generell sei es in Basel schwierig, legal zu sprayen oder zu malen und dafür staatliche oder private Wände zu finden. Die Industriellen Werke Basel (IWB) bildeten eine Ausnahme.

IWB als Urban-Art-Förderer

Brogli arbeitet mit ihnen als Vermittler zusammen. Die Fassade der Bezirksstation Holbein am Schützengraben zeigt seit vier Jahren eine Mohnblumenlandschaft des Graffitikünstlers Boogie. Vorher war es – eine graue Wand. Wobei: Grau bleibt eine Fläche wie jene der Bezirksstationen nie lange. Schnell erobern sie Sprayer in der Nacht.

«Auf den Häuschen, die von Künstlern gestaltet wurden, sind seither jedoch kaum mehr Tags und Schmierereien zu sehen», sagt Brogli. Zu gross sei der Respekt der Sprayer gegenüber den Kollegen. Wobei es auch Reibereien zwischen jungen und älteren der Szene gäbe. «Einige Junge werfen den Älteren vor, nicht mehr ‹real › zu sein, weil sie sich teilweise für ihre Arbeiten bezahlen lassen.» Oft hätten diese keine andere Wahl, da sie inzwischen Familienväter seien und mit eigenen Ateliers Geld verdienen müssten.

Dreiland-Aktion während Art

Die Urban-Art-Szene ist zu gut 80 Prozent männlich. Der abstrakte Basilisk auf der Seitenfassade des Paddy-Reilly’s-Pubs an der Heuwaage zeigt aber, dass es auch Frauen drauf haben – wenn sie denn wollen. Die Zürcher Künstlerin Maja Hürst, in der Szene als Tika bekannt, hat 2015 drei Wochen lang mit Spraydosen und Silberpapier auf einem Gerüst verbracht, um die Wand zu gestalten. Selbstverständlich legal, im Auftrag der Hausbesitzerin.

Bereits jetzt sind die Farben leicht ausgebleicht. Urban Art ist vergänglich. Und manchmal wird sie auch zerstört. Der «Güxslimann» des Künstlers Robert Indermaur am Steinengraben beispielsweise fiel vor vier Jahren der National-Suisse-Sanierung zum Opfer. Die restlichen Figuren im Hof des Hauses haben den Umbau überlebt, sind im Gegensatz zum «Güxslimann» aber versteckt.

«Er zeichnet Menschen, deren Gesichtszüge so echt sind, dass man mit ihnen reden möchte», schreibt die «Schweizer Illustrierte» über den Künstler.

«Er zeichnet Menschen, deren Gesichtszüge so echt sind, dass man mit ihnen reden möchte», schreibt die «Schweizer Illustrierte» über den Künstler.

Und manchmal fällt Kunst im öffentlichen Raum auch dann nicht auf, wenn sie greifbar nah ist. Die vom Basler Tarek Abu Hageb gestaltete Heuwaage-Unterführung entspricht dem Zoe-Scarlett-Prinzip: vorbeigehen, nicht beachten und dann, auf der Tour, das Aha-Erlebnis.

«Die Urban-Art-Bewegung ist in vollem Gang und wird in die Geschichtsbücher eingehen», sagt Philipp Brogli. Sein Artstübli plant ein länderübergreifendes Projekt, das während der Art im wahrsten Sinne des Wortes grossflächig Aufsehen erregen wird. Nur so viel: Seine Tour wird danach ziemlich sicher auch ins benachbarte Ausland führen.

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Autorin

Martina Rutschmann

Martina Rutschmann

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